Da ich aus eigener Erfahrung weiß, dass man das erfolgreiche Handeln an den Börsen nicht aus Büchern lernen kann, lese ich Börsenbücher inzwischen zur Ideenfindung und zur fröhlichen Erbauung. Besonders erbaulich finde ich zum Beispiel das folgende Zitat (S.65): "Diese neue, revolutionäre Sichtweise auf die Börse, auf alle dort handelnden Teilnehmer und speziell natürlich auf Sie als den wichtigsten Faktor in Ihrem Trading ermöglicht es Ihnen, auf einem vergleichsweise geradlinigen Weg in den Trader-Olymp zu gelangen!". Na, dann mal los.
Auf den ersten knapp 140 Seiten erfahren wir viel über das, was uns mental beim Traden erwartet. Wir lernen, dass wir nur erfolgreich seien können, wenn wir eine Methode und einen Zeitrahmen für unser Handeln finden, die zu uns passen. Man kann geteilter Meinung sein, ob man diese Erkenntnis nicht auch prägnanter und kürzer hätte formulieren können. Der Autor schreibt offenbar gerne viel. Danach stellt er einige allgemeine Anfänger-Börsenregeln auf, die sicher nicht falsch, aber wahrscheinlich auch letztendlich genau so nutzlos sind. Mich erinnert das an Ermahnungen aus der Kindheit. Wenn ich sie hätte wirklich beachten sollen, waren sie schon vergessen. Der Mensch lernt leider am besten durch Schmerz und am wenigsten aus den Erfahrungen anderer.
Meine Lieblings-Regel hier ("Jagen Sie dort, wo kein anderer jagt!") wird immer wieder gerne in Börsenbüchern aufgestellt. Mal abgesehen davon, dass das Finden eines solchen Jagdgebietes keine sehr hohe Wahrscheinlichkeit besitzt, gibt es gerade dort, wo sich viele tummeln auch viel Liquidität und Volatilität, also genau das, was ein Trader liebt. Und da wir ja bald auf dem Trader-Olymp sind, werden wir doch auch rechtzeitig merken, wenn dieses Jagdgebiet gefährlich wird. Oder?
Nach diesen Regeln folgen viele interessante Ausführungen über das Wesen der Börse. Auch die Chaostheorie und der berühmte Schmetterling, der mit seinem zarten Flügel irgendwo schlimme Dinge auslöst, werden erwähnt. Dieser esoterische Blödsinn hat mit der Chaostheorie rein gar nichts zu tun. Wer es dennoch glaubt, sollte demnächst wegen eventueller Schuldgefühle vorsichtiger niesen. Um es kurz zu machen: Vieles ist in diesem Abschnitt durchaus lesenswert und richtig und gipfelt in der Kernaussage, dass jeder an der Börse genau das bekommt, was er eigentlich (unbewusst) will. Diese Aussage stammt vom legendären Trader Ed Seykota und soll uns warnen.
Denn beim Handeln an der Börse werden uns wie nirgendwo sonst gnadenlos unsere Schwächen vor Augen geführt. Wir können diesem manchmal schlimmen Selbsterkenntnisprozess nicht ausweichen und ihn schon gar nicht durch das Lesen eines Buches abkürzen, auch wenn das der Autor vielleicht suggerieren möchte. Ab Seite 143 kam für mich plötzlich unerwartet Spannung auf. Auf einmal werden asiatische Kampfkunstarten und Zen-Techniken bemüht. Dabei geht es darum, den ewigen inneren Monolog des Verstandes auszuschalten, damit die Intuition unser Trading bestimmt. Das gipfelt schließlich in drei Schritten, in denen uns der Autor den Weg in einen gedankenfreien Zustand weisen will. Wer übrigens schon einmal mit asiatischen Kampfkunstmeistern trainiert hat, der weiß, dass sie Techniken nicht erklären, sondern nur immer wieder zeigen. Wozu erst den Verstand einschalten, wenn man ihn doch ausschalten möchte? Und hier schließt sich der Kreis, denn genau das ist der Grund, warum man intuitives Trading nicht aus Büchern lernen kann. Man muss es praktisch probieren, und das kann auch mal lange dauern und teuer werden.
Im zweiten Teil des Buches beginnt der Autor unsere Intuition mit Techniken zu füttern. Seine Target-Trend-Methode wird auf den nächsten 120 Seiten in einem Basiskurs erläutert. Bei dieser reichlich aufwendigen Methodik werden Widerstands- und Unterstützungslinie sowie alle möglichen vernünftigen Trendlinien, Zeitzyklen und Fibonacci-Niveaus in den Chart eingezeichnet. Überschneidungspunkte sind dann Zielkurse, wobei die Anzahl der Überschneidungen die Bedeutung des Ziels adelt. Ohne nun streiten zu wollen, ist mir nicht ganz klar, was an dieser Methode vom Prinzip her wirklich neu sein sollte. Andererseits habe ich dies in einer solchen ausführlichen Systematik noch nirgendwo gesehen.
Nun sind wir in der Mitte dieses umfangreichen Werkes angelangt. Auf den nächsten einhundert Seiten wird uns die Methode des Autors detaillierter vorgestellt. Insbesondere werden einzelne Targets charakterisiert und zahlreiche Beispiel angeführt. Besonders interessant ist dabei der Dax-Crash von Anfang 2008, den der Autor damals noch als unvorhersehbar einstufte. Ich möchte keinesfalls die Methode des Autors infrage stelle oder gar bezweifeln, dass man mit ihr profitabel traden kann, gebe aber zu bedenken, dass sie recht kompliziert ist, auch wenn sie einfach aussieht. Kritiker könnten darüber hinaus einwerfen, dass das Einzeichnen sehr vieler Trendlinien, Fibonacci-Niveaus, Zyklen und Unterstützungs- und Widerstandslinien auch zu vielen Targets führt, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass früher oder später einer oder auch viele von ihnen annähernd getroffen werden oder dass die Kurse durch ihn durchmarschieren oder ihn berühren oder dicht daneben landen.
Im letzten, 120 Seiten langen Teil des Buches wird uns die Target-Trend-Methode dann im kommentierten Trading vorgestellt. Der Leser findet dort zahlreiche ergänzende und sicher funktionierende Techniken. Es wird noch einmal klar, dass die mit dieser Methode gefundenen Kurse als Ziele einer Bewegung oder als Einstiegsstellen in einen neuen Trend gesehen werden müssen. Das erleichtert Tradingentscheidungen ungemein, wenn man diese Technik wirklich beherrscht.
Was nämlich in diesem Buch leicht und einfach aussieht, wird in der Praxis nicht so einfach sein. Wenn man wie der Autor eine Technik selbst entwickelt, dann macht man dabei auch Phasen der Ernüchterung durch, die zu Verbesserungen führen. Gleichzeitig programmiert er dabei seine Intuition, denn er hat hunderte von Charts studiert, um das herauszufinden, was er uns hier als vorläufiges Endprodukt präsentiert. Diese Phase fehlt uns Lesern ebenso wie unsere eigene praktische Erfahrung mit dieser sicher interessanten Methode.
Jeder muss also erst in seiner Praxis für sich entscheiden, ob diese Technik für ihn funktioniert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man die meisten Targets auch zweifelsfrei mit anderen Techniken identifizieren kann. Es gibt beim Traden keine universelle Methodik. Wenn es so wäre, gäbe es keinen Markt mehr, denn dann würden alle dasselbe versuchen.
Das Buch besitzt einen Anhang, in dem bestimmte im Buch vorkommende Sachverhalte ergänzend betrachtet werden.
Fazit.
In diesem etwas überladenen Werk wird uns eine interessante Technik vorgestellt, die zur Identifikation von bestimmten Kursniveaus von Bedeutung und entsprechenden Handelsentscheidungen führen soll. Ob sie jeden geradlinig auf den Trader-Olymp führen wird, wie die Autoren etwas unbescheiden behaupten, bleibt abzuwarten, denn dazu gehört mehr als das Lesen eines oder dieses Buches. Die Target-Trend-Technik ist durchaus innovativ und sicher profitabel, wenn man mit ihr so umgehen kann wie die Autoren. Den Punkteabzug gibt es für die überzogene Länge dieses Buches und die wenig ausgeprägte Bescheidenheit seiner Autoren.