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Schatzkiste, Fundgrube... mir fehlt der passende Superlativ, 25. Februar 2005
Rezension bezieht sich auf: Der große Bruch. Russland im Epochenjahr 1913. Kultur - Gesellschaft - Politik (Gebundene Ausgabe)
Der renommierte Schweizer Slawist Felix Philipp Ingold stellt in seinem phantastisch edierten "Der große Bruch" das intellektuelle Leben in Russland in dem Zeitraum von Ende 1912 bis Anfang 1914 dar; dieses Buch ist eine wahre Fundgrube an Dokumenten, wie man sie wohl selten in dieser Form und Menge findet.
Seiner Auswahl und der Konzentration auf das Jahr 1913 liegt die These zugrunde, dass sich all die vielschichtigen Prozesse im Russland des beginnenden 20. Jahrhunderts in den Bereichen Kultur, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Jahre 1913 in konzentrierter Form beobachten und darstellen lassen, vielleicht sogar als ein letztes großes Aufbäumen vor der sich bereits abzeichnenden Katastrophe; Ingold fasst den hier fokussierten Zeitraum als das "Schlüsseljahr der russischen Moderne" auf.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil ist den verschiedenen kulturellen, politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekten des Jahres 1913 in Russland gewidmet. In 37 Unterkapiteln geht Ingold hier auf signifikante Aspekte ein, darunter auch viele, die sonst eher vernachlässigt werden; nur ein paar Beispiele: "Zukunftsfreude gegen Dekadenz und Endzeitangst", "Die Fliegerei als realisierte Fortschrittsmetapher", "Pionierfliegerei und Avantgardekunst", "Der Film als Medium der Avantgarde", "Russen in Europa", und vieles, vieles mehr. Die einzelnen Abhandlungen werden ergänzt duch viele Bilddokumente; auch hier findet man viel Unbekanntes. Und allein schon die Darstellung der verschiedenen literarischen und dramatischen Strömungen der Zeit ist den Kauf wert.
Aber eigentlich gibt es kaum einen Bereich, den man hier nicht präzise und mit großem Sachverstand dargestellt finden wird. Neben "etablierten" Themen wie Literatur, Theater, Philosophie und Malerei findet man auch Beiträge z.B. zur "primitiven" Kultur oder zum Film, die in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts gerade in Russland sehr intensiv reflektiert wurden - zwei eigene, unbedingt lesenswerte spannende Kapitel sind sogar der Verbindung von Pionierfliegerei und Avantgardekunst gewidmet; neben dem Film dürfte gerade die Fliegerei am stärksten die "Neue Zeit" symbolisieren. Aber Ingold versammelt in diesem Buch nicht nur die "üblichen" Dokumente, sondern er gibt auch die Diskussionen zu den einzelnen Themen ab; es entsteht so ein lebendiges Bild einer höchst spannenden Epoche -- auch wenn der Begriff "Epoche" hier nicht angebracht sein mag.
Der zweite Teil des Buches besteht in einer Chronik des Jahres 1913, mit einem detaillierten Glossar und vielen biographischen Angaben. Die wichtigsten Ereignisse des Jahres 1913 werden, thematisch geordnet, aufgelistet; selbstverständlich gibt es auch einen gesonderten Teil über die politischen Ereignisse des Jahres im In- und Ausland.
Der dritte und, soweit man das bei diesem rundum begeisternden Buch überhaupt sagen kann, faszinierendste Teil des Buches besteht in einer umfangreichen Auswahl dokumentarischer Texte: Kritische und programmatische Schriften, Tagebucheinträge, Memoiren etc. aus dieser Zeit -- viele davon erstmals in deutscher Übersetzung von F. Ph. Ingold. Die Dokumente stammen von Zeitgenossen, aus allen Sparten der Kultur, die den "Epochenumbruch erkennen und zu benennen wissen". Eine weitere Besonderheit dieser Dokumente ist, dass sie wohl die umfangreichste und vielfältigste Materialiensammlung ihrer Art aus russischen Texten darstellen dürfte.
Kurz: "Der große Bruch" ist eine Schatzkiste, die jedem Leser fesselnde Entdeckungen bieten wird -- ganz egal, ob Fachmann oder Laie. Allein die wunderschöne bibliophile Aufmachung regt an zum Lesen; oft blättert man sich fasziniert duch die Seiten, bleibt irgendwo hängen, liest weiter, gerät ins nächste Kapitel oder in den Dokumenten-Anhang... und hört nicht mehr auf.
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