Kurzbeschreibung
Die vorliegenden Studien zeigen, daß die einzelnen Bauteile von Kirchen und Kathedralen im hoch- und spätgotischen Europa in ihrer künstlerischen Ausstattung und ihren architektonischen Formen klar definierte Erzähl-, ja Erlebnisräume waren. Heute sind uns, infolge der Auswirkungen der Reformation und des Konzils von Trient, die ursprünglichen Botschaften und Symbolik dieser Räume nicht mehr ohne weiteres erschließbar. Besten Einblick geben jedoch Figuren, die an Festtagen im Zentrum der Feiern standen und vielfach so konstruiert waren, als ob sie ihre Bewegungen scheinbar von alleine ausführten. Der Autor nennt sie darum >handelnde Bildwerke<. Jedes dieser Bildwerke hatte seinen eigenen Ort der Verehrung im Kirchengebäude und die künstlerische Ausstattung nahm in ihrer Symbolik darauf bezug. Dies gilt für Innen- wie Außenbau. Aus der Fülle des Materials seien der Anschaulichkeit halber wenige Beispiele herausgegriffen. So war der Chor Schauplatz von Pfingstfeierlichkeiten mit herniederschwebendem Engel oder Pfingsttaube; an Mariä Verkündigung stieg aus den Gewölben in Querhaus oder Vierung eine Engelsfigur herab und brachte die Frohe Botschaft; aus den Gewölben der Langhausjoche flogen Engel ins Kirchenschiff hinab, um an Mariä oder Christi Himmelfahrt eine Figur der Gottesmutter bzw. des Salvators in den Himmel zu geleiten. Aber nicht nur Architektur und künstlerische Ausstattung wurden in den Dienst der Sache gestellt, sondern ebenso natürliche Faktoren wie der Einfall des Sonnenlichts, um den >handelnden< Bildwerken überirdischen Glanz zu verleihen. Ein Gedanke, den die Gegenreformation und der Barock aufnehmen und weiterführen werden. Erst vor diesem Hintergrund sind viele Altäre Gian Lorenzo Berninis oder der Gebrüder Asam in ihrer ganzen gegenreformatorischen Tiefsinnigkeit zu begreifen. Die vorliegenden Forschungen folgen aber nicht nur kunstgeschichtlicher Methodik, sondern beziehen auch tragende sozialgeschichtliche Konflikte der Hoch- und Spätgotik mit ein; obenan steht die Laienemanzipation, da vor allem Stadtpatriziat und weltlicher Adel immer mehr Einfluß auf die Errichtung des Kirchengebäudes und seiner Ausstattung nehmen und darum vielfach handelnde Bildwerke stiften.