Ein Künstler schreibt ein Buch übers Fliegen? Nur auf den ersten Blick gibt diese Kombination Anlass zur Irritation. Spätestens nach den ersten Seiten wird deutlich, dass das Gefühl des Fliegens für viele Künstler ein vertrautes Gefühl ist. Sogar der fast bewegungsunfähige Henri Matisse verdankt seine letzten Meisterwerke genau diesem Gefühl: 'Sie können sich garnicht vorstellen, wie sehr bei diesen Papierschnitten dieses Gefühl des Fliegens ... mir hilft, die Hand zu lenken ... Ich würde sagen, es ist wie ein lineares, grafisches Gleichgewicht der Flugempfindung.'
Gerd Anders stellt in seinem schmalen Band 'Up up into the Air' Mythen und Tatsachen aus der Geschichte des Fliegens zusammen, die eines besonders deutlich machen: Diese Geschichte ist lang und immer wieder ein Flug der Phantasie. Ikarus und Alexander der Große sind besonders frühe Beispiele für den menschlichen Versuch, sich in die Lüfte zu erheben. Leonardo da Vinci hat mit seinen nie erprobten Flugmaschinen eine technisch-künstlerische Variante eingebracht.
Es folgte eine Zeit der tatsächlichen Eroberung des Luftraumes, in dem die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema eher in den Hintergrund gedrängt zu sein schien. Heute, wo Menschen nicht nur die Erde umfliegen, sondern auch den Weltraum erobern, wird der Traum vom Fliegen folgerichtig wieder deutlicher als Flug der Phantasie. Gerd Anders zeigt diesen Zusammenhang an Beispielen aus der Kunst der Moderne auf - erwähnt seien hier nur die Flugapparate von Vladimir Tatlin und die Photomontagen von Yves Klein.
Den Abschluß dieses informativen und unterhaltsamen Ausflugs bilden eigene Arbeiten von Gerd Anders. Fremdartige Gebilde aus Stahlblech erscheinen zum Beispiel in der Luft über Shanghai und sehen aus, als sei ihre Anwesenheit völlig selbstverständlich. Das Gleiche gilt für die Pyramiden aus Stahlblechstreifen, die in militärischer Formation über einer europäischen Waldlandschaft fliegen. Diese Fotomontagen überzeugen nicht nur durch ihre eigene Ästhetik, sondern auch durch den Humor, der immer wieder aufblitzt. Ein empfehlenswerter Band für Künstler und künstlerisch Interessierte.
Mara Dittmann