Sagen und Mythen, die von Begebnissen aus grauer Vorzeit berichten da der Mensch in seiner naiven, traumwandlerischen Verfassung noch nicht die Fähigkeit besaß, vollends zwischen Realität und Einbildung zu unterscheiden, sind, Dank ihrer mündlichen Überlieferung und den damit verbundenen Ausschmückungen durch viele Generationen von Erzählern, meist äußerst verwirrende Angelegenheiten von geradezu verzweiflungserregender Vielschichtigkeit, denen sodann in den Skriptorien frühmittelalterlicher Klöster zu allem Überfluß auch noch oftmals ein vollkommen aus der Luft gegriffenes christlich-ethisches Leitmotiv aufoktroyiert wurde.
Desto erfirschender ist es daher, zu wissen, dass zumindest einige wenige uralte Legenden die Neuzeit entweder intakt erreicht haben, oder aber in aufwendigen Restaurierungsprozessen vom bröckelnden Putz fehlgeleiteter Beschönigungsbestrebungen befreit worden sind, bis buchstäblich nichts übrigblieb als die nackte -und z.T. sehr blutige - Wahrheit. In diesem in jeder Hinsicht schlichten Band stellt uns Rónán Ó Dhomhnaill eine Auswahl bekannter und weniger bekannter Legenden Altirlands vor, und zwar in einer Sprache, die von wissenschaftlicher Akribie zeugt und jeglicher romantischer Verklärung entbehrt. Damit trägt er maßgeblich zu einer dringend notwendigen Korrektur des deutschen Irlandbildes bei, das bisher geprägt war von den etwas versponnenen- wenn auch gut gemeinten- Darstellungen der Lady Augusta Gregory und manch anderem Schöngeist des sogenannten 'Celtic Revival', die die keltisch-irische Kultur gewissermaßen durch Butzenscheiben betrachteten, sie aber immerhin vor dem sicheren Untergang retteten. Ó Dhomhnaills Texte hingegen zeigen uns die Welt der großen keltischen Helden, wie z.B. Fionn Mac Cumhaill (Fingal), Cuchullainn, Oisin (Ossian) und Conchobhar als eine von hochentwickelten Naturvölkern dominierte Sphäre, in deren Wertvorstellungen und Handlungsweisen sich sowohl die höchsten als auch die niedersten menschlichen Charaktereigenschaften mit derart kindlicher Unbefangenheit offenbarten, dass es aus heutiger Sicht schon fast wieder rührend erscheint. Urmenschliche Regungen wie Liebe, Treue, Ehre, Wollust, Trauer, Neid, Tücke, Haß und Habsucht kommen darin mit unschuldger Vehemenz zum Ausdruck und vermitteln ein Gefühl wilder Vitalität, die unserer Generation abhanden zu kommen scheint. Nirgends in diesem Band ist auch nur eine Spur von störender Moralinsäure anzutreffen und man merkt sogleich, dass hier ein gewissenhafter, auf Objektivität bedachter Historiker am Werk war, dessen Liebe zu seiner Kultur darin besteht, dass er sie mit aller gebührenden Ehrlichkeit ins Auge zu fassen sucht. Die ihrerseits unprätentiösen Tuschezeichnungen der Illustratorin Michaela Raß tragen erfolgreich zur ästhetischen Erfahrung bei und spiegeln den symbolhaften Charakter keltischer Kunst insofern wieder, als dass die Figuren schemenhaft -und somit hinreichend abstrakt- gehalten werden, indes der durch übermäßige Vervielfältigung leider etwas aus der Mode gekommenen Zierat der La Tène Phase nur spaerliche Verwendung findet.
Hier mag der geneigte Leser in aller Ruhe Geschichten wie "Oidhe Clainne Lir" (Das Schicksal der Kinder von Lir) oder "Bás Cuchulainn" (der Tod des Cuchulainn) in ihrem historischen Kontext erfassen und somit doppelt genießen, denn jede Sage erhält ihre eigene geschichtliche Erläuterung und wird zusätzlich mit hilfreichen Fußnoten versehen, was ich persönlich für sehr wichtig halte. Das Nichtmuttersprachlertum des Verfassers fällt hingegen kaum ins Gewicht und tut der Qualität des Gebotenen im großen-ganzen keinen Abbruch. Hie und da allerdings würde der Stil von einer höheren Quote an Genitivkonstruktionen profitieren, und auch die altehrwürdigen, in Märchen gebräuchliche formelle Anrede "Euch/Ihr" anstelle des etwas bürokratisch anmutenden "Sie" würde dem Gesamteindruck förderlich sein, aber diese unerheblichen Mängel könnten in einer zweiten Auflage ohne größeren Aufwand behoben werden. Ich zumindest kann diesen Stoff ohne Vorbehalte weiterempfehlen.