Die Blogosphäre und die FLOSS-Community
Ich muss gestehen, dass ich vor dem Lesen des Buchs die Bloggerszene eher als einen Haufen pubertierender Teenies belächelt habe, die ihr Herzschmerz-Tagebuch nun auch noch online stellen. Auch wenn ich mir bewusst war, dass einige Journalisten Weblogs nutzen, um aus Krisenregionen unzensiert ihre persönliche Sicht zu transportieren, habe ich kaum geglaubt, dass es ohne erheblichen Aufwand möglich sein sollte, die interessanten Blog-Nachrichten aus Abermillionen von "Mein Freund, das Schwein, hat mich verlassen"-Einträgen irgendwie sinnvoll herauszufiltern. Um so mehr war ich begeistert, von Erik Möller sehr anschaulich Projekte kollaborativer Blogs wie das besonders faszinierende "kuro5hin.org" vorgestellt zu bekommen: Ein Online-Magazin, bei dem jeder einen Artikel zur Veröffentlichung einreichen kann. Die Qualitätskontrolle inklusive der Zulassung oder Ablehung des Artikels findet ausschließlich - und das finde ich das eigentlich Bemerkenswerte daran - über ein ausgeklügeltes Votingsystem durch die Benutzer-Community statt. Ich finde, dass Möller nur leicht übertreibt, wenn er in diesem Zusammenhang von einer Revolution der konventionellen Medienkultur spricht.
Durch mein Web-2.0-Unwissen habe ich bis dato auch kaum einen Zusammenhang zwischen der Blogospähre und der FLOSS- und Wikipedia- Community sehen können. Erik Möller zeigt auf, dass die beiden Communities zwar nicht äquivalent sind, sich durchaus aber stark überschneiden: viele der attraktiven Projekte der Blogossphäre wie slashdot (shlashdot kannte ich, ich war mir aber nie darüber im Klaren, dass es sich hier um ein erweitertes "kollaboratives Blog" handelt) und kuro5hin sind in den Kreisen der Linux- und Open-Source-Szene entstanden. Das von ihm angeführte Paradebeispiel für eine Verschmelzung von Web-2.0-Technologien und freier Inhalte aber ist Wikipedia selbst, da sie auf der kollaborativen Technik der Wikis aus der Blogosphäre aufbaut und zusätzlich ihre Inhalte frei lizensiert sind (was in einem Wiki nicht zwangsläufig der Fall sein muss). Eine Tatsache, die ich mir zuvor noch nicht bewusst gemacht habe.
Qualität freier Inhalte
Kritiker freier Inhalte führen gegen sie oft an (wohl meist mit der - bis jetzt - vollständig ungeprüften Wikipedia im Hinterkopf), dass ein Qualitätsproblem in ihrer Natur läge, da jeder in ihnen "herumfriemeln" könne und somit keine Qualitätssicherung möglich sei. Gekonnt beweist Möller, dass das Gegenteil der Fall ist: Als Gegenbeispiel führt er einerseits den Linux-Kernel an, der einer eher hierachischen, "konservativen" Qualitätskontrolle unter Führung von Linus Torwalds - ähnlich wie in einer konventionellen Firma - unterliegt. Anderseits zeigt er anhand von Debian (und kuro5hin) auf, dass durch geschickte Verwendung von Web-2.0-Technologien auch eine zuverlässige Qualitätsprüfung allein durch die Community möglich ist. Daraufhin lässt er durchscheinen, dass er -im Gegensatz zu Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger - eine Qualitätssicherung durch die Community gegenüber einer Kontrolle durch Experten zur Erstellung von "stable versions" von Artikeln für eine Wikipedia 1.0 vorzieht. Ob sich ein subtiler Fehler in einem Lexikonartikel ähnlich leicht durch Hinschauen möglichst vieler Menschen (unter denen möglicherweise die meisten keine Experten auf dem Gebiet sind) erkennen lässt, wie ein Bug in einem Softwareprogramm, sei dahingestellt.
Anonymität und Sicherheit
Stutzig gemacht hat mich, dass Erik Möller sich zwar durchaus der Gefahren der vollständigen Überwachung des Menschen durch elektronische Technologien bewusst zu sein scheint. So kritisiert er bespielsweise am Online-Zahlungssystem "PayPal" nicht nur, dass es Benutzer nach eigenem Belieben und oft ohne Angabe von Gründen sperrt, sondern auch, weil es eine vollständige Überwachung der Zahlungsvorgänge seiner Benutzer durch seinen Betreiber eBay möglich macht, und hebt die Überlegenheit eines anonymen Zahlungssystem wie eCash hervor. Auch macht er auf die enormen Potentiale aufmerksam, die Quelloffenheit von Software durch die Möglichkeit des offenen peer reviews für die Sicherheit bietet. Web-2.0-Technologien wie Blogs und besonders Social Networks ala MySpace und StudiVZ und auch dem semantischen Web tritt er aber hinsichtlich der Gefahr der Nutzerüberwachung vollständig kritiklos gegenüber. Doch damit nicht genug schreibt er auf Seite 217: "[...] Im März 2004 stellte die Firma HP ihre Vision einer 'Always-On-Kamera' vor, die direkt in eine Brille eingebaut ist. [...] Es ist gut möglich, dass sich auch unsere Wertvorstellungen zu Überwachung und Privatsphäre ändern, wenn wir uns den digitalen Blicken gar nicht mehr entziehen können: eine Entwicklung, die durchaus auch positive Folgen haben kann. In Korea wurde beispielsweise eine Handy-Kamera eingesetzt, um die Misshandlung einer Schülerin durch ihren Lehrer zu dokumentieren [...]". Die Bekämpfung von Kriminalität als Argument für die vollständige Aufgabe der Privatsphäre anzuführen halte für unzulässig - auch, wenn das im Zuge der sogenannten Terrorismusbekämpfung inzwischen Gang und Gäbe ist.
Die Zukunft freier Inhalte
Oft wird behauptet, dass die Ideen freier Software in ihrem Kern kommunistisch sind wie es auch Bill Gates einst behauptete Es mag etwas Wahres daran sein, da schließlich bis jetzt die meisten der Entwicklungen auf unbezahlter Basis geschehen sind, man freie Inhalte kostenlos verteilen darf und außerdem zumindest einige aus der Community es verurteilen, dass Unternehmen freie Inhalte kommerziell vermarkten. Da ich aber der Meinung bin, dass sich die Erschaffung freier Bits als professionelles Entwicklungsmodell nur durchsetzen kann, wenn sich mit ihrer Erzeugung auch Geld verdienen lässt, fand ich es schön zu lesen, wie pointiert Möller einer Meinung "freie Inhalte = Kommunismus" entgegentritt: "Auch die Entwickler von Linux oder die Autoren von Wikipedia müssen Miete, Nahrung, Kleidung und Versicherungsschutz bezahlen. Sicher, es wird immer Entwickler geben, die etwa durch ihre Eltern oder durch Universitäten gesponsert werden. Aber auf Papas Bankkonto lässt sich keine neue Ökonomie aufbauen. Das Internet hat das Potenzial, über elektronische Bezahlsysteme die freie Kultur zu katalysieren. Wenn Geld als Bedrohung angesehen wird und nicht als Chance, könnte das die Ziele der Bewegung gefährden."
Stil
Im Gegensatz zu einem sehr wissenschaftlich verfassten Buch wie beispielsweise "Volker Grassmuck: Freie Software - Zwischen Privat- und Gemeineigentum" ist die heimliche Medienrevolution eher im flocker-leichten Internetmagazin-Stil gehalten - was das Lesen durchaus sehr angenehm macht. Manchmal aber, finde ich, treibt es Erik Möller etwas zu weit und versteigt sich ins Polemisieren. So spricht er gerne von den "alten Eliten" und lässt sich sogar dazu hinreißen, die Mitarbeiter von Microsoft mit Priestern und Mönchen zu vergleichen: "Das 'Closed Source'-Modell von Windows ähnelt den sozialen Verhältnissen des Mittelalters. Mönche (Microsoft-Entwickler) bereiten die Wahrheit auf, Priester (Marketingstrategen) reduzieren sie nach Kriterien der Ausweitung und Unantastbarkeit des kirchlichen Monopols, und das gemeine Volk hat sie unkritisch aufzunehmen - eine andere Wahrheit neben dem Monopol ist nicht zulässig und wird mit allen Mitteln bekämpft.". Auch die historischen Darstellungen im ersten Kapitel sind mir zum Teil etwas zu einseitig und zu stark vereinfachend, wenn auch bestimmt nicht uninteressant.
Bemerkenswert hingegen finde ich, dass das Buch für ein Sachbuch sehr "flach" strukturiert ist - der Autor verwendet zusätzlich zu den Kapitelüberschriften nur eine weitere Tiefe an Unterpunkten -, der rote Faden durch das Buch aber nie ergraut und immer klar ist, worauf Möller hinaus will; die Unterpunkte gleichen eher den einwurfartigen Zwischenüberschriften eines Zeitschriftenartikels und verdeutlichen nur noch einmal, worum es im Fließtext gerade geht.
Fazit
Ich denke, dass das Buch für jeden, der sich für freie Software oder Open Content erwärmen kann, auf jeden Fall etwas bieten kann, aber auch politisch oder gesellschaftlich Interessierte sollten - meiner Meinung nach - um dieses Buch keinen großen Bogen machen. Zumindest für Medieninteressierte ist es ein unbedingtes Muss!