«Und plötzlich eine Biegung im Weg»
Batya Gur: «So habe ich es mir nicht vorgestellt»
Eine der prominentesten Kriminalautorinnen Israels legt erstmals einen Roman vor, der nicht zum Detektivgenre gehört. Oder sollte man eher von Akzentverschiebung statt von Genrewechsel reden? Denn so psychologisch fein gezeichnet, gesellschaftskritisch pointiert die Krimis Batya Gurs sind, so detektivisch mutet nun bisweilen die Geschichte einer Frau an, die aus der glücklichen Konstanz ihres Erwachsenenlebens aufgerüttelt und mit ihrer Kindheit konfrontiert wird. Bereits in «Denn am Sabbat sollst du ruhen» hat Gur die Verwandtschaft zwischen psychoanalytischer und kriminalistischer Aufdeckungsarbeit deutlich gemacht.
Eine Leiche im Keller gibt es zwar nicht zu bergen in dieser unspektakulären, doch eindringlichen Spurensuche. Jo'ela, eine erfolgreiche Gynäkologin, die ihr Privatleben als Mutter und Ehefrau ebenso souverän meistert, von starker Ausstrahlung in all ihren Widersprüchen diese Frau gerät durch einige Begegnungen plötzlich in eine Krise. Keine klassische novel of awakening also, in der die Heldin aus ihren Mädchenträumen in der Enge der Realität erwacht, um dieser endlich zu entfliehen; wir sind um einige Generationen (und Probleme) weiter. Hier geht es um Träume in einem durchaus nicht falschen Leben.
Eine junge Patientin aus dem ultraorthodoxen Mea Schearim, mit einer Geschlechtsanomalie, die sie von der vorgeschriebenen Frauenrolle und damit aus ihrer Welt auszuschliessen droht, beschäftigt Jo'ela weit über ihre ärztliche Pflicht hinaus: eine rätselhafte Anziehung, die zur Besessenheit wird. Scheinbar ohne Zusammenhang die zufällige Begegnung mit dem Dokumentarfilmer Jo'el, dessen offenes Interesse sie verwirrt. Auch diese Anziehung, die Namensidentität spiegelt es, weist letztlich auf sie selbst zurück, rührt an Sehnsüchte, Tabus, nicht bloss sexuelle, deren Existenz sie längst nicht mehr spürte.
Dazwischen schieben sich Erinnerungen an ihre Kindheit, die das kaum mehr als eine Woche umfassende Geschehen um einen inneren Echoraum erweitern. Hinter Jo'ela tritt ein Mädchen voll sensibler Phantasie zutage, eine Aussenseiterin, die um Anerkennung kämpft. Wie Jo'ela langsam lernte, ihre Gefühle und Träume zu unterdrücken und dies als Erwachsenwerden abzutun und warum die Leseratte, die in Büchern geradezu lebte, plötzlich aufhörte zu lesen: die Spur führt zu den Eltern, und weiter noch, in deren Vergangenheit; eine Vergangenheit, die in der israelischen Literatur oft auch dort prägend wirkt, wo sie, wie hier, nur hintergründig zur Sprache kommt. Jo'elas Eltern konnten sich vor der Verfolgung der Nazis nach Israel retten: der Vater ein Musiker, dessen Sehnsucht nach der verlorenen Welt europäischer Kultur auch das Bewusstsein der Tochter prägen wird und vor allem die Mutter, die, fremd in ihrer Schönheit, plötzlich hart und bitter werden konnte, deren Misstrauen bis in die Gegenwart als kritisch abwertende innere Stimme ertönt. Ganz nebenher entsteht ein präzises Gesellschaftsbild, im Längsschnitt dreier Generationen. Während die Kinder noch immer geprägt sind von den Traumata der ersten Generation, begehen die Enkel, bereits hundertprozentige Israeli, in der Schule gerade noch das Ritual des Erinnerns am «Tag der Schoa». «Wurzeln suchen» steht für Jo'elas unbekümmert selbstsichere Kinder auf dem Schulplan; so sehr scheinen sie ihnen abhanden gekommen. «Uns geht es von Generation zu Generation besser», fasst Jo'ela ironisch die Ambivalenz dieser Normalisierung. Die Gegenwart bildet sich ab im gesellschaftlichen Querschnitt; der Konflikt mit der Orthodoxie entwickelt allerdings kaum seine politische Spannung, sondern löst sich als Projektion Jo'elas schliesslich auf.
Und Jo'ela steht ja auch im Mittelpunkt. Der Roman beeindruckt am stärksten als Porträt einer Frau (und des Kindes, das sie einmal war) in all seinen Schattierungen und Farbtönen. Batya Gur gestaltet es mit psychologischem Scharfblick und ebenso wachen Sinneswahrnehmungen, photograpisch genau oder bis hinein in körperliches Empfinden. Selbst geringen Nebenfiguren widmet sie noch volle Aufmerksamkeit. Breite Szenen aus Jo'elas Berufsalltag an einem Jerusalemer Krankenhaus akzentuieren bei allem Realismus medizinischer Details auch das innere Geschehen. Innen und aussen fügen sich hier in seltener Ausgewogenheit zusammen.
Nur: im ganzen spannend erzählt, gerät die Handlung hier und da dennoch etwas weitschweifig. Jo'elas Freundin Hila, ihre chaotisch-impulsive Gegenfigur, nimmt entweder zuviel oder zuwenig Raum ein; die esoterischen Sitzungen, humoristische Variante der Spurensicherung, tendieren als Satire zum Selbstzweck. Vielleicht weil der Autorin hier die schlüssige Struktur eines Kriminal-Plots fehlt?
Mit welch seismographischer Präzision Batya Gur die so unmerklichen wie tiefen Veränderungen in ihrer Figur erfasst, wie allmählich Schichten ihres Selbstschutzes aufbrechen; dies allein schon lohnt die Lektüre.
Ursula Zeller
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.