Gabriele Reuters Roman "Aus guter Familie" erlebte von 1895 bis 1931 28 Auflagen; das Buch war das berühmteste unter seinesgleichen und wenigstens zehn Jahre in aller Munde; es wird sogar in "Meyers Kleinem [8bändigen] Konversationslexikon" von 1908 eingehend gewürdigt.
Und heute ist es vollkommen verschwunden, schon den Namen der Autorin sucht man in gegenwärtigen Literaturgeschichten für den Hausgebrauch vergebens. Man kennt Roman und Autorin höchstens in den Abteilungen Feminismus oder Genderforschung. Seltsam...
Als erstes denkt man natürlich, dass das an der literarischen Qualität des Romans liegen muss -- aber das kann's nicht sein. "Aus guter Familie" ist ein Bildungsroman, stilistisch dem Naturalismus zuzurechnen, mit bemerkenswerten Stärken in Aufbau und Personen-Charakterisierung. Von einem zeitgenössischen Rezensenten wurde "Aus guter Familie" mit dem "Werther" verglichen, und das nicht ganz zu Unrecht: Der Roman erinnert in seinem Aufbau z.T. an Goethes Roman, ohne ihn zu plagiieren, und wie der "Werther" begründete die Leidensgeschichte der Agathe Heidling ein eigenständiges literarisches Genre.
Also, warum kennen diesen Roman heute nur noch die üblichen Verdächtigen? Liegt's vielleicht am Inhalt?
Nach seinem Erscheinen stand der Roman schnell im Geruch der "Tendenzliteratur", obwohl ihn die Kritik meist aufs Höchste lobte. "Aus guter Familie" ist nämlich eine beredte Anklage der Sozialisation, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts den sogenannten "höheren Tochtern" widerfuhr.
Diese "Leidensgeschichte eines Mädchens" (so der Untertitel des Romans) ist eine eindrucksvolle Fallstudie und anschauliche Beispielsammlung für all das, was jungen Frauen des gehobenen Bürgertums zugemutet und angetan werden durfte, ja sollte, bis sie aus der Kuratel der Eltern in die Kuratel eines Eheherrn überstellt wurden.
Man könnte den Roman höchstens insofern tadeln, als buchstäblich jeder Schritt der Protagonistin scheitert, der zu einer selbständigen oder wenigstens gesellschaftlich akzeptierten Existenz führen könnte. Aber sogar dieser Tadel ist unangebracht, denn die Handlung entwickelt sich nachvollziehbar aus dem Zusammentreffen einer intelligenten, sensiblen Protagonistin mit einer Umwelt, die für Intelligenz und Sensibilität bei Frauen kein Verständnis hat -- so ist z.B. eine der eindrücklichste Szenen die, in der der immerhin schon gut 30jährigen Agathe von ihrem Vater die gewünschte naturwissenschaftliche Literatur verweigert wird; stattdessen erhält sie ein Pflanzenbestimmungsbuch für höhere Töchter nebst einer Anleitung, wie aus gepressten Blumen hübsche Lampenschirme herzustellen seien.
Beachtenswert sind aber auch die naturalistisch gezeichneten Nebenfiguren; auch unter ihnen finden sich Schicksale, wie sie damals für Frauen nicht untypisch waren: Die "Küchendorte" etwa, ein treues altes Hausmädchen, deren großes Ziel die Bibel und das silberne Kreuz sind, die die Königin besonders treuem Gesinde nach 25jähriger Zugehörigkeit zum selben Haushalt verleiht. Als es soweit ist, ahnt Agathe, dass man "das verschrumpfte alte Geschöpf mit diesem Amtsschreiben, der Bibel und dem Ehrenkreuz auf irgend eine Weise [...] um des Daseins besten Teil betrogen [hat]". Ähnlich beeindruckend sind die Geschicke des jungen Dienstmädchens Luise, die wegen "Unzucht" entlassen wird und nach der Geburt eines unehelichen Kindes im Elend stirbt, oder die von Agathes Jugendfreundin und später verhassten Schwägerin Eugenie, die sich im Gegensatz zu Agathe den Gegebenheiten und Anforderungen anpasst und erfolgreich, unreflektiert und zufrieden durchs Leben gehen wird.
Am Ende bleibt Agathe keine einzige Nische für eine zufriedene Existenz mehr übrig, weil sie an keinem Punkt ihres Lebens fähig ist, sich der gesellschaftlichen und elterlichen Erwartung konsequent zu verweigern; manche ihrer Zeitgenossinnen ("echte", keine literarischen Figuren sind hier gemeint) taten das, z.T. unter erheblichen Opfern (auch dieses Thema wird im Roman angesprochen).
Agathe verfällt am Ende kurzfristig dem Wahnsinn -- auch eine Art Flucht, damals garnicht so selten. Hier jedenfalls ist diese Entwicklung plausibel. Schließlich lauteten die Alternativen für höhere Töchter ganz rigoros "Ehefrau und Mutter" oder "Stiftsdame" bzw. "schrullige, unverheiratete, gnädig geduldete Tante".
"Und Agathe hat vielleicht ein langes Leben vor sich -- sie ist noch nicht vierzig Jahre alt.", lautet der restlos desillusionierende letzte Satz des Buches. Ihr restliches Leben (nach der "Kur" zur "seelischen Gesundung"), das vermutlich noch einmal so lange dauern wird wie ihr bisheriges, wird sie nun mit Patiencen und einer Sammlung von Häkelmustern verbringen. Dass man keinen Augenblick zögert, dieses auf banale Weise grausige Ende des Romans zu glauben, beweist ein weiteres Mal seine Stärke.
Aber das sozialgeschichtliche, zeitbezogene Thema dieses Romans ist nur ein Aspekt -- wäre der Roman nur seinetwegen interessant, so könnte man ihn tatsächlich den Soziologen und Historikern zur Quellenforschung überlassen.
Tatsächlich handelt es sich hier jedoch zuerst und vor allem um einen hervorragend geschriebenen Roman, heute so lesenswert wie vor 100 Jahren. Und ob wir heute tatsächlich so weit von den darin geschilderten Zuständen entfernt sind, sei dahingestellt -- auch wenn Schicksale wie die der Agathe Heidling in derart drastischer Form wohl tatsächlich unmöglich sein dürften.
Die vorliegende Wiederveröffentlichung des Romans hat eine Rechtfertigung durch "Aktualität" aber garnicht nötig -- noch nicht einmal wegen dessen Beitrag zur Geschichte der Frauenbewegung. Reuters Roman ist ja gerade deswegen so überzeugend, weil er nirgends agitiert, ja noch nicht einmal im Einzelnen übertreibt, sondern die Folgerichtigkeit der grauenvollen Entwicklung nur durch ganz nüchterne, präzise Beobachtung und gewissenhafte Beschreibung nachvollzieht. Man liest hier kein gesellschaftspolitisches Programm, sondern Literatur -- und was für eine! Auch in seiner Zurückhaltung und der daraus resultierenden maximalen Durchschlagskraft ist Reuters Roman eine literarische Meisterleistung und tatsächlich dem "Werther" vergleichbar, denn es setzt wie Goethes Jugendroman neue Maßstäbe und arbeitet nicht nur einfach in einem bereits vorhandenen Genre weiter.
"Aus guter Familie" steht aber auch in der Tradition des deutschen Bildungsromans und übernimmt von dort zahlreiche Strukturmerkmale. Der Roman repräsentiert ein Gegenprogramm zur seinerzeit massenhaft verbreiteten "Frauenliteratur" und verursachte sofort eine erregte Diskussion, bezeichnenderweise auch unter Männern (Die Liste der beeindruckten männlichen Rezensenten ist lang und enthält prominente Namen wie z.B. den Thomas Manns).
Erwähnenswert ist auch die editorische Sorgfalt der Herausgeberin Katja Mellmann; der Romantext folgt ungekürzt dem der Erstausgabe, und der ausführliche Erläuterungsapparat, die Zeittafel, die akribisch erstellte Bibliographie und das scharfsinnige Nachwort stehen auf einem Niveau, das man gern öfter sähe.
Wer sich näher mit der spannenden Rezeptionsgeschichte dieses Romans beschäftigen will, dem sei der ebenfalls von Katja Mellmann herausgegebene zweite Band ("Dokumente") wärmstens ans Herz gelegt (näheres siehe dort).