Vorab: Es gibt gute, lesenswerte Romanbiographien, man denke etwa an die Werke der Autoren Juri Tynjanow, Asta Scheib, John Banville und anderer. Worin nun unterscheiden sich diese (und andere) von Franziska Sperrs Versuch, das an Spannung wahrlich nicht arme Leben Fannys zu Reventlow in einem Roman darzustellen? -- Nun, zunächst einmal darin, dass die o.g. Autoren stets mit offenen Karten spielen. Stets wird klar, was fact ist und was fiction. Hinzu kommt natürlich schriftstellerische Begabung. Das Ergebnis: Neue Perspektiven eröffnen sich in bezug auf das Leben von Alexander Gribojedow, Lena Christ, Johannes Kepler usw., der zeitgeschichtliche Kontext wird lebendig... und vielleicht entsteht sogar ein tieferes Interesse an der historischen Person.
Doch nun zu Franziska Sperrs Versuch: Die Autorin trägt die bereits bekannten Fakten zusammen, hält sich auch an die Chronologie. Eine Nacherzählung also, doch wo liegt der Schwerpunkt, worauf richtet sie ihr besonderes Augenmerk?
Unverhältnismäßig breiten Raum nimmt Reventlows Jugend ein -- dies ist gewiss nicht tadelnswert. Doch welche Ereignisse in deren Biographie erfreuen sich bei Sperr besonders detaillierter Darstellung? Nun, die Autorin verwendet viel Phantasie und wenig Wortgewalt auf allerlei Alkovenhistörchen. Endlich wissen wir, wie sie's mit Herstein getrieben hat! Eine nicht untypische Passage wie "Sie sinken ineinander, halten sich fest, gleiten ganz langsam hinein in den Garten der Lüste" dürfte es kaum in den Zitatenschatz der Weltliteratur schaffen. Auch die Dialoge zeugen meist von solch verunglückter Fabulierkunst, wirken einerseits gestelzt und hölzern, sind andererseits ohne alle Einfühlung ausgerechnet in die hervorragende Stilistin Fanny zu Reventlow. Hat man im Schwabing der Jahrhundertwende wirklich genauso geredet wie in einem pädagogisch ambitionierten Jugendroman der 1970er-Jahre? Darf man in einer x-beliebigen Modesprache das Leben einer bedeutenden Schriftstellerin nacherzählen -- nur der Pikanterie ihrer Amouren wegen? Man stelle sich den Aufschrei vor, wenn dies ein Mann getan hätte!
Des weiteren fallen sachliche Fehler und schludrige Recherche (und Lektorierung) auf: Der eigenartige Kosmiker Schuler hörte auf den Vornamen "Alfred", nicht "Manfred", um nur ein Beispiel zu nennen. Auch sonst scheint sich Sperr nicht allzu lange mit der Lektüre von Reventlows Tagebüchern aufgehalten zu haben, ganz zu schweigen von der Lektüre fundierter Biographien (Szekely, Kubitschek, Egbringhoff). Dafür stößt der erstaunte Leser auf eigenartige Personen wie den polnischen "Onkel" oder auf offenbar unveröffentlichte Briefe von Erich Mühsam. Hat Frau Sperr hier Pionierarbeit in der Reventlow-Forschung geleistet, oder hat sie nur munter drauflos fabuliert? -- Man hätte sie darauf hinweisen sollen, dass auch eine Romanbiographie sich an die Fakten zu halten hat, die mit Farbe und Leben zu erfüllen durchaus ein lohnendes Ziel wäre. Wie steht es damit? -- Nun, auch hier muss kritisiert werden.
Die "Tatsachen", also das, was hier als Tatsachen präsentiert wird, egal ob genau recherchiert, schludrig aus beliebiger Lektüre erinnert oder einfach erfunden, erhält nur dürftiges Gewand; nichts, was man sich etwa beim Lesen von Reventlows Tagebüchern oder Briefen nicht schon selbst und vielleicht genauer gedacht hätte. Wichtige Personen, etwa Ludwig Klages, Karl Wolfskehl oder Bohdan (!) von Suchocki, bleiben schemenhaft, blass und grob skizziert -- man fragt sich, was die Protagonistin an denen nur gefunden hat. Desgleichen ihr Bruder Ludwig: Aha, Fanny und er waren "eng zusammengerückt" ("geistig" diesmal). Die Autorin schreibt's, und wir müssen's glauben, denn Anhaltspunkte für solche und andere Bewertungen finden wir keine in ihrem Roman. Und auch, welches "dionysische Treiben" an einem bestimmten Punkt ihres Lebens die Protagonistin nun beenden will, bleibt unklar, denn vorher war nicht von derlei die Rede. Undundund... es ließen sich noch weitaus mehr Beispiele nennen. Sperr verpasste also auch die Gelegenheit, dem Roman durch nachvollziehbare, lebendige Charakterisierungen Kontur zu verleihen.
Die Mängelliste geht noch weiter: Der Leser von Sperrs Romanbiographie erfährt wenig über Reventlows ersten, autobiographischen Roman "Ellen Olestjerne", noch weniger über ihre verschiedenen Erzählungen und gar nichts über ihre berühmten späteren Romane, ein unverständliches Versäumnis, denn erst hier würde ihre Bedeutung wirklich vermittelbar. Was der Leser hingegen an Sachinformation erhält, lässt sich cum grano salis wie folgt zusammenfassen: Fanny zu Reventlow trieb's mit (fast) jedem, wollte trotz ihres mangelnden Künstler-Talents immerzu malen und übersetzte wie eine Besessene aus dem Französischen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten (meistens war sie hierbei zugekokst). Bleibt die Frage, wieso sie dann so berühmt wurde.
Man fragt sich mit Recht, wieso dieses Buch neu aufgelegt wurde. Echtes Informationsbedürfnis stillt vortrefflich und preiswert Ulla Egbringhoffs sorgfältige rororo-Monographie.