Der Autor ist ein studierter Tibetkenner. Sein Stil unterscheidet sich wohltuend von vielen anderen Tibet Autoren, die sich gerne in nebulösen Formulierungen über angebliche Mysterien und Erkenntnisse verlieren. Gruschke weiß genaueres.
Tibet ist ein Land voller Sagen, Geister- und Aberglauben Die Menschen sind umgeben von einer großartigen Natur, die die Seele tief zu beeindrucken vermag. Das Leben ist hart und entbehrungsreich. Aber beim Hüten der Schafe und Rinder hat man Zeit nachzugrübeln und sich inspirieren zu lassen. Wann daraus Geschichten und Glaubensinhalte wurde, bei denen Wirklichkeit und Fiktion eine Verbindung einging, kann jetzt nicht mehr von Bedeutung sein. Viel wichtiger ist, dass der Glaube bis heute lebendig geblieben ist und das Leben der Menschen mitbestimmt.
Das, über was der Autor schreibt, ist also immer noch Bestandteil des Volksglaubens. Die Tradition wird sich weiter verändern, so auch die Farbe des Teppichs, in dem die Mythen und Realitäten miteinander verwoben sind. Die Geschichten und Legenden sind ein Teil des Brauchtums der Tibeter und damit auch ein Teil ihres Bewusstseins geworden. Das macht wohl auch einen Teil der esoterischen Faszination, den dieses Landes und seine Menschen auf so viele westliche Menschen ausüben, die eine bloß materialistische Welt nicht für ausreichend erachten, aber auch den Inhalten - oder vermeintlichen Inhalten - der Religionen des Westens nichts abgewinnen können.
Diese Geschichten und Legenden, erzählt aus der Sicht der Tibeter, können dabei behilflich sein, zu verstehen, wie die Tibeter denken, fühlen und träumen. Sie handeln von heiligen Stätten, historischen Ereignissen und Personen. Da erfährt man wie es zur Gründung des Ganden Klosters kam, warum Tibeterinnen ihr Gesicht schwärzten, wer der Lebensspender der Tibeter ist, warum die Mädchen von Yarla so hausbacken sind, etc..
Diese Antologie soll auch den früheren Band "Mythen und Legend der Tibeter" ergänzen. Der Autor hat sie zusammengetragen aus der Sekundärliteratur oder er hat sie selbst mündlich von den Menschen aufgenommen. Seine Auswahl richtet sich nach kulturgeschichtlicher Relevanz, Bekanntheitsgrad, Zugänglichkeit der Quellen und Bedeutung der Personen und Orte. In den Mythen und Legenden finden sich nicht selten besondere Erkenntnisse, vor allem die von ihrer so einprägsamen Umwelt beeinflussten Vorstellungen der Menschen. Das meiste, was dem Tibeter als ein Stück Realität vorkommt, dürfte dem westlichen Rationalisten legendenhaft erscheinen. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo in der Mitte.
Kritisches schreibt der Autor in seinem Kapitel über Lhasa gestern und heute. Er zitiert dabei westliche Autoren, die ein eigensüchtiges Priestertum gesehen haben wollen, das dem Volk Bildung verweigert; sklavische Abhängigkeit, die das Volk in dumpfen Mystizismus verharren lässt; lamaistische Hierarchie, die die Nationalkraft schwächt; dünkelhafte Selbstüberschätzung, die sich an den Geboten der Zeit versündigt; ein unterprivilegiertes und ausgepowertes Volk, statt Hygiene Geisterabwehrzauber und Gebete.
Das alles ist etwas in den Hintergrund geraten, seitdem die Chinesen den Bel mit Belzebub austreiben wollten. Aber auch die Tibeter selber, wie einige der Geschichten zeigen, waren kritisch mit sich selbst und den Verhältnissen, die sie geschaffen und zugelassen haben. Allen voran der Dalai Lama. Reformen waren geplant. Zu spät. Als die Chinesen einmarschierten, war das Land schon so etwas wie ein "leeres Gefäß".
Sehr interessant fand ich außerdem das Kapitel über das mystische Shambala, ein Reich des Glücks und Friedens, das tibetische Shangri La, eine Art irdisches Himmelreich. Seltsam, selbst die Tibeter hatten erkannt, dass ihr großartiges Land schwerlich großartig genug ist! Hinter dem Horizont geht es weiter...
Die Kapitel sind thematisch geordnet. Es ist jeweils ein Unterkapitel nachgeordnet, in welchem durch die Erläuterung des weltanschaulichen Hintergrundes und des historischen Zusammenhangs eine Deutung der Inhalte möglich wird. Der Leser kann sich also der Thematik schrittweise annähern.
Textnachweise und Literaturhinweise bieten dem interessierten Leser die Möglichkeiten tiefer in die Materie einzudringen. Im Anhang dient ein ikonographisches Skizzenbuch dazu die Gottheiten des tibetischen Pantheons besser zu identifizieren. Falls eine mal in der Meditation erscheinen sollte, weiß man gleich wen man vor sich hat! Praktisch!
Ein Buch sicherlich nur für Tibetinteressierte. Qualitativ hebt es sich von den anderen Büchern über Tibet, die ich kenne, ab.