7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Erzählte Geschichte, 10. August 2006
Das Wichtigste vorweg: Dieses Buch ist KEIN Roman, sondern "erzählte Geschichte", will heißen: Es geht hier nicht um den Aufbau eines (romanhaften) Spannungsbogens oder die chronologische Geschichte eines einzelnen Protagonisten, sondern der Autor erzählt in seiner eigenen Handschrift eine Geschichte aus der Geschichte nach: Die Verbrüderung feindlicher (vor allem deutscher und englischer) Soldaten zu Weihnachten/Neujahr 1914/15 an der Westfront.
Dabei verwendet er eine Fülle an historischem Material, das - leider - nicht durchgängig benannt wird. Für den "normalen" Leser ist das o.k., für mich hat es das Erschließen des Buches etwas schwerer gemacht, denn ich habe es zu Recherchezwecken gelesen.
Nichtsdestotrotz bietet dieses Buch viele authentische Einblicke in diesen wahnsinnigen Krieg und ein Stückchen (Weihnachts-)Geschichte, das in der Tat in dieser Dimension unfaßbar ist.
Das kann man erst richtig begreifen, wenn man sich selbst einen Teil der Quellen erschließt, die der Autor genutzt hat, z. B. die Briefe gefallener Soldaten liest. Es ist erschütternd.
Fazit: Ein Buch, das nicht nur viele Fakten, sondern auch ganz viel Gefühl bietet - das aber eines nicht leisten kann und sicherlich auch nicht leisten will: Den Ansprüchen eines Unterhaltungsromans genügen.
Es ist und bleibt ein - sehr persönlich geschriebenes - Sachbuch, das anrührt und begeistert.
Sehr empfehlenswert!
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23 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Oberflächliche Recherche, 10. Juni 2004
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der kleine Frieden im Großen Krieg: Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten (Gebundene Ausgabe)
Eine Kritik zum Buch von Michael Jürgs
Das im November 2003 erschienene Buch wird ja inzwischen überall als Bestseller empfohlen und begeistert aufgenommen. Ich habe es vor ein paar Wochen gelesen und war sehr enttäuscht. Viel hatte ich mir davon versprochen, da es doch durch einen renomierten Journalisten recherchiert und geschrieben wurde. Michael Jürgs war u.a. Chefredakteur beim "Stern" und "Tempo" und hat sich in den letzten Jahren als Autor von Biographien einen Namen gemacht.
Die Beschäftigung mit dem Buch hat mir persönlich weitaus mehr Fragen und Unklarheiten, als interessante neue Informationen gebracht.
Zunächst finde ich, daß die wenigen Stärken in dem Buch immer dann zum Tragen kommen (besonders im Mittelteil), wenn sich Jürgs ganz hart an den originalen Tagebüchern z.B. vom Leutnant Zehmisch orientiert. Dann wird es interessant, ja teilweise sogar fesselnd. Da ist für mich auch sein Verdienst zu sehen. Jürgs hat u.a. eben diese Tagebücher beim Sohn des Leutnants aufgetan. Dazu kommen zum Teil völlig neue, interessante Fotos und Zeichnungen.
Meiner Meinung nach hätte man allerdings besser die Aufzeichnungen einfach nur transkribieren, komplett veröffentlichen und es dann dabei belassen sollen. Was Herr Jürgs mit seiner teils blumig weihnachtswunderseligen, teils harten effekthaschenden Sprache (Generalhandschuhe an denen Blut klebt, Ratten, die Hunde fressen u.s.w) daraus gemacht hat, erinnert mich stark an die geschraubte Schreibweise eines Werner Beumelburg.
Längst als Legenden entlarvte Geschichten werden überbetont eingesetzt. Schon ganz am Anfang des Buches "zelebriert" Jürgs wieder mal das sog. Kindermassaker von Ypern. Ganze Schulklassen, die sich jauchzend samt Lehrer von der Schulbank freiwillig melden und dann von ihren Offizieren in den Tod geschickt werden, während sie das Deutschlandlied singen. Eine kitschige Metapher jagt die andere. Auffallend, daß danach fast jeder Soldat der genannt wird, natürlich ein kriegsfreiwilliger Student ist.
Ein Landsturmmann von Seite 81 bleibt die einsame Ausnahme.
Es ist bekannt, daß sich 1914 eine große Anzahl Freiwilliger zu den Waffen meldete und die Kriegsbegeisterung in weiten Kreisen der deutschen Bevölkerung groß war. Mich stört allerdings, wie Jürgs dies völlig stereotyp und verallgemeinernd immer wieder hervorhebt. Heute weiß man doch längst, daß die deutschen Regimenter des Jahres 1914 in Flandern keineswegs nur aus Freiwilligen bestanden. Außerdem war nicht jeder Freiwillige ein Schüler oder Student ! In den Einheiten der 4. Armee und in den entsprechenden Armeekorps war der Anteil mal höher und mal niedriger. Sieht man sich in den amtlichen Deutschen Verlustlisten der Jahre 1914/1915 bei den entsprechenden Regimentern einmal die schier unendlichen Reihen von Namen an, fällt auf, daß es nicht wenige Einheiten gab, die größtenteils aus aktiven Soldaten, Reservisten, Ersatz Reservisten und Landwehrmännern bestanden.
Bei den Angaben über Verluste dieser deutschen Regimenter drückt sich Herr Jürgs zumindest ziemlich undeutlich aus. So schreibt er z.B. über die kriegsfreiwilligen Studenten, die von ihren Offizieren in den Tod getrieben werden. Sie laufen Arm in Arm, die Gewehre über den Köpfen schwenkend, Blumen an der Pickelhaube, das Lied vom Vaterland auf den Lippen, ins britische Feuer (Zitat: "etwa hunderttausend sind es gewesen.").
Gleich im nächsten Satz nennt er die Zahl von 165 000 deutschen Gefallenen. Es bleibt offen, ob hier etwa alleine die Toten 1914 in Flandern gemeint sind. Aus dem Zusammenhang heraus könnte man es fast meinen. Das hieße die gesamte 4. Armee (und noch ein paar Divisionen dazu) wäre 1914 bei Ypern und an der Yser mit Mann und Maus vernichtet worden.
Ein paar Seiten später schreibt er von 160 000 gefallenen Engländern und 300 000 Mann, die Deutschland bis Dezember 1914 "verloren" habe. Mir persönlich drängt sich der Eindruck auf, daß hier mal wieder aus Gründen der Effekthascherei bei den Verlustzahlen nicht ganz klar zwischen Gefallenen (also Toten) und Verwundeten, Vermißten und Gefangenen differenziert wird. In diesem Bereich hätte dem Buch mehr Ausgewogenheit und vor allem Präzision gutgetan.
Auch werden mal wieder die Schleusen von Nieuwpoort gesprengt, die, wie man heutzutage weiß, nur bei Flut geöffnet und bei Ebbe geschlossen wurden. Beumelburg läßt grüßen ! Das Buch von Karl Unruh: "Langemarck, Legende und Wirklichkeit" hat Jürgs wahrscheinlich nicht gelesen. In diesem für mich immer noch besten Buch über die Langemark-Legende hätte er ansonsten viele seiner aufgewärmten Klischees widerlegt gefunden.
Dazu kommen kleine Fehler und Ungenauigkeiten, die sogar Hobbyforschern sofort auffallen müssen. Beim "95.! bayerischen Reserveinfanterieregiment" mag man noch auf einen Druckfehler tippen. Da taucht plötzlich ein deutscher "Unterfeldwebel" auf, der Infanterie-Offizier Zehmisch stützt sich auf seinen "Säbel" und schon im Text des Schutzumschlages ist von der frohen Nachricht die Rede, die sich an Weihnachten 1914 durch Gräben und "Bunker" verbreitet habe (die ersten Anlagen, die diese Bezeichnung verdienen, wurden in Flandern nicht vor 1915 gebaut).
Dann zieht sich wie ein roter Faden eine klare Trennung zwischen Bayern, Württembergern, Sachsen auf der einen und den bösen Preußen auf der anderen Seite durch das Buch. Aus welchem Grund ?
Die Preußen reagieren nie auf Zurufe. Sie schießen aus ihrem Abschnitt hinüber, als sich die Bayern im Niemandsland mit den "Tommys" treffen und als dabei ein Engländer durch einen Schuß hinterrücks getötet wird, ist es natürlich ein preußischer Scharfschütze gewesen.
Diese Tendenz zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch. Auch wenn man kein Anhänger des Preußentums und dessen ist, was man mit dem Begriff heute verbindet, fällt diese Schwarz-Weiß-Malerei störend auf. Anscheinend sind diese Farben nicht nur 1914 sondern auch 90 Jahre später "die Modefarben der Saison", wie Jürgs am Anfang des Buches die politische Stimmung in Europa beschreibt.
Jürgs läßt keine Gelegenheit aus, um "die Preußen", ab und zu von "den Deutschen" (deutsche Art= martialisch) abgelöst, als kriegslüsterne Killer darzustellen. Sie geben niemals Pardon, während alle anderen meistens menschlich bleiben. Bemerkenswert, daß er dabei wiederholt von fraternisierenden Hannoveraner und vor allem Westfälischen Regimentern schreibt, die ja zum preußischen Heer gehörten und sich größtenteils auch als Preußen ansahen. Die Preußen wohnten scheinbar für ihn 1914 nur in
Potsdam und Umgebung. Hier hätte er dann aber auf der anderen Seite konsequenterweise z.B. von Brandenburgern sprechen müssen.
Diese Trennung ist ungewöhnlich und mir völlig unverständlich, dient aber anscheinend der Intention des Buchs. Der Autor möchte außerdem so scheint es den Eindruck erwecken, daß die Flandernfront Weihnachten 1914 vor Ypern nur von Sächsischen, Bayerischen und ein paar Württembergischen Regimentern besetzt war, was einfach falsch ist.
Da werden dann auch schon mal die Männer vom Reserve Infanterie Regiment 235 (aufgestellt in Koblenz und Bonn) zu Württembergern gemacht, die am 24. Dezember 1915 ihren englischen Gegnern ein Ständchen bringen. Oder ist hier etwa nur die Handvoll Soldaten gemeint, die sich eventuell aus Württemberg in dieses Regiment "verirrt" hat ?
Auch hier lassen die ungenauen Informationen wieder alles offen.
Der absolute "Höhepunkt" ist für mich allerdings die Geschichte von dem angeblich Bayerischen 16. Brigade Ersatz Bataillon, das Weihnachten 1914 bei Diksmuide eingesetzt worden sein soll. Der Kommandeur war ein Deutscher mit dem britisch klingenden Namen John William Anderson (Zitat: "einer der Helden des Weihnachtsfriedens"). Die heroisch erzählte Geschichte besagt, er habe in einem belgischen Hospital auf der deutschen Yserseite eine Monstranz entdeckt. Diese habe er dann ehrenvoll und edel, wie die Bayern ja nun mal Weihnachten 1914 in diesem Buch sind, übers Eis der Yser an belgische Truppen übergeben lassen. Sogar ein Bild ist von dem Anderson vorhanden, der laut Jürgs 1916 an der Somme gefallen ist.
Ein heldenhafter bayerischer Anführer einer heldenhaften bayerischen Truppe, so wird dem Leser suggeriert.
Allein, die Bayern haben 1914 nur ganze 12 Brigade Ersatz Bataillone aufgestellt und es existierte somit gar kein 16. Bayerisches Brigade Ersatz Bataillon. Das einzige Brigade Ersatz Bataillon mit der Nummer 16 wurde 1914 in Torgau errichtet. Dafür gab u.a. das Ersatz Bataillon des Infanterie Regiments 72 zwei Kompanien ab. Es kämpfte Oktober bis Dezember 1914 an der flandrischen Küste und bei Diksmuide.
Es gab einen Major Anderson, der, in Angermünde geboren, zumindest 1910-1914 Hauptmann beim Infanterie Regiment Nr. 72 (Torgau) diente. Bei Beginn des Krieges wurde er höchstwahrscheinlich Major und Kommandeur des eindeutig preußischen Brigade Ersatz Bataillons Nr. 16.
"Ein" William Anderson ist in der Online Datenbank des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge aufgeführt und am 7.10.1916 an der Somme bei Le Sars im Infanterie Regiment Nr. 361 gefallen. Dieses Regiment wurde wiederum u.a. aus eben dem besagten 16. Brigade Ersatz Bataillon...
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