Das bisschen Zeit
Sándor Tar kultiviert die Ungemütlichkeit
Der Titel klingt heiter und lässt infolgedessen Fehlschlüsse auf den Inhalt zu: «Ein Bier für mein Pferd» . Sándor Tars ungarische Dorfgeschichten sind ausgesprochen ungemütlich. Er erzählt von einer Handvoll in Dürftigkeit und Bedrängnis lebender Menschen, deren Hauptmerkmal wie eine alles bestimmende Charaktereigenschaft ihre Armut ist.
Manche besitzen Ackerland, das ihnen nichts einbringt, ebenso geht es mit der Viehhaltung: «Die Kühe hat der Staat wegschlachten lassen, wer sie behielt, darf melken, füttern, ausmisten, aber die Milch will keiner. Schweinemast lohnt sich auch nicht, das Futter ist teuer, und mal kauft der Schlachthof auf, mal nicht.» Doch nicht die Verzweiflung beherrscht die von den immer nur beiläufig erwähnten politischen Verhältnissen in die Enge Getriebenen, sondern der Alkohol, der als Antidot gegen Unglück aller Art eingesetzt wird. Da das Unglück in der «Krummen Strasse» gross ist und viele Erscheinungsformen kennt, wird nicht nur getrunken, es wird gesoffen. Auch ein Pferd ist bei den Gelagen, die schon vor Morgengrauen mit ersten Schnäpsen beginnen, mit von der Partie; das titelgebende Tier trinkt keine Spirituosen, nur Bier. Im Alkoholnebel erscheint Ross und Reiter, Mann und Frau, die ganze Welt in einem anderen Licht: nicht notwendigerweise in einem rosigen, aber in einem erträglicheren.
Lebenskatastrophen
Mit demselben Sinn für makabren Witz, in derselben Sprache, die auch sie sprechen, schildert Sándor Tar das Leben seiner traurigen Gestalten: Der Erzähler, dessen Ich-Figur nur einmal bescheiden in einem Nebensatz auftaucht, ist offenbar eine von ihnen. Kapitel für Kapitel widmet er den schleichenden Lebenskatastrophen der Hoffnungslosen, deren Wege sich hin und wieder auf unspektakuläre Weise kreuzen.
Da ihre fast einzige Aktivität im Trinken besteht, passiert wenig. Einem der Dorfbewohner, Lajos, setzt dieser Umstand besonders zu. Obwohl stets im bewegten Kampf gegen den allumfassenden Mangel und nebenher beschäftigt mit absurden practical jokes, ist er im Grunde lebensmüde: «Eigentlich fehlt mir nichts, nur das bisschen Zeit sollte endlich vergehen, das ich noch vor mir hab.» Neben den Schrecken der Armut ist Stillstand ein Thema dieses Buches, das langsame Verrinnen der Zeit. Doch Sándor Tar deutet den literarisch ergiebigen Null-Zustand nicht aus. Er überfüllt sein Buch mit Dingen und den Schneckenbewegungen der Ereignislosigkeit und gibt sich seiner offenkundigen literarischen Stärke, der Beschreibung, hin: Er tut dies in rustikaler, klarer Sprache; er umkreist unablässig die Schrecken des Alltags und türmt sie zu einem monströsen, möglicherweise bewusst grotesken Berg von Furchtbarkeiten auf. Das ist gekonnt gemacht, erzielt beim Lesen eine phantastisch niederdrückende Wirkung, doch zugleich ein Gefühl des Ungenügens an diesem Buch. Denn über das sardonische Elendsprotokoll geht es sprachlich und gedanklich kaum hinaus.
Andererseits, und das ist die positive Kehrseite dieses allzu statisch geratenen (Ex-)Arbeiter-und- (Ex-)Bauern-Panoramas, verklärt der Autor seine Figuren ebenso wenig wie die Situation, in der sie leben. Kein versöhnlicher Gestus suggeriert, dass die misslichen sozialen Verhältnisse durch ein erhöhtes Mass an (Mit-)Menschlichkeit aufgewogen oder kompensiert werden. Im Gegenteil erzählt Sándor Tar von der Zerrüttung aller Beziehungen durch das Elend der äusseren Lebensbedingungen. Von Zusammenrücken und erhöhtem Gemeinsinn kann in keiner Weise die Rede sein. Das Dorf besteht viel eher aus einer zufällig zusammengewürfelten Gruppe von Individuen, die gerade das Leiden unter der Entbehrung vieles Lebensnotwendigen vereinzelt: Armut und fast gänzliche Hoffnungslosigkeit im Hinblick auf Veränderung der Lage bestimmen das Lebensgefühl; sie machen aus denen, die sie betreffen und manchmal zerbrechen, keine besseren Menschen. Für Freundschaften ist kein Platz, die Familien funktionieren nicht mehr. Frauen werden geschlagen oder vernachlässigt, Töchter und Söhne missbraucht, Tiere verhungern im Keller oder in den Ställen: eine Hölle im Kleinen.
Auch in seinem Roman «Die graue Taube» kultiviert der ungarische Autor den geschärften Blick fürs Hässliche, Bösartige und Makabre, nur verlegt er die Stätte des Entsetzens vom Dorf in die Stadt. Die menschlichen Beziehungen sind ebenso desolat, doch die Misere der «Krummen Strasse» ist, man hätte es kaum für möglich gehalten, noch steigerungsfähig. In der «Grauen Taube» ist die Welt nicht nur schlecht, sie befindet sich geradezu im Zustand des Zerfalls. Nur die ersten paar Zeilen erwecken noch den Eindruck relativer Normalität: Eine Familie sitzt beim Sonntagsessen, streitet sich über Alltägliches, als die Tochter plötzlich über Nasenbluten klagt. Es wird so schlimm, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden muss und dort stirbt: Sie ist eines der ersten Opfer einer geheimnisvollen Epidemie, die in der Stadt um sich greift.
Endlose Reihe
Sándor Tar vollzieht im Folgenden nicht etwa die Geschichte der Familie nach. Er nennt vielmehr unzählige Beispiele ähnlicher unerklärlicher Todesfälle, die alle unerwartet und scheinbar grundlos in den Alltag einbrechen. Unter dem Deckmantel der Epidemie werden zahlreiche Verbrechen verübt; wer verunfallt, ermordet wird oder der Krankheit anheim fällt, lässt sich kaum noch klären. Säuberlich werden die Ereignisse im Roman aufgelistet, als endlose Reihe von Sterbe-Varianten, die ihre ebenso nachdrückliche wie zugleich ermüdende Wirkung kaum verfehlt. Noch vor der soundsovielten Fallschilderung ist die dichterische Aussage begriffen und das Ende vieler Kurzkapitel schon von Anfang an absehbar: Die grosse Katastrophe setzt sich einerseits aus einer Vielzahl von kleinen zusammen und zieht andererseits weitere Desaster nach sich. Die aber entwickeln, dem Dorfroman ähnlich, keine epische Sogwirkung, sondern treten ein bisschen brav nebeneinander auf der Stelle.
Dazu trägt die Architektur des Romans bei, die Aufsplitterung in kleine, oft unterschiedliche Handlungsstränge verfolgende Absätze und der Stakkato-Stil der kurzen, atemlosen Sätze, die oft weniger pointiert sind, als sie zu sein vorgeben. Anders als im Dorfroman schleichen sich dieses Mal in die Nüchternheit suggerierende, knappe, deskriptive Sprache auch Sentimentalitäten ein. Ein Kriminalbeamter macht sich auf die Suche nach den Urhebern der im Windschatten der Epidemie verübten Verbrechen und ragt aus dem Täter- und Opfer-Sammelsurium als kuriose Identifikationsfigur hervor. Kommissar Molnár ist ein mit peniblem Fleiss geschilderter Antiheld, der sich ungern aus dem Bett bewegt, dem Alkohol zugeneigt ist, die Blumenvasen seiner Wohnung als Pissoir benutzt, vom Erzähler arrogant und zynisch genannt wird, aber offenbar trotzdem ein goldenes Herz besitzt, wie der Leser andererseits glauben soll: ein Schmuddel-Bogart, den man wie so manchen und manches in Sándor Tars an Übertreibungen reichen Büchern als Parodie lesen könnte. In seiner streng riechenden Wohnung erlebt Molnár den Beginn einer Affäre mit einer Kollegin, die sich zur Herzensangelegenheit entwickelt: aus jedem Thriller nur in besser parfümiertem Ambiente Geläufiges also. Wie überhaupt die Wege seiner Ermittlungen, welche die zweite Romanhälfte bestimmen, das apokalyptische Szenario zum Krimi mit mässigem Unterhaltungswert zusammenschrumpfen lassen.
Marion Löhndorf