Der Fundus an Bewerbungsratgebern scheint unerschöpflich, die Qualität schwankt meist extrem. Im Folgenden soll sich dem Werk 'Die 101 häufigsten Bewerbungsfehler" von Claus Peter Müller-Thurau gewidmet werden. Dieser Bewerbungsratgeber brüstet sich mit Experten wie Klaus Zumwinkel - Wollen wir mal schauen was wirklich dahinter steckt.Vor mir liegt nun das Buch, das mit ansehnlichen 174 Seiten daherkommt und bei Eurem Buch-Dealer des Vertrauens für 16,80€ zu haben ist. Das Buch ist sehr handlich und robust, die Schrift ist auch unter widrigen Bedingungen, so etwa im Zug, gut zu lesen. Außerdem hat man das Gefühl, dass man nicht bei jedem Umblättern bald jede Seite einzeln in der Hand hält. Zudem glänzt das Buch weniger durch nervige Farbspiele, sondern ist im klassischen Schwarz und Weiß gehalten, welches dem Leser den Fokus auf das Wesentliche ermöglicht.
Obendrauf gibt es eine CD, auf der sich Musterbewerbungen, Formatvorlagen, Tests und ein Gehaltsrechner befinden. Ohne CD wird wahrscheinlich kein Bewerbungsratgeber mehr ernst genommen. :-) Komisch ist nur, dass sich auf der CD Formatvorlagen für Deckblätter befinden, jedoch sich der Autor gerade über diese 'lästigen Deckblätter" in seinem Buch beschwert. Die Tests hingegen sollen Euch helfen, Eure Stärken und Schwächen richtig einzuschätzen. Diese finde ich auch ganz sinnvoll, da man sich ja nicht immer über alles, was man will und kann hundertprozentig im Klaren ist.
Das Inhaltsverzeichnis verzichtet, anders als der Titel vermuten lässt, auf eine bloße Anreihung begangener Bewerberfehler. Stattdessen finde ich übersichtliche Kapitel mit zusätzlichem Hintergrundwissen vor. Jedoch müssen dabei Abstriche gemacht werden. So werden zwar alle für den Bewerber relevanten Themen angesprochen, gehen jedoch nicht besonders in die Tiefe. Die große Stärke dieses Ratgebers liegt hingegen in der Vielzahl der abgehandelten Themen, die von der Selbsteinschätzung bis hin zum Verhalten im Assessment-Center reichen.
Und da wären wir schon bei dem Inhalt angelangt: Den Anfang machen Anregungen zur Selbsteinschätzung. Expertentipps, so z.B. von Klaus Zumwinkel, sollen dabei helfen, die Fragen zu beantworten: Was bin ich? Was kann ich? Was will ich? Zusammen mit der hilfreichen CD sollte dies für Euch kein Problem mehr sein. Welche Fehler Ihr vor dem eigentlichen Start Eurer Bewerbungsaktion unterlaufen können, schildert Euch der Autor anschließend. So etwa beklagt er sich zu Recht über Massenbewerbungen, denen der individuelle Charakter fehlt.
Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit den Äußerlichkeiten einer schriftlichen Bewerbung. Auch wenn meiner Meinung nach die schriftliche Bewerbung in den meisten Branchen eine aussterbende Gattung ist, möchte ich kurz auf den Abschnitt 'Abgegriffene Unterlagen" eingehen. Dazu findet sich zum Thema Bewerbungshefter folgender Eintrag im Buch:
'(...) Hier ein Beispiel: Nehmen Sie eine preiswerte Prospekthülle, legen Sie ein Blatt Papier darauf und schreiben Sie auf dieses Blatt die Worte 'ungeeignet" und 'Absage". Alles klar! Alles klar? Sie können auf der Plastikhülle lesen, was Sie geschrieben haben. Es gibt Bewerber, die solche Prospekthüllen mit Kommentaren aus missglückten Aktionen ahnungslos weiterverwenden. Auf diesem Wege wurden bereits viel ungewollte Botschaften verschickt, die zudem manchmal nur wenig schmeichelhaft waren." (Müller-Thurau 2004, S. 37f.).
Vor geraumer Zeit ließ ich mich genau über dieses Thema in einem Blogartikel aus. Dieser Abschnitt beweist, dass ich doch nicht so verrückt bin, wie ich dachte. Trotzdem wäre es mir lieber, wenn jemand aus der anonymen Masse tatsächlich schon mal eine solche Post bekommen hätte. Wenigstens einen Kaffeefleck?! So viel dazu.
Der dritte Abschnitt beschäftigt sich ganz klassisch mit dem Anschreiben. Dabei werden Euch nicht nur stupide begangene Fehler aufgezeigt, sondern vielmehr Hilfestellungen für ein gutes Anschreiben gegeben. So werden von möglichen Starttechniken bis hin zum gelungenen Abschluss des Schriftstückes Anregungen gegeben. Im Anschluss daran folgt ein Passus über den Lebenslauf. Und wenn Ihr zudem wisst, dass es nach dem Absenden Eurer Bewerbungsunterlagen heißt: 'Abwarten und Tee trinken", könnt Ihr Euch den darauf folgenden Abschnitt sparen.
Interessanter wird es dann schon wieder bei dem Thema Vorstellungsgespräch, hier schöpft der Autor aus seinem unerschöpflichen Repertoire an Erfahrungen, die er in seiner langjährigen Tätigkeit als Personaler sammeln konnte. Von dem zu unterlassenden 'Aktenvermerk-Gesichtsausdruck" (verkrampfte Gesichtsmimik) über nerviges Profilierungsgehabe bis hin zur Märchenstunde im Vorstellungsgespräch wird dem Leser alles geboten.
Der Umgang mit der Frage nach dem Wunschgehalt widmet sich der Autor in einem separaten Kapitel. Dabei grast er sehr anschaulich alle auftretenden Eventualitäten ab. Im Anschluss daran werden noch Tipps zum Thema Anstellungsvertrag gegeben, was sehr lobenswert ist, denn dieses Thema wird oftmals von Bewerbungsratgebern vernachlässigt. Der Umgang mit Psychotests sowie das Verhalten im Assessment-Center ist zu meiner Überraschung mehr als eine erste Einführung, denn hier werden Euch Checklisten und Experten-Tipps von wertvoller Natur gegeben. Sehr gut finde ich auch den Abschluss dieses Buches, welches realitätsferne Ansprüche sowie den Umgang mit Absagen lehrt.
Das Bewerberblog-Fazit zum Ratgeber: Das Werk von Herrn Müller-Thurau besticht vor allem durch seine übersichtliche Gestaltung, dadurch findet Ihr Euch schnell in seinem Buch zurecht. Das Werk ist zudem von Hinweisen zur klassischen schriftlichen Bewerbung gefärbt, welche ja aber auch für eine Online- oder E-Mail Bewerbung wichtig sind. Auf eine explizite Darstellung der Bewerbung im Netz wird jedoch verzichtet. Der Praxisbezug des Werkes ist positiv hervorzuheben, neben der Aufbereitung der ohnehin sehr praxisnahen Bewerbungsfehler werden auch immer wieder anschauliche Beispiele gegeben. An der einen oder anderen Stelle könnten die Beispiele jedoch verständlicher erklärt werden. Außerdem findet Ihr immer wieder lohnenswerte Tipps. Dabei animiert Euch der Autor zur kritischen Selbstreflexion. Der allgemeine Informationsgehalt ist aufgrund der umfangreichen Kapitelliste als positiv hervorzuheben. Bewerberblog-Urteil: Sehr gut mit kleineren Einschränkungen; Prädikat eierlegende Wollmilchsau :)