Was ich an modernen, zeitgenössischen Gedichten oft vermisse, ist der Nachhall, der bei Erich Fried zu finden ist.
Seine Texte hallen nach, haben Klang, Substanz. Sie sind nicht so verschachtelt, dass man sie kaum noch versteht, und er lässt auch die verbindenden Worte nicht weg, nein, er schreibt sie. Fried schreibt Gedichte mit scheinbaren Wiederholungen, die aber keine Wiederholungen sind, sondern Nuancen, Nachfühlungen, Interpretationen, die gleichzeitig zum eigenen Nachfühlen anregen. Frieds Gedichte entführen aus dem Hier und Jetzt in eine andere Welt, poetisch, mit einfachen, klaren Worten, die jeder, auch der Ungebildete, versteht. Man muss nicht studiert haben, um den Nachhall in Frieds Gedichten zu erkennen. Man muss nur den Mut haben, seine Texte zu lesen. Der Rest ergibt sich von selbst.
Hier eine kleine Entführung von Erich Fried, aus einem anderen Buch:
Am Meer
Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren
und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes
einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen
Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen
nur Meer
Nur Meer
(dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen)