Dieses Buch ist ein ästhetischer Genuß, nicht zuletzt wegen der Bilder von „Eye of Science".
Das Schwergewicht ist in hervorragender DVA Qualität gedruckt und handwerklich sauber verarbeitet. Beim Inhalt kommt es darauf an, welchen Anspruch man verfolgt oder verfolgen will.
Der Titel deutet es schon an, es geht um die sog. Bionik. Gemeint ist ein Begriff der im wesentlichen durch Prof. Dr. Werner Nachtigall geprägt wird und schon seit Jahren sein Steckenpferd ist. Bionik als Biologie in der Technologie. Anhand vieler Bilder und Verweise auf die erstaunlichsten Leistungen der uns umgebenen Natur soll gezeigt werden, dass es für die Techniker besser währe mehr aus der Natur zu lernen. Schön gesagt. Aber auch eben nur das. Es ist nämlich ziemlich einfach sich hinzustellen und auf verschiedenste Insekten zu verweisen, die es schließlich geschafft hätten, mit äußerst geringem Energieaufwand sich mehrere Stunden in der Luft zu halten, während wir Menschen mit Flugzeugen enorme Anstrengungen und Energien benötigen. Dies ist ein Schlag in das Gesicht vieler Wissenschaftler, die auch ihr bestes geben, um auf Ihrem Gebiet entsprechendes zu erreichen. Leider wurde von Herrn Blüchel/Nachtigall vergessen zu erwähnen, daß Insekten zudem äußerst klein sind, und in den meisten Fällen nicht so schwer wie z.B. Menschen sind. Wie ein roter Faden zieht sich meiner Ansicht nach dieser Fehler durch das Buch, daß in der Natur Beispiele Erstaunlicher Leistungen gesucht wurden und diese dann mit den technischen Errungenschaft verglichen werden: Facettenaugen, Drucksensoren, Statik von Kalk/Chitin Skeletten, Wärmeempfindlichkeiten und so weiter... Dieser Ansatz ist mehr ein Fingerzeig als konstruktiv. Es wird leider nicht darauf hingewiesen, welche Probleme entstehen können, wenn versucht wird diese Leistungen auf einer anderen Skalierung zu adaptieren. So entsteht der Eindruck, hier währe jemand, der es schon immer besser wußte aber nie erhört worden ist. Auch das Kapitel über die Architektur zeigt zwar sehr schöne Beispiele organischen Baudesigns, läßt aber im unklaren, wie sich hier der Synergie-Effekt aus der Bionik ergibt. Das Nachbauen eines Kalkskeletts eines Rädertierchens als Dachkonstruktion ist keine technische, sondern eine ästhetische Entwicklung. Der Jugendstil, zumindest jener europäischer Ausprägung der Jahrhundertwende, ist zwar ganz klar floral inspiriert, dies aber der Bionik zuzuschreiben ist doch etwas weit hergeholt. Demnach währe jeder Landschaftsmaler auch ein Bioniker. Bei einer Ameise von Design zu sprechen ist für mich schon ein gewagter philosophischer Ansatz, und dabei noch in einem Nebensatz die Frage nach der gesellschaftlichen Entwicklung eines Massenorganismus, wie der eines Ameisenstaates, anzureißen empfinde ich als problematisch. Hier sei zu diesem Thema auf das Buch „Ameisen" von Holldöbler/Wilson hingewiesen, die sich ein Forscherleben lang mit diesem Thema beschäftigen. Im großen und ganzen Vermisse ich etwas Tiefgang in diesem Buch. Es hätte bei einigen Themen einer sehr viel genaueren spezifizierung bedurft. Dies hätte die Leselust entsprechend vorgebildeter Leser länger gereitzt. Das Buch ist eher wie ein „GEO-spezial" konzipiert, beeindruckende Bilder mit äußerst knappen und seichten Artikeln. Fragen, Konsequenzen oder Ausblicke werden kaum aufgezeigt, der Leser nicht gefordert. Welchem der beiden Autoren dies zuzuschreiben ist, wird leider nicht klar. 5 Sterne auf die Bilder, 2 Sterne auf den Inhalt. Insgesamt daher eher 3 Sterne. Alles in allem aber ein wunderschöner Bildband. Wenn man ihn als solchen Akzeptiert.
Meiner Meinung nach gelungenere Einführung in die Leistungen der Natur, speziell der Insekten:
Ameisen. Die Entdeckung einer faszinierenden Welt. Bert Hölldobler, Edward O. Wilson