Der Sinn des Ganzen erschließt sich nicht gänzlich.
Geht es wirklich nur darum, eine unstrukturiert erscheinende Auswahl der Wilhelm-Busch'schen Gesamtausgabe, verschiedene seiner gereimten Geschichten samt der dazugehörigen Illustrationen in einem buchherstellerischen Kunstwerk herauszugeben? Wenn ja, dann ist das auf jeden Fall gelungen. In ihrer Aufmachung ist die vorliegende Ausgabe eine wirklich schöne, wertvoll auftretende Erscheinung. Max und Moritz vollführen ihre letzten Streiche und erleben ihr unrühmliches Ende auf holz- und säurefreiem LuxoSatin. Die fromme Helene erscheint auf 115 g/m² Halbmatt: ein Genuss für die Finger beim Blättern. Und der heilige Antonius von Padua? Ein zartes Lesebändchen in rot berührt seinen Heiligenschein. Und all das in eintönig gekleckster Konfettistruktur im Schnitt. "Da grunzte das Schwein, die Englein sangen." Buchgestaltung auf hohem künstlerischen Niveau: Die Andere Bibliothek, 1985 erfunden und sogenannt weil anders.
Auftritt: Robert Gernhardt, der inzwischen verstorbene neue Frankfurter Schüler aus dem estländischen Tallin. Ihm erlaubte der andere Bibliothekar Hans Magnus Enzensberger, Dichter, Denker und Publizist aus dem bayerischen Schwabenland stammend, seine - Gernhards - liebsten Busch-Episoden zusammenzustellen und auszuwählen. Und so erlebt der geneigte Leser schon zum Einstieg ein "Trauriges Ende des Laubfroschs".
"Diogenes und die bösen Buben von Korinth" erdulden ein rollendes Abenteuer, in dem die Buben, wie kann es anders sein, ein Ende in bester Max-und-Moritz-Manier - "Die bösen Buben von Korinth / sind platt gewalzt, wie Kuchen sind" - erleben. Und Robert Gernhardt? Appetit machen will er: nicht unbedingt auf Korinther Buben-Kuchen. Eher schon auf den Eispeter, oder auf Fipps den Affen, oder auf Balduin Bählamm, den verhinderten Dichter.
Oder Kuno Klecksel, Maler, zunächst noch Lehrling - "Der Kunstbetrieb hat seine Plagen. / Viel Töpfe muss der Kuno tragen."
In seinen Bemerkungen zu Busch ließ Gernhardt nochmals "die Sau raus" (so seine Selbsteinschätzung). Und man erfährt, dass es vornehmlich eine einzige Sache war, die Robert Gernhardt, welcher ja selbst lustige, großteils auch gute Gedichte schrieb (und leider manchmal meinte, sie auch illustrieren zu müssen), bei Busch suchte - und wohl auch fand: "richtige Komik. / Komik, die sich weniger über den Kopf als über den Bauch vermittelt." Mit anderen Worten: ein kurz oberhalb der Gürtellinie Gelächter erzeugendes Verhalten, zum Wohlgefühl der Busch- und Gernhardt-Leser sowie der gesamten restlichen Menschheit, die ebenfalls Wilhelm Busch gern hat. Das ist komisch. Oder?
Man liest, dass sich in Buschs Werk z.B. "mehr Nasenverletzungen als in der restlichen deutschen - europäischen? - Literatur zusammengerechnet" finden lassen.
Drei Dichter in einem herrlich ausgestatteten Buch. Wilhelm Busch, der die Werke zur Verfügung stellt. Robert Gernhardt, der sie auswählte und seine Gedanken verbreitet. Und Hans Magnus Enzensberger, der auch noch seinen Namen mit draufsetzte. Und der Leser nimmt das Kunstwerk zu Hand, legt "sich zur Ruh. / Die Hand der Gattin deckt ihn zu." Komisch? Oder?