Der Hype um das Buch machte mich neugierig. Beim Lesen war ich überrascht, denn was sich hier findet, ist eigentlich schlichte, relativ konservative Vernunft. Zwar ist der Ausgangspunkt des Autors jeweils eine andere Spielart menschlicher Fehlwahrnehmung (mitunter gar als neuste Entdeckung der Hirnforschung deklariert). In Handlungsmaximen umgemünzt ist man dann aber im Großen und Ganzen bei dem, was man gemeinhin "gesunder Menschenverstand" nennt.
Dass man sich im Umgang mit anderen Menschen nicht vom schönen Schein blenden lassen, sich nicht von schnellen Gewinnchancen mitreißen oder überzogenen Verlustängsten entmutigen lassen soll; dass man Risiken und Chancen nüchtern einschätzen und die Kosten vor einem Projekt gründlich überschlagen sollte; dass man das Denken nicht anderen überlässt, dass Geld nicht glücklich macht, wohl aber gute Beziehungen, dass Wegschauen und Untätigkeit schlimmer sein kann, als eine falsche Entscheidung; blinder Aktionismus hingegen die Dinge oft nur "verschlimmbessert"; dass man bei Verlusten den Blick für Relationen nicht verlieren sollte, nicht vorschnell dem Bauchgefühl folgt, sondern besser den Verstand einschaltet; dass man Schuld zuerst bei sich selbst suchen und nicht auf andere schieben sowie sich nicht selbst überschätzen sollte - das alles sind Dinge, die uns schon unsere Mütter immer ans Herz gelegt haben.
Dass man gerade in Wirtschaftskreisen so von Dobelli begeistert ist, verwundert zusätzlich, weil vieles, was der Autor schreibt, ja gewissermaßen seitenverkehrte Werbe- bzw. Marketingpsychologie ist:
"Dieses Buch wird Ihr Denken verändern." (Prof. Dan Goldstein, London Business School)
"Ein Feuerwerk an Erkenntnis!" (Prof. Iris Bohnet, Harvard, Leiterin des Harvard Decision Science Laboratory)
"Muss man dieses Buch lesen? Unbedingt!" (Prof. Dr. h.c. Roland Berger, Gründer und Honorary Chairman von Roland Berger Strategy Consultants)
"Rolf Dobelli ist sowohl mit Sachkenntnis als auch Erfindungsgabe gesegnet - eine seit Ende der Renaissance seltene Kombination." (Nassim Nicholas Taleb, The Black Swan)
Wenn man dies Verzückung für das eigentlich Selbstverständliche erlebt, wundert einen nicht mehr, wie es zu den gegenwärtigen Krisen in vielen Bereichen kommen konnte und warum man sich mit Lösungen so schwer tut.
Es ist ein interessantes Phänomen, dass die Nachfrage nach gesunden Konzepten der Entscheidungsfindung und Orientierung gerade in den gesellschaftlichen Eliten so groß ist. Bereits seit einiger Zeit geht der Trend dabei deutlich hin zum Altbewährten. Konfuzius und Sunzi werden als Lehrmeister entdeckt; Jesus als Leit- und Vorbild. Klöster erleben einen Run ratsuchender Manager. Die aktuelle Krise hat all das noch verstärkt.
Tatsächlich könnte man nahezu jedes Kapitel in Dobellis Buch auch mit Bibelversen untermauern. Im Kapitel zur "Reziprozität" nimmt Dobelli selbst Bezug auf die Bergpredigt: "Vergeltet nicht Böses mit Bösem". Ebenso denkt man an Paulus: "Überwinde das Böse mit Gutem" oder "Geben ist seliger denn nehmen" - neuerdings eine der zentralen Thesen der empirischen Glücksforschung.
Noch vor einigen Jahren ging es in der Managementliteratur um ganz andere Schwerpunkte: Vergiss alle Regeln und folge deinen eigenen! Du musst den Erfolgt nur wollen! Setze dich durch! Think positiv! The sky is the limit! Lass Bedenkenträger und Moralisten hinter dir! - Nun herrscht Katerstimmung und eine Sehnsucht nach Bodenständigkeit, Augenmaß, Solidität, Charakter, Anstand, Werten, Gemeinsinn.
Das Ganze erinnert an ähnliche vorangegangene Entwicklungen, bspw. im pädagogisch-psychologischen Bereich. Auch hier feierte man in den 60ern bis in die 80er Jahre hinein das Ende der Familie und Zweierbeziehung und meinte mit Laissez Fair-Erziehung den besseren Menschen heranzubilden. Selbst für viele der damaligen Protagonisten mündete dies in schmerzhafte Lernprozesse.
Am Ende kam man einmal mehr im Großen und Ganzen dort an, wo christliche Sozialethik (selbstredend nicht unbedingt die kirchliche) schon 2000 Jahre vorher war.
Das Manko des Buches besteht darin, dass es zwar viele gute Ratschläge gibt, jedoch auf das begrenzte Vermögen des Menschen, diese auch umzusetzen, keine Antwort hat. Unproblematisch ist es letztlich insofern nicht, dass solide Grundsätze der Entscheidungsfindung und Handlungskonzeption wiederum in erster Linie in den Dienst effektiver Geschäftemacherei oder des eigenen Vorteils gestellt werden. Die Ressource Menschlichkeit, derer wir so dringend bedürfen, wird so sicher nicht vermehrt.