Der amerikanische Lyriker Robert Bly erörtert in diesem in vier Teile gegliederten Buch seine These, dass die heutige (amerikanische) Gesellschaft beinahe ausschließlich aus Erwachsenen, die Jugendliche bleiben und aus Kindern, die kein Verlangen danach haben, erwachsen zu werden, besteht. In dieser Gesellschaft werden die Älteren vernachlässigt und die Kinder verlassen, da keiner mehr bereit ist, Verantwortung für andere zu übernehmen. Auf sog. „vertikale“, traditionell vermittelte Werte wird verzichtet, stattdessen versuchen sich die Jugendlichen in einer horizontalen, kindlich geprägten Gesellschaft gegenseitig zu erziehen.
Bly vermutet, dass „der Konsumkapitalismus mit seiner Abhängigkeit von der Stimulation der menschlichen Besitzgier etwas Grundlegendes in der psychischen Struktur des Menschen verändert“ haben muss. Anders kann er sich den Wandel der optimistischen, geselligen und solidarischen Jugend der 60-er Jahre zu den „schwermütigen, verschlossenen, todessehnsüchtigen, gleichgültigen, blasierten, sich in dekonstruktivistischer Attitüde gefallenden Jugendlichen“ heutzutage nicht erklären.
In dem ganzen Buch benutzt Bly Märchen, Mythen und Gedichte aus verschiedenen Kulturkreisen, um seine Standpunkte zu illustrieren. Im ersten Teil des Buches, welcher sich an dem Märchen „Jack und die Bohnenranke“ orientiert, präsentiert er (scheinbar) zusammenhanglose Ideen und Bilder von der sufistischen Tradition über Ergebnisse der Gehirnforschung aus dem frühen 20. Jh. bis hin zu Freuds Psychoanalyse, um seine These zu stützen und sogar evolutionstheoretisch und gehirnphysiologisch zu belegen. Beispielsweise bezieht er sich auf Erkenntnisse des Anatomieprofessors Bolk, gemäß denen ein erwachsener Mensch grosse Ähnlichkeiten mit einem Schimpansenfötus einen Monat vor der Geburt habe, woraus Bly schließt, dass der Mensch so etwas wie eine Frühgeburt eines Primaten mit einem überentwickeltem Großhirn sei. Er geht sogar noch weiter und vermutet, dass wir heute zwei Monate zu früh geborenen Schimpansen entsprechen und somit unser ganzes Leben lang nicht über die Phase der Jugend hinauskommen. Mir scheint, dass er, wie dieses Beispiel zeigen soll, oft zu weit geht, Vergleiche aus ihrem Zusammenhang reißt und für seine Zwecke benutzt, ohne sie auf eine nachvollziehbare Art und Weise zu belegen oder ausführlich genug zu argumentieren. Der simplen, sprunghaften und oberflächlichen Argumentationsweise Blys kann ich nichts abgewinnen, auch wenn seine Grundthese wohl einen wahren Kern beinhaltet.
Die anderen drei Teile des Buches sind etwas weniger chaotisch. Im zweiten Teil, der sich bisweilen wie ein psychologischer Erziehungsratgeber liest, behandelt Bly die Auswirkungen der kindlichen Gesellschaft auf das Innere der Familien. Dabei spricht der Sprecher der Männerbewegung immer wieder bedauernd über die „vaterlose (bzw. elternlose) Gesellschaft“, die den Jugendlichen das Erwachsenwerden erschwert, da es für sie keine Vorbilder mehr gibt. Auch weist er in seinen entwicklungspsychologischen Ausführungen immer wieder auf die verheerenden Auswirkungen des Verlusts von Initiationsritualen hin. Scheinbar werden die jungen Menschen nicht nur durch die „Junkkultur“ mit ihrem Überfluss an Pornographie und Leistungsdruck überfordert, sie werden hierbei auch alleine gelassen mit ihren gleichaltrigen Freunden und dem Fernsehen als Eltern- und Kommunikationsersatz.
Im dritten Teil setzt sich Bly mit der kindlichen Gesellschaft außerhalb der Familien auseinander. Den Erwerbs- und Konsumkapitalismus sieht er als Ursache für die heute vorherrschenden Hartherzigkeit und den Mangel an sozialem Engagement. Danach erläutert er die Entwicklung verschiedener Frauen- und Männerbewegungen, die das Ende der patriarchalen Gesellschaftsstruktur herbeigeführt haben. Bly ist der Meinung, dass die kindliche Gesellschaft das Vakuum ausfüllt, welches das Ende der paternalen bzw. patriarchalen Gesellschaft hinterlassen hat.
Kultur ist das Thema des vierten Teiles. Bly macht das Fernsehen, das der bilderschöpfenden Potenz des Gehirnes Schaden zufügt, für die heute vorherrschende Seichtheit der Kunst verantwortlich. Eine Gefahr für die Kultur und die Gesellschaft als Ganze sieht er auch darin, dass in der kindlichen Gesellschaft die Fähigkeit, Mythen und Symbole zu verstehen, weitgehend verloren gegangen ist. In diesem Teil des Buches und im Epilog sind viele Gedichte zu lesen, die Bly fast zwanghaft auf seine These der kulturellen und spirituellen Verarmung in der kindlichen Gesellschaft hin interpretiert.
Im Großen und Ganzen erweist sich Bly in diesem Buch als scharfer Beobachter der amerikanischen Gesellschaft. Einige seiner Thesen sind erschütternd zutreffend –andere hingegen deuten darauf hin, dass Bly ein älterer Mann ist, der sich über die heutige Zeit wundert und die gesellschaftliche Entwicklung gern um hundert Jahre zurückdrehen würde. Leider ist seine Argumentationsweise zutiefst unwissenschaftlich, obwohl der Autor am Ende des Buches eine lange Literaturliste angibt.
Bly entwickelt auf ca. 350 Seiten eine Gesellschaftskritik, die für jedermann lesbar und durch die Anreicherung mit vielen Geschichten unterhaltsam ist. Allerdings zeichnet er ein ausschließlich negatives Bild von der amerikanischen Gesellschaft und bietet keine konkrete soziale Lösung für die von ihm geschilderten Probleme an.