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Rui Pedro Martim da Luz, Rechtsanwalt und Lebemann, plant ein neues Leben unter neuer Identität. Dazu muss er alle Spuren aus seiner Vergangenheit verwischen und nicht zuletzt seinen eigenen Tod inszenieren -- doch ein echter Mörder macht ihm einen Strich durch die Rechnung. An dem Ort im nordspanischen Galizien, an dem Martim da Luz sein neues Leben zu führen geplant hat, stirbt er unter rätselhaften Umständen.
Fast zur gleichen Zeit wird auf der Azoreninsel Sao Miguel die Leiche von Rita Calado Gomes gefunden. Dass auch sie Opfer eines Verbrechens wurde, vermuten die Ermittler erst, als sie sich als die Geliebte von Martim da Luz entpuppt. Doch wer könnte ein Motiv haben, die beiden Liebenden zu ermorden? Während Jaime Ramos und Filipe Castanheira in Spanien und auf den Azoren ermitteln, erfährt der Leser allerlei über ihre privaten Sorgen und Obsessionen, ihr unerfülltes Liebesleben, darüber, wie man ein Fischgericht zubereitet, das höchsten Gourmetansprüchen genügt -- und vor allem bekommen wir eine Bestätigung des Klischees, das der Portugiese nur dann richtig glücklich ist, wenn er traurig ist. --Anna Hochsieder
Francisco José Viegas und die Poetik des Verbrechens
Ein Meer, zwei Tote. Er: niedergestreckt am Strand von Fisterra, Galicien, die Brust zerrissen von drei Kugeln, abgefeuert aus nächster Nähe. Sie: Treibgut in den Wellen der Azoreninsel São Miguel, ertrunken vermutlich, im kalten Wasser bereits blau angelaufen.
Zahllose Seemeilen liegen zwischen den beiden Orten des Verbrechens, und wer mehr als zwei Krimis gelesen hat, der weiss, dass das Genre einen Zusammenhang zwischen ihnen zwingend vorschreibt. In diesem Fall ist es eine Photographie aus dem Besitz von Rita Calado Gomes, der Wasserleiche aus São Miguel, die den entscheidenden Hinweis gibt. Zu erkennen ist auf ihr Rui Pedro Martim da Luz, jener Unglückliche eben, den die heimtückischen Schüsse in Galicien dahinrafften. Was die beiden Toten miteinander verband, welche Positionen sie in der Konstellation des Verbrechens einnahmen, welche Motive den oder die Täter zu ihrem finsteren Handwerk trieben um all dies zu klären, gibt Francisco José Viegas seinem Kommissaren-Duo Jaime Ramos und Filipe Castanheira mehr als 400 Seiten Raum. Erfreulich zunächst dieses: Der Anfangsverdacht, Martim da Luz, ehemaliger Mitarbeiter des portugiesischen Geheimdienstes, könnte sich in die schlechte Gesellschaft von Waffenschiebern oder Drogendealern begeben und sich darum den geballten Unmut seiner wenig zimperlichen Kollegen zugezogen haben, ist bald ausgeräumt. Der Mann, erfahren wir, ist ein Aussteiger, der im entlegenen Fisterra Ruhe und Abstand zum Leben sucht. Ein Leben, das Rita Calado Gomes eigentlich hätte teilen sollen. Aber die Liebe treibt mitunter ein launenhaftes Spiel, und boshaft, wie sie ist, ruft sie eine andere Schöne auf den Plan, die dem ausgedienten Agenten das Blut noch heftiger durch die Venen zu treiben weiss. Als sich dann noch eine attraktive, eigentlich nur in den Zeugenstand gerufene Psychologin als weitere Ex-Liebhaberin des Geheimdienstlers zu erkennen gibt, ahnt man bereits, dass die Regungen des Herzens einmal mehr ein blutiges Ende genommen haben.
Dass man das Buch trotzdem nur ungern aus der Hand legt, liegt an den bemerkenswerten literarischen Qualitäten seines Autors. Der Doppelmord scheint für Francisco José Viegas als beinahe nebensächlicher Anlass, sein gemächliches, an Georges Simenon erinnerndes Erzähltempo überhaupt erst einmal anzuschieben, eine sommerliche Strandgeschichte in Gang zu bringen, Raum zu schaffen für ein virtuos inszeniertes Spiel von Stimmungen und Atmosphären. Portugal, so will es das Klischee, ist Heimat ahnungsvoller Aufbruchstimmung, der Sehnsucht nach dem além-mar, nach Übersee, mit empfänglichem Gehör für den Ruf des Meeres und ferner Gestade. In eben diese Tradition stellt sich auch Viegas, wenngleich, der Leser dankt es ihm, in deutlich abgeschwächter Variante. Die Seemeilen zwischen Porto und den Azoren überbrückt keine Barke mehr, sondern in wenigen Stunden das Flugzeug. Kein zerrissener, bis zur Unerträglichkeit dem Grübeln zugeneigter Pessoa steht hier der berühmt-berüchtigten saudade Pate; viel eher klingen die stilvoll-abgegriffenen Topoi eines Reisekatalogs der gehobenen Preisklasse an. Die Besinnlichkeit und Ruhe der Landschaft würde der Werbetexter preisen, sie der Branche entsprechend als Ort empfehlen, wo man so richtig die Seele baumeln lassen kann. Dazu noch die regionale Küche und gut gekühlter Weisswein: Statt des Buches hätte dann auch der Leser des Romans gern ein Ticket in den Händen, das ihm heute oder morgen träge Tage auf den Azoren garantiert. Gerne möchte er auf den Spuren der beiden Kommissare wandeln die ja tatsächlich gerade selbst ihren Urlaub auf diesen Inseln verbringen und sich deren Verlockungen auch ausgiebig hingeben.
Doch Viegas' Werbung für die Azoren wie auch für Galizien bleibt indirekt. Zu ihrem wesentlichsten Stilmittel hat sie die erlebte Rede auserkoren; die Meereslandschaften lässt sie als trägen Bewusstseinsstrom, als impressionistisch aufgelösten Form- und Farbenfluss über die Buchseiten gleiten. Scharfe Konturen kennt diese sanfte Welt nicht; und obwohl die drei Wochen, die es zur Aufklärung des Falles braucht, eine ganz passable kriminalistische Leistung darstellen, bremst das sommerliche Klima das Erzähltempo doch ganz erheblich. Nur schleichend macht es seinen Gang, kapitelweise nicht nur durch die jeweiligen Juli- und Augusttage, sondern auch deren einzelne Stunden strukturiert. Die drückende Schwüle heisser Nachmittage, die kühle Brise am Abend, die tiefe Ruhe der Nacht oder leider auch die Qual schlaflos verbrachter Stunden mit entsprechendem Missmut am nächsten Morgen: All dies macht die Jagd auf den Mörder auch zum anmutig ausgebreiteten Seelenspiel.
Wie die beiden Kommissare, von Viegas bereits in einigen früheren, noch nicht ins Deutsche übersetzten Romanen auf Verbrecherjagd geschickt, den Mördern schliesslich auf die Spur kommen, bleibt für den Leser dank der ausgeklügelten, spärlich verlaufenden Informationsvergabe lange Zeit offen. Er ahnt zwar die Motivlage der verletzten Liebe, eilt mit seinen Vermutungen den Kommissaren aber niemals voraus. Als eine Art Ouverture in diesen zerfaserten Handlungsfaden fungieren die beiden ersten Kapitel, die die letzten Minuten im Leben des männlichen Opfers umreissen und strikt aus seiner Sicht geschrieben sind. Die dem Protagonisten selbstverständlichen Vorinformationen hält Viegas konsequent zurück; der Leser nimmt die Welt ebenso hilflos wie fasziniert aus einer nicht verortbaren Perspektive wahr. So wird ihm die gleissende Helle des morgendlichen Augusthimmels noch über viele Seiten die Augen trüben, nur allmählich setzt sich das explodierte Licht wieder zu deutlicher wahrnehmbaren Konturen zusammen. Das hat etwas suggestiv Poetisches. Denn schon als Camus seinen «Fremden» am Strand von Algier die tödlichen Schüsse auf den namenlosen Araber abfeuern liess, milderte die strahlende Sonne den Schrecken der Tat um etliches. Ähnlich geht es dem Leser auch bei Francisco José Viegas selbst dann, wenn er diesmal die Perspektive des Opfers, nicht des Täters einnimmt. Im Gegenteil, die Szene atmet den dunklen Charme des Selbstmords. Sterben möchte man von nun an nur noch an den weiten Stränden Galiciens.
Kersten Knipp -- Neue Zürcher Zeitung
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