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Das zerstörte Nachkriegseuropa und eine junge Amerikanerin, 21. März 2006
Rezension bezieht sich auf: Der kälteste Winter (Gebundene Ausgabe)
Nach einem bereits lange andauernden, erfolgreichen Schriftstellerleben wurde Paula Fox erst vor einigen Jahren auch in Deutschland "entdeckt". Ihr Stil ist schnörkellos, lakonisch, durchsetzt mit poetischen Einsprengseln. ("Ich berührte seine Unterschrift, als wäre es sein Gesicht.") Wer sich mit der außergewöhnlichen Biografie dieser Frau beschäftigt hat, die in ihrer Kindheit von absolut unfähigen Eltern wie ein Gegenstand mal hier und mal da abgestellt wurde, weiß, dass diese Frau nicht so einfach zum Staunen zu bringen ist. Dieses Erinnerungsbuch einer jungen Erwachsenen schließt an die Kindheits- und Jugenderinnerungen, die Paula Fox in dem biografischen Roman "In fremden Kleidern" festgehalten hat, an. Im Frühjahr 1946 verlässt Paula Fox New York auf einem umgebauten Kriegsschiff die Staaten und reist - in der Hoffnung auch einige eigene Probleme hinter sich zu lassen - nach Europa. Das Wetter auf dem alten Kontinent ist eisig, passend zu ihrer eigenen Gefühlslage und der des von einem langen, fürchterlichen Krieg geschundenen Europas. Als unerfahrene Korrespondentin einer britischen Nachrichtenagentur mit vagem Auftrag soll sie aus Paris und anderen Städten Geschichten mit "ein bisschen Lokalkolorit drumherum" abliefern. Politisch ist sie nicht engagiert. Nach Deutschland, wo gerade die Nürnberger Prozesse beginnen, reist sie nicht. Sie hat auch keine Prognosen für die Zukunft parat. Ihr Blick ist der einer außenstehenden jungen Frau, die eigentlich Abenteuer suchte und völlig unvorbereitet auf Desaster stieß. Genau dieser fremdartige, arglose Blick auf den verwüsteten Kontinent, der sich langsam wieder berappelt, ist aber das Interessante an diesem Buch. Viele Journalisten und Schriftsteller mit großem historischem Wissen haben über das Nachkriegseuropa geschrieben, aber niemand so unbefangen, außenstehend, wie Paula Fox. Für die junge Amerikanerin war diese Reise sehr aufrüttelnd. Sie sagte einmal, dass diese Zeit sie sehr berührte und befreite: "Ich konnte plötzlich auch etwas anderes sehen als mich selbst." Ein gutes Buch, nicht nur für Geschichtsinteressierte, sondern auch für die Leser, die gekonnt erzählte Geschichten ohne komplexe Konstruktionen zu schätzen wissen. Da in diesem Buch reale Ereignisse mit tatsächlich existierenden oder einst lebenden Persönlichkeiten festgehalten werden, darf nicht unerwähnt bleiben, dass sich Paula Fox auch irrt oder falsch erinnert. So schreibt sie, dass sich die schöne Ehefrau des englischen Verlegers Dennis Cohen, Kathryn Hamill Cohen, Ärztin und einstiges "Ziegfeld-Girl", im Winter 1946/47 während eines Skiurlaubs in der Schweiz das Leben genommen hat. Richtig ist, dass Kathryn Cohen Selbstmord beging. Allerdings in ihrem Haus in Chelsea und in der Neujahrsnacht zum Jahr 1960, wie "The Daily Mail" am 5. Januar 1960 berichtete. Die eigenwillige Frau des englischen Verlegers hatte 1949 eine Beziehung mit Patricia Highsmith und verbrachte mit ihr einige Monate in Italien. Unter anderem besuchten sie Positano, das als "Mongibello" im "talentierten Mr. Ripley" literarisch wiedererstand. Nachzulesen in der Highsmith-Biografie "Schöner Schatten" von Andrew Wilson. Patricia Highsmith wiederum schrieb, vermutlich 1964, eine Kurzgeschichte über eine junge Frau, die sich beim Skifahren in den Alpen das Leben nahm. Diese Story wurde erstmals 2002 im Rahmen der Werkausgabe von Diogenes veröffentlicht. Die beiden Schriftstellerinnen sind nahezu gleichaltrig und haben Jahre ihrer Jugend in New York verbracht, sind sich aber vermutlich nie begegnet. Paula Fox ist die Großmutter von Courtney Love und vielleicht Highsmith-Leserin. Die großen Geschichtenerzähler - was ist wahr an ihren Erzählungen, was verändert, erfunden? Was war ihre Motivation, der Antrieb? Das bleibt uns Lesern meist verborgen. "Der kälteste Winter" ist trotz dieses Irrtums uneingeschränkt empfehlenswert! Helga Kurz
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Eine begnadete Geschichtenerzählerin, kritisch, mutig und unsentimental, 28. Januar 2008
Rezension bezieht sich auf: Der kälteste Winter (Gebundene Ausgabe)
Paula Fox Der kälteste Winter C.H.Beck ISBN 3406542085 Die Grande Dame der amerikanischen Erzählkunst Paula Fox hat mit diesem Buch ein weiteres Kapitel zu ihren Lebenserinnerungen hinzugefügt. Man darf getrost behaupten, dass ihre eigene Lebensgeschichte ihren Blick für die Widersprüche der Welt geschärft hat und in ihren Büchern verarbeitet worden ist. Im Nachkriegswinter 1946, sie ist 23 Jahre alt, plant sie eine Europareise. Sie will weg aus New York und hofft, dass sie den Kummer ihres 23 jährigen Lebens damit hinter sich lassen kann. Der Mythos Europa lockte sie und ihr Interesse für den Kommunismus. < 'Ich hatte keine Familie, gegen die ich rebellieren konnte und suchte nach Geborgenheit und Gemeinschaft' >. Wegen der 'Gleichberechtigung der Rassen' fühlte sie sich zum Kommunismus 'hingezogen'. Das Geld für die Überfahrt verdient sie sich als Kellnerin. Ihre Erlebnisse führen sie zuerst in die Jazzclubs von New York, wo sie berühmte Größen der Jazzszene erlebt: Paul Roberson und Billie Holliday sind nur zwei von den genannten. Auf einem ehemaligen Truppentransporter tritt sie die Reise nach Europa an, die in London ihren Anfang nimmt. Verbindungen durch ihren Vater, der Drehbuchschreiber war, schaffen ihr den Einstieg in die Welt des Showbusiness, der Zeitungsverleger, der Dichter und der Journalisten. Überall findet sie Unterkunft, und kleinere Schreibjobs verschaffen ihr die nötigen Mittel zum Überleben. Paula Fox ist eine sensible Beobachterin. Bald schon entdeckt sie auf ihren Reisen in das alte Europa, nach Warschau, Prag und Barcelona die Spuren des verheerenden zweiten Weltkriegs. Kinder in einem alten Schloss der hohen Tatra, deren Eltern ermordet wurden, erschüttern ihr Gemüt. Das Warschauer Ghetto und die Zerstörungen der Städte lassen sie ahnen, welche mörderischen Spuren der Krieg hinterlassen hat. Der Winter 1946 war extrem kalt, so dass ihre Mitreisenden und die Einwohner der besuchten Städte unter der Kälte schwer zu leiden haben. Paula Fox schreibt einen geschliffenen Stil und erzählt mit Leidenschaft. Zuweilen lesen sich die vielen Namen in ihrem Buch wie ein who is who jener Tage nach dem Krieg. Da sie jedoch zu jeder Person ihre persönlichen Eindrücke wiedergibt, zudem mit feiner Feder die Zeitströmungen, die Ängste, die Hoffnungslosigkeit und den Zerfall des alten Europa protokolliert, ist ihre Geschichte ein unwiederbringliches Zeugnis der düstersten Geschichte der deutschen, osteuropäischen und nicht zuletzt der spanischen Vergangenheit zur Zeit der Falangisten. Ihre warmherzige Beobachtungsgabe, die dem eigenen Leben und Leiden entstammt, ist von Genauigkeit und unbestechlicher Ernsthaftigkeit. Zuletzt wendet sie sich enttäuscht vom Kommunismus ab, den sie mit Hoffnungen versehen hatte, die er nicht eingelöst hat. Das Buch ist mit Abbildungen versehen, die ihre Reprotagen anschaulich ergänzen.
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Erinnerungen an das befreite Europa, 26. März 2006
Rezension bezieht sich auf: Der kälteste Winter (Gebundene Ausgabe)
Im Frühsommer 1946 reist Paula Fox nach Europa. Eigentlich sucht sie nur eine Möglichkeit, New York zu entkommen, denn sie glaubt, die Probleme ihres 23jährigen Lebens würden verschwinden, wenn sie nur den richtigen Ort finden würde. Stattdessen findet sie Städte in Trümmern, Menschen, die vom Krieg, von Verfolgung, Hass und Widerstand gezeichnet sind. Paris, Warschau, London und das immer noch faschistische Spanien sind die Stationen dieser Reise. Das junge Mädchen ist naiv, aber nicht dumm und sie nimmt Details war. Zunächst denkt der Leser, sie beschreibt eben, was sie sieht und das stimmt auch. Doch hinter all jedem Detail schlummert eine Geschichte. Die amerikanische jüdische Journalistin, die so spröde die vornehme Madam spielt - eines Nachts gesteht sie, wie furchtbar es für sie ist, dass sie als einzige kein Familienmitglied im Holocaust verloren hat. Das Modell, das ein Medizinstudium beginnt und nach dem Examen in Winterurlaub fährt - dort bringt sie sich um. Als Fox nach Amerika zurückkommt, weiß sie: "Der zweite Weltkrieg hatte überall in Europa solche Zerstörungen angerichtet, Millionen und Abermillionen Menschen waren dahingemetzelt worden, und doch hatte mein Jahr mir etwas jenseits meines eigenen Lebens gezeigt, hatte mich von Ketten befreit, von deren Fesseln ich gar nichts geahnt hatte, hatte mich etwas anderes sehen lassen, als mich selbst. Paula Fox ist eine Meisterin der kleinen Geschichten und das zeigt sie auch in diesen Reportagen, in ihren Erinnerungen an ein Europa in Trümmer. Mit wenigen Worten kann sie im Leser einen Film ablaufen lassen und beweist einmal mehr, dass sie zu den ganz großen Schriftstellerinnen unserer Zeit gehört. Und manchem, der ihre Reportagen liest, mag es danach scheinen, als ob all die Heroen unserer Feuilletons, ganz gleich, wie wichtig sie sich nehmen, ganz gleich, ob sie Günther Grass oder Botho Strauss heißen, daneben wie drittklassige Provinzschreiberlinge aussehen. Fazit: Eindrückliche Reportagen aus Europas kältesten Zeiten von einer Meisterin der Wörter. (C) Hans Peter Roentgen
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