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Hiob von Bern
Thomas Hürlimanns Roman «Der grosse Kater»
Die schönste Stelle steht fast am Anfang. In einer Rückblende erinnert sich der Protagonist an armselige Kindertage in einem Seedorf nach dem Ersten Weltkrieg. Sein Vater war vom Fischen zurückgekehrt und hatte in der Wut des Erfolglosen ein hungriges Kätzchen vor seinen Füssen erschlagen. Aber nicht ganz. Das Tier wimmert noch. Der erschrockene Bub nimmt es mit in die Stube. Dort spuckt es Blut und Galle. Instinktiv nimmt das Kind, Halbwaise, das Kätzchen mit ins Bett und legt es sich, wie Mütter es mit Neugeborenen tun, auf den Bauch. Es wird Nacht und Morgen, zweimal. Der Magen des Kindes, der während des Kätzchendienstes immer leerer geworden ist, beginnt zu knurren, ein Geräusch, das das Tier bald als seine eigenen Schnurrlaute empfunden haben muss. Auf- und abatmend werden Bub und Katze knurrend-schnurrend eins. Bis das Kätzchen den Kopf hebt, neugierig um sich schaut und der Bub triumphierend sagen kann: «Lebt!»
Das Gegenwort
Dieses eine Mal hat das Kind den grossen «Niemand», das «Nichts», den Tod besiegt. Es hat eine magische Vitalität gespürt, die Fähigkeit, eigene Stärke in andere hinübergleiten zu lassen. Seither nennt sich der Bub «der Kater». Und das Buch «Der grosse Kater» von Thomas Hürlimann endet dann auch mit einem fernen Echo jener Kinderszene. Der greise Protagonist, befangen in einer autistischen Alterssenilität, sieht seinen jüngsten Enkel vor sich auf dem Teppich krabbeln, öffnet kurz den Mund und sagt noch einmal dieses grosse erlösende Gegenwort: «Lebt.»
Der Teppich aber, auf dem der Enkel sich selbständig fortzubewegen beginnt, hat ein Schachbrettmuster. Mit diesem Teppich prüfte einst Kater, der bald Bundesrat und später Bundespräsident werden sollte, die Auftritte seiner Kollegen und Untertanen: Wer genau auf die Felder trat, war ein Spieler, ein Hasardeur. Wer aber das Muster nicht erkannte, wer über die Ränder der Felder trat, war von untergebener Verlässlichkeit. Dieser schwarzweisse Spielgrund bestimmt die strategische Dynamik des Romans, vielleicht mehr, als ihm guttut.
Wie Spuren sind die Handlungsstränge ausgelegt: Der Schweizer Bundespräsident empfängt das spanische Königspaar. In die protokollarischen Rituale der Diners und Programme flicht der Chef der Sicherheitspolizei mit Namen Pfiff (das erinnert an Mäusewesen und Trillerpfeife) eine Intrige. Schon in Internatstagen waren Kater und Pfiff rivalisierende Freunde gewesen. Kater machte die bessere Karriere und heiratete Pfiffs schöne Braut Marie. So strahlt die Vergangenheit wie ein Phantomschmerz in die Gegenwart aus.
Auch das zentrale Kätzchenmotiv kehrt wieder und damit die Hiobsfrage, warum Gott das Leiden der unschuldigen Kreatur zulässt. Der jüngste Sohn von Kater und Marie wartet in der Klinik auf den Tod. Und genau an diesem sensiblen Punkt setzt Pfiffs Intrige an. Er manipuliert das Damenprogramm. Ein Klinikbesuch sei für die Königin, die einst Kinderkrankenschwester war und gerne Tränen vergiesse, medienwirksam passend. Marie aber würde annehmen müssen, ihr Mann wolle ihr leidendes Kind auf dem «Altar der Öffentlichkeit» opfern.
Damit ist an die Abraham-Geschichte angeknüpft. Gott ist die Öffentlichkeit, und wie in der Bibel wird letztlich nicht der Sohn geopfert, sondern ein «Tier»: Kater. Zunächst erkennt Kater die Falle und kämpft mit tigerndem Elan auf einem Spielfeld, über dem auch noch der Presse-Magier Aladin auf Monitoren und in Kolumnen «wie mit einer Wunderlampe jene zweite Realität (erzeugt), die das Volk für die erste» nimmt.
Der Roman ist mit einer aufwendigen Motivik komponiert (Theodizeefrage, Opferung des Sohnes, das Dornröschenmotiv, das Uhrenmotiv, das Motiv der auswendiggelernten Wörter, das Motiv der Überlegenheit der zeitenthobenen Dinge, das Schachspiel). Der Countdown von gegeneinander arbeitenden Strategen folgt passagenweise der Rhetorik des Detektivromans («Matt setzen? Soll das heissen, da wird ein Spiel gespielt?» «Jawohl, alter Knabe. Ein Endspiel»). Manche stilistischen Übertreibungen erinnern an Comic-Zeichnungen («Obwohl ihnen der Schweiss aus den Poren spritzte, begannen sie im Schatten der steilrechten Felsen zu frieren»).
Schlüsselroman
Es sind aber nicht die sprachlichen Ausrutscher, die Bildbrüche und überdrehten Vergleiche, die manchmal Unbehagen aufkommen lassen. Es ist etwas Prinzipielleres. Die aufeinander reagierenden Personen werden tatsächlich eingesetzt wie Schachfiguren: Schachfiguren aber haben keine politischen Probleme, König und Königin auf Schwarz und Weiss sind kein Liebespaar. Seltsamerweise signalisiert «Der grosse Kater» trotzdem, ein Schlüsselroman zu sein. Er setzt Spielfiguren und will zugleich von historischen Menschen erzählen. Das geht schlecht zusammen.
Die Haupthandlung (bis auf die letzten zwanzig Seiten) spielt an nur zwei Tagen, dem 19. und 20. Juli 1979, in Bern. Der Autor Thomas Hürlimann, Jahrgang 1950, ist Sohn des verstorbenen langjährigen Bundesrats Hans Hürlimann, der 1979 Schweizer Bundespräsident gewesen ist. Das Gästebuch des Hotels Bellevue, des Staatshotels neben dem Bundeshaus (im Roman ein Hauptschauplatz), weist am 20. Juni (nicht Juli) tatsächlich die Unterschriften des spanischen Königspaares auf. Und auch an den legendären Kellner Edi, der im Roman angedeutet wird, oder an den Klinikarzt Dr. Bossi kann man sich im Grand-Hotel noch erinnern (die Rezensentin dankt dem Bellevue Palace Hotel, Bern, für die freundliche Auskunft).
Gut, ein Schlüsselroman also. Nur was schliesst er auf? Schweizer Leser, die den Roman im grossen Jubiläumsjahr bekommen, werden den Text sicher mit intimerem Interesse lesen (es sind noch weitere Schweizer Funde zu machen). Vielleicht befällt sie aber auch Enttäuschung.
Der Roman kommt aus dem Herzen der politischen Schweiz aber ausser einigen Überlegungen zum Bau der Autobahn, die die Dörfer verschandelt, kommt Politik nicht vor. Er handelt von dem grossen modernen Thema: familiäres Glück oder Karriere. Aber gerade hier bleibt er psychologisch dürftig. Warum kann sich das mediengeprüfte Ehepaar nicht verständigen? Warum trifft sich Marie, das «alternde Dornröschen», das beim Staatsdiner ihren Mann menschlich und politisch unmöglich gemacht hat, wenige Stunden später mit ihm zu einem leidenschaftlichen Beischlaf in einem lumpigen Bordell («Ihre Lippen entblössten feucht schimmernde Zähne, ihre Augen bleckten sich, wurden leer, weiss, feucht») um sich dann mit einem kühlen «Kater, es war schön. Mach's gut! Adieu» zu verabschieden? Vom sterbenden Kind ist nach dem Damenprogramm kaum mehr etwas zu hören; es hat seine Funktion als Handlungskatalysator erfüllt.
Am überzeugendsten ist wohl das dritte, das eigentliche Thema des Buchs (das keinen Intrigen-Plot gebraucht hätte): die Scherben einer Vater-Biographie. Denn intensiv wird der Text vor allem in der hineingeschnittenen Vergangenheit, wenn der Sohn die Erinnerungen des Buben, der zum Kater wird und Karriere macht, gestaltet: den Tod der Mutter, das Auswendiglernen der A-Wörter im Lexikon (weiter kam er nicht), die quälende Internatszeit, die Besuche der Kaiserin Zita, Ausbrüche unter die Kirchenkuppel und Epiphanien, in denen die Zeit stillstand, mythische Knabenbegegnungen.
Auch der Autor läuft im Roman über das Schachbrett als taxierter Sohn: «War's ein Spieler, war's ein Angestellter? Nahm er die Felder wahr oder nicht? Jetzt beschrieb der Fuss einen Bogen, landete genau im Feld . . . und jetzt: das Gegenteil! Mensch, was für ein Sonderling kam da anstolziert?» Wenig später sinniert Kater: «Durchaus denkbar, dass er eines Tages über mich schreibt.»
Das hat er nun getan; und als ein stolzer Sonderling erscheint dieses Buch.
Angelika Overath