Die Familie Mansholt verkaufte in einem spontanen Anflug von Freiheitsdrang all ihre Habseligkeiten im heimischen Oldenburg, um sich eine einzige und alleinige Yacht anzusehen, und genau diese, die "Nis Randers", zu kaufen und sich ohne seemännische Erfahrung auf die Weltmeere zu wagen! Drei Jahre lang versorgte Bernd Mansholt uns, die segelbegeisterte Internetcommunity, mit seinen ausführlichen Tagebüchern. Heute, drei Jahre später, sind die Mansholts wieder in der Heimat und haben sich in Alltag Oldenburgs reintegriert. Das Buch ist eine Beschreibung ihrer Reisen quer durch die Weltmeere, sowie eine rührende Geschichte über eine Vater-Sohn Beziehung.
Warum macht man so etwas?
Vor hundert Jahren wäre es keinem Seemann auch nur in den Sinn gekommen, dieses extrem beschwerliche und entbehrungsreiche Leben freiwillig auf sich zu nehmen! Heute jedoch sind hunderte von deutschen Weltumsegler in tropischen Gefilden unterwegs, stehen untereinander, teilweise sogar mit deutschen Relaisstationen in der Südsee, in Kontakt und lernen sich auf den monatelangen Ankerplätzen an den schönsten Plätzen der Welt beim obligatorischen Sundowner kennen. Dazu fällt mir übrigens ein Spruch des Altmeisters Bobby Schenk ein, der gerade diese Tage vor Manila mit seinem Katamaran liegt: " Langfahrtensegeln heißt, sein Boot an den schönsten Plätzen der Welt zu reparieren!" Segeln ist also Maloche, körperstählende Schweißarbeit und nichts für schwache Nerven! Wer schon mal in Marinabars auf den Malediven, in Bora Bora, in Port Louis oder Tonga war, weiß, um was es sich bei den endlosen Tischgesprächen der "Blauwasserseglern" einzig und alleine dreht: wie bekomme ich dieses seltene Ersatzteil, wie komme ich um den teuren Zoll herum, wer schickt mir diese oder jene Pumpe aus den USA und wie erzeuge ich möglichst viel Strom? Da ist mit Romantik nicht viel drin und das Leben auf dem stickigen, kleinen Raum ist an manchen Tagen auch nicht besonders angenehm. Deshalb liegen ja auch Blauwassersegler 90% ihrer ganzen Zeit in Häfen. Denn jede Meeresüberquerung kostet Übrwindung, will sehr gut vorbereitet werden und ist mir großen Risiken verbunden!
Genau diese erzählen die Mansholts ganz entspannt, lassen uns an Wassereinbrüchen im Motorraum, an Beinahekollisionen in der Nordsee, an Piratenüberfällen auf Nachbarschiffe teilhaben! Das Buch ist etwas weniger ausführlich als das hochspannende Internettagebuch, eher eine Zuammenfassung, aber gibt die Eindrücke liebenswert wieder und macht Lust auf mehr Meer!
Doch wie es uns auch Paul Coehlo schon in seinem netten Chemikerbuch eindrucksvoll nahebringt und wir Leser es ja auch schon immer wußten: die schönste Insel der Welt ist die Heimat! Und das meinte auch die ganze Familie Mansholt.
Bleibt die Frage: haben sie jemals Deutschland verlassen?
Wie auch ganz deutlich in der bewegenden Vater-Sohn Beziehung dargestellt wird, war es eine lehrreiche Reise zu sich selbst, mit den eigenen Koffern (unser Leben, unsere Geschichte, unsere persönliche "Legende") ständig im Boot. Ein Durchatmen, ein mächtiger Adrenalinstoss, um dann wieder die Errungenschaften der Zivilisation genießen zu können, das Kästchen "Abenteuer" abgehakt zu haben und sich daraufhin um so perfekter in die deutsche Wirklichkeit einzuleben und sich dort wohlzufühlen!
Solche Weltumseglerbücher gibt es viele. Ich selbst stehe mit mehreren Weltumseglern in persönlichen Mailkontakt und bin immer wieder von der literarischen Qualität der Reiseschilderungen begeistert! Einer meiner Freunde ist zur Zeit mit seiner Yacht "Petit Cheval" vor Surinam, zwischen Goldschmugglern und Delfinschwärmen, und kann auf mehreren langen Seiten das bloße Aufholen seines Ankergeschirres beschreiben: die Morgenbrise, die dabei weht, der Sonnenaufgang, das Kräuseln des Wassers, das Glucksen in der Bilge, das Platschen der fliegenden Fische gegen die Bordwand. Man sieht: diese Leute haben Zeeeit, viel Zeit, nachzudenken, in sich zu gehen und doch wird es ihnen nicht langweilig, denn das Bordleben erfordert die ganze Frau und den ganzen Mann! Nicht zu verschweigen sollte man aber auch der Vollständigkeit halber die vielen gescheiterten Existenzen auf dem Wasser, ja, es bildete sich in den letzten Jahren eine recht dramatische Unterschicht von Blauwasserseglern, die mittellos in irgendeinem Hafen dieser Welt zu überleben versuchen! Von konsistenten Einnahmen über einen Buchverkauf ihrer erlebten Abenteuer träumen viele vergebens, Jobs werden heute überall bevorzugt an flinke, billige Einheimische vergeben und die 2000 Euro pro Monat für eine solche Reise müssen doch irgendwie aufgebracht werden! Das ist die Kehrseite der Medaille und ich denke, es ist nützlich, auch darüber mal zu sprechen!
Die Familie Mansholt hatte das schlussendlich auch eingesehen und ist wieder in den heimatlichen Hafen eingelaufen! Wem dieses Buch gefällt und wer sich weiter mit dem Thema auseinandersetzen will, dem empfehle ich hier ganz ausdrücklich die toll-romantischen Bücher von einem der größten Segler aller Zeiten: Bernard Moitessier! Moitessier segelte in den dreißiger Jahren mit Eigenbausegelbooten von Saigon aus um die ganze Welt, lebte in völliger Askese auf kleinen Inseln, wurde eins mit der Natur und seiner Seele!