Ich suchte gestern für unseren 22 Monate alten Sohn ein Buch, das mal etwas anders sein sollte, als die Bücher, die er schon hat - ich muss dazu sagen: er ist stolzer Besitzer eines Regales mit 115 Bücher, da weder er, noch ich an einem Kinderbuch vorbei gehen kann. Deutlicher Schwerpunkt im Regal sind Bilderbücher, die in irgendeiner Weise Wissen vermitteln, so Bücher aus der Wieso-Weshalb-Warum Junior Reihe von Ravensburger, die mein Sohn allesamt liebt... aber irgendwie fehlt bei diesen Büchern das Herz, die Seele, das Feinsinnige.
Mit der Vorstellung, irgendein anthroposophisches Bilderbuch über Magie, Zwerge und schimmernde Schätze zu erstehen, ging ich in die Buchhandlung (sorry amazon, aber ich musste wirklich mal stöbern). Heraus kam ich dann allerdings statt des Zwergenbuches, mit "Hab keine Angst, Nanuk". Ich sah es, warf einen Blick auf die ersten Seiten und bezahlte. Daheim kuschelte sich mein Sohn an mich und ich las ihm die Geschichte vor, danach ein weiteres Mal und heute früh, er noch in Schlafanzug, ich ungewaschen und ebenfalls im Schlafanzug, das dritte Mal. Jedesmal verschlug es mir auf der vorletzten Seite die Stimme, weil ich vor Rührung und stillem Glück fast weinen musste.
Erzählt wird mit wunderschönen Bildern in Aquarelltechnik (wobei die Motive zwar Detail zeigen, aber nie überladen sind, nie wie ein Comic wirken) die Geschichte des kleinen Eisbären Nanuk, der in der Kälte und ewig dauernden Dämmerung des Polarwinters solche Sehnsucht nach der Sonne hat, in deren Wärme er gerne wieder spielen möchte, dass er sich auf dem Weg macht, sie zu suchen. Er verlässt in der Früh', angelockt vom Polarlicht, die Höhle und seine noch schlafende Mutter, an die er eben noch gekuschelt lag. Und trifft auf seiner kurzen, aber abenteuerlichen Reise ein freundliches Karibu, eine junge Robbe, die die Sonne noch nie gesehen hat, eben weil sie noch so jung ist und einen riesengroßen Blauwal, der den kleinen Nanuk letztlich wieder nach Hause zur wartenden und sich sorgenden Mutter bringt. In ihren Armen schläft der kleine Abenteurer ein. Und während sie ihm versichert, dass die Sonne immer wieder kommt, erscheint am Horizont die Sonne, die den Pelz des kleinen Nanuk in warmes, gelbes Licht taucht. Sie hat ihre Reise vom anderen Teil der Erde beendet, wo sie die Tiere, die dort leben, wärmte.
Der Text ist kurz, einfühlsam und für ein zweijähriges Kind durchaus verständlich, auch wenn das Buch erst ab dem vierten Lebensjahr empfohlen wird, was aber sicher mit den dünnen Seiten zu erklären ist. Es ist aber eben auch ein Buch, das vorgelesen werden sollte, während Kind und Leser kuscheln, so dass es wohl kaum zu verknickten Seiten kommen kann. Unser Sohn stellte heute das Buch von "Nuk" und der "SONNE!!!" geradezu ehrfürchtig und liebevoll zur Seite, denn die Zeichnungen vom kleinen Nanuk und der unglaublich schön gemalten Kulisse, gehalten in violett, weiß, blau und gelb, muss man einfach lieb haben. Diese feinen Strichlein, die das Fell puschelig wirken lassen, die putzigen Tatzen, die großen Augen der Robbe; wirklich ein ganz anderes Buch. - Und die sachlichen Ritter und Feuerwehrleute blieben heute mal ganz im Regal. Dafür ist auch später noch Zeit. Gönnen wir den Kleinen doch ein bisschen mehr Zauber und Magie, ein wenig mehr Stille und Geborgenheit.