Fingerfertiges Recycling
Carlo Lucarellis Kriminalromane
In seinen beiden bisher auf deutsch vorliegenden Kriminalromanen zeigt sich der 39jährige Italiener Carlo Lucarelli als fingerfertiger Autor, der seine Stoffe in einer klar umrissenen geographischen und historischen Realität verankert, eine zügige, dialogreiche Sprache schreibt, schnelle Schnitte setzt und mit dem gekonnten Wechsel von Beschleunigung und Verzögerung Spannung schafft. Lucarelli geht, wie viele italienische Autoren seiner Generation, offensichtlich gerne ins Kino. Doch seine Bücher beweisen, dass selbst technisch versiertes Recycling erfolgreicher Filmmotive noch keine grosse Literatur hervorbringt.
Das Schweigen der Lämmer
Dies gilt vor allem für den soeben auf deutsch erschienenen jüngeren der beiden Romane, «Der grüne Leguan», in dem ein blutrünstiger Serienkiller reihenweise Bologneser Studenten umbringt und häutet. Die junge Kommissarin Grazia Negro, die sich dem Mörder auf die Fersen heftet, ist schon nach wenigen Seiten als italienisches Alter ego von Jodie Foster im amerikanischen Kinothriller «Das Schweigen der Lämmer» zu erkennen: Grazia ist draufgängerisch, kompetent und ehrgeizig, doch sie hat sich die Unbekümmertheit des kleinen Mädchens bewahrt, errötet häufig und lässt sich von ihrem Vorgesetzten «Kleines» nennen. Während der Ermittlungen lernt sie den blinden Simone kennen, der zurückgezogen in einer Welt aus Klängen und per Funkgerät aufgeschnappten Stimmen lebt. Da Simone einmal die Stimme des Mörders gehört hat, wird er für Grazia zu einem unentbehrlichen Ermittlungsgehilfen. Nach allerhand makabren Episoden und einem an Hitchcock erinnernden Finale Grazia wird beinahe unter der Dusche ermordet macht das Paar den Schlächter unschädlich.
Der Gejagte gewinnt selbst nach 200 Seiten keine individuellen Konturen er ist schlicht ein dem Wahnsinn verfallenes, gesichtsloses Monster. Ohnehin gehören differenzierte Charakterzeichnung und psychologische Motivierung nicht zu Lucarellis Stärken, seine Protagonisten sind allesamt nicht mehr als effektvoll herumgeschobene Requisiten. Eine produktive Umsetzung der Filmmotive, eine ironische Brechung oder eine Neugestaltung mit spezifisch literarischen Mitteln ist nicht zu erkennen, im Gegenteil: Besonders die Gewalt- und Mordszenen, die Lucarelli in unverminderter Drastik von der Leinwand zu übernehmen versucht, geraten gegen Ende des Romans zum unfreiwillig komischen Gruselspektakel. Prätentiös und geradezu lachhaft wirken die zwischen den Kapiteln placierten Seiten mit einzelnen Sätzen aus dem Text: «Schnapp ihn, Kleines», «Blaue Stimme . . . wo bist du?» solchen Schnickschnack hätte Lucarelli dem Leser wirklich ersparen können.
Der 1998 auf deutsch erschienene Kriminalroman «Freie Hand für De Luca» spielt ein halbes Jahrhundert früher: Seine Geschichte ist in der Republik von Salò angesiedelt, und der Ermittler De Luca ist ein ehemaliges Mitglied der brutalen faschistischen Polizeibrigade Muti. Das Verbrechen jedoch findet in einem Ambiente statt, das eher zu einem Gesellschaftsroman des Fin de siècle passen würde: Ermordet wird mit einem Brieföffner der Geck und Frauenheld Vittorio Rehinard, der in Verbindung zu einem einflussreichen Grafen stand. Dessen morphiumsüchtige Tochter bringt De Luca schon beim ersten Verhör mit ihren traumwandlerisch unbeabsichtigten Berührungen in erregte Verlegenheit; verführen lässt sich der Polizist aber erst von der Hellseherin Valeria, die in der Villa des Grafen vor aristokratischer und faschistischer Prominenz spiritistische Sitzungen abhält.
Nach stürmischen, von Schläger- und Mordkommandos immer wieder sabotierten Ermittlungen kann De Luca den Fall aufklären. Zugleich findet er heraus, dass ihm der Untersuchungsrichter und seine faschistischen Komplizen in einem politischen Intrigenspiel die Rolle des nützlichen Idioten zugewiesen haben. Um darauf zu reagieren, ist es allerdings zu spät: Die Alliierten überschreiten den Po und zwingen De Luca zur Flucht nach Norden.
Banale Konflikte
Zwar vermeidet es Lucarelli dank seinem knappen, sachlich registrierenden Stil, Figuren und Ereignisse des Romans allzusehr ins Esoterisch-Exzentrische zu treiben. Trotzdem ist auch «Freie Hand für De Luca» über weite Strecken eine Enttäuschung. Lucarelli gewinnt den verheissungsvollen Prämissen des Romans viel zuwenig ab. Über die Verhältnisse in Mussolinis Rumpf- und Marionettenstaat erfährt man bestenfalls Schemenhaftes. Der historische Hintergrund dient Lucarelli dazu, einen banalen Konflikt zwischen Staatsmacht und Individuum zu konstruieren: Auf der einen Seite intrigieren die vom Untersuchungsrichter geführten faschistischen Finsterlinge, auf der anderen kämpft der Held mutig und unbeirrt für die Gerechtigkeit. Dies wirkt reichlich klischeehaft und könnte sich in einem x-beliebigen anderen totalitären System zutragen oder auch in einem «Tatort» mit Kommissar Schimanski. Hinzu kommt die irritierende und letztlich unglaubwürdige Einfalt, mit der De Luca seine Identität zusammenhält. «Ich bin Polizist», pflegt er zu sagen, ob er nun auf seine gegenwärtige Rolle als Ermittler oder auf seine früheren Aktivitäten als Geheimpolizeimitglied angesprochen wird. Von einem inneren Konflikt und sei es ein verdrängter ist nichts zu spüren, die Frage nach dem Sinn der Gerechtigkeitssuche in einem verbrecherischen Staat und nach der eigenen Verantwortung stellt sich De Luca nicht. Was auf den ersten Seiten des Buches ein gebrochener und spannungsgeladener Held zu werden verspricht, entpuppt sich so am Ende als penetranter Langweiler. Sandro Benini
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Der 25-jährige Simone ist von Geburt an blind. Mit seinen elektronischen Geräten geht er auf die Jagd nach den Tönen und Stimmen der Stadt Bologna. Simone lotet die Stille aus. Jeder Klang hat für ihn eine Farbe: "Ein bildschönes Mädchen hätte blaues Haar".
Ein Serienmörder im studentischen Milieu von Bologna wird Leguan genannt, denn er schlüpft in die Haut seiner Opfer. "Der grüne Leguan": Grazia, die junge Fahnderin, macht Jagd auf ihn - mit Hilfe von Simone.