15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die guten Eltern, 5. Januar 2006
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Mein guter Vater. Mein Leben mit seiner Vergangenheit - Eine Täter-Biographie (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch kann man nicht genug empfehlen. Wo auch immer Kinder von NS-Tätern eine Auseinandersetzung mit den Verbrechen ihrer Eltern versuchen, stoßen sie auf Schweigen. Viele sind deshalb hauptsächlich mit der Entwirrung des innerfamiliären Beziehungsgeflechts beschäftigt. Nicht selten verschwindet dabei die Auseinandersetzung mit den Verbrechen ihrer Vorfahren und der Versuch den NS-Opfern – soweit überhaupt möglich – Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Nicht so in dem neuen Buch von Beate Niemann. Die Autorin ist die Tochter des Berliner Kriminalpolizisten und späteren Gestapo-Chefs von Belgrad Bruno Sattler. 2005 hat sie die Ergebnisse ihrer Forschung zu den Verbrechen Ihres Vaters publiziert. Sie hat alle greifbaren Unterlagen ausgewertet, alle relevanten Archive besucht und die einschlägigen Experten befragt. Nicht zuletzt ist sie an viele Orte der Verbrechen ihres Vaters gereist und hat sich mit überlebenden Opfern getroffen.
Der 1898 geborene Sattler repräsentiert eine geradezu klassische nationalsozialistische Karriere. Er meldete sich im I. Weltkrieg freiwillig als Soldat, beendete die Schule erst nach 1918 und nahm als Mitglied des Freikorps „Brigade Ehrhardt“ am Kapp-Putsch teil. Nach einem abgebrochenen Studium und verschiedenen Jobs meldete er sich 1928 zur Kriminalpolizei und entschied sich später für die Gestapo. Zunächst war er lediglich für die Verfolgung von Sozialdemokraten und Kommunisten verantwortlich. Später entwickelte er sich zu einem Massenmörder mit Einsatzorten in der Sowjetunion, Jugoslawien und Ungarn.
Besonders lehrreich ist, dass seine 1942 geborene Tochter den Leser auch an ihrer Recherche und damit an ihrer Selbstaufklärung teilhaben lässt. Die längste Zeit ihres Lebens wurde sie nämlich von ihrer Familie aber auch von ihrer Umwelt über die Verbrechen ihres Vaters getäuscht. Dass Bruno Sattler 1947 von einem Spezialkommando aus West-Berlin entführt, in der DDR verurteilt wurde und DDR-Gefängnisse bis zu seinem Tod nicht mehr verließ, bestärkte Beate Niemann in der Annahme, er wäre unschuldig. Ihre Recherche begann sie um ihn zu rehabilitieren.
Mit jedem Fortschritt ihrer Recherche fiel die Autorin dann jedoch aus ihrer eigenen, bis dahin als wahr angesehenen, Geschichte heraus. Zu guter letzt erfuhr sie, dass ihre Mutter nicht – wie sie es selbst immer wieder erzählt hatte – die vormaligen jüdischen Besitzer ihres Geburtshauses gerettet hatte. Bruno Sattler und seine Gattin hatten im Gegenteil der jüdischen Familie das Haus unter Vorspiegelung eines Aufschubs der „Evakuierung“ zu einem Spottpreis abgepresst und unmittelbar nach Vertragsunterzeichnung dafür gesorgt, dass die Familie „in den Osten“ deportiert wurde.
Das Buch ist nicht nur eine exemplarische Täterbiographie. Es ist auch ein exemplarisch zu nennendes Stück Selbstaufklärung. Sie erzählt ihre eigene Geschichte und die ihres Vaters nicht um für sich selbst Aufmerksamkeit zu erlangen. Sie wirbt für den Ausbruch aus den Landschaften der Lüge. Sie glaubt, dass Täterkinder nicht dazu verdammt sind das Leben ihrer Eltern weiter zu leben.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Vergangenheitsbewältigung, 5. November 2010
Auch wenn das Buch eine sehr persönliche Form der Vergangenheitsbewältigung darstellt, kann es doch stellvertretend stehen für den Umgang der gesamten Gesellschaft mit unserer Vergangenheit.
Teilweise ist es bedrückend, zu lesen wie Stück für Stück die Fassade des "guten Vaters" abbröckelt und fast synchron das bisher "intakte" Familienleben Schaden nimmt. Aber auch der permanente Wechsel in der Beschreibung zwischen Vergangenheit und zeitnaher Recherchearbeit stellt gewisse Ansprüche an den Leser. Derjenige, der hier Unterhaltungsliteratur erwartet, liegt sicherlich falsch. Teilweise hat das Buch für mich schon Anklänge des Selbstquälerischen, aber zumindest erscheint es phasenweise als Teil einer Therapie, die sich die Autorin auferlegt hat.
Insgesamt ist es für den ernsthaft interessierten Leser ein bedrückendes Zeitzeugnis, das exemplarisch an einem sehr persönlichen Beispiel unsere jüngste Vergangenheit beleuchtet und die immer noch vorhandene Ignoranz, sich in der heutigen Zeit damit zu beschäftigen, anprangert.
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5.0 von 5 Sternen
Ihr Vater ein Naziverbrecher, 13. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Mein guter Vater. Mein Leben mit seiner Vergangenheit - Eine Täter-Biographie (Gebundene Ausgabe)
Mir ging dieses Werk sehr nahe. Eine Frau die in ihrer Jugend wie so oft über die Vorgänge im Krieg belogen wurde, auch um eine unbeschwerte Kindheit zu haben, erfährt erst im hohen Alter von den tatsächlichen Vorgängen und der Beteiligung des eigenen Vaters an Verbrechen. Ein fast lebenslanger Kampf um seine Freilassung und spätere posthume Rehabilitierung bis sie erkennen muss dass er ein Verbrecher war. Ihre persönlicher Einsatz dann als Kehrtwende, ihre unermüdlichen Nachforschungen, die sie auch in ihrem eigenen Umfeld zum Teil isolierten. Die konsequente Öffentlichkeitsarbeit, auch in Schulen.
Ein Werk, das auch Psychologen und Historiker lesen sollten, ein Werk aus der Sicht eines betroffenen Menschen, keines aus dem Elfenbeinturm.
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