Aus der Amazon.de-Redaktion
Großes Land, noch größere Probleme. Die Negativ-Schlagzeilen samt Horrormeldungen, die Südafrika in regelmäßigen Abständen macht, stehen in keinem Verhältnis zur Pop-Szene. Die nämlich ist trotz internationaler Größen wie Howard Carpendale, Johnny Clegg und der verstorbenen Ikone Miriam Makeba vor allem im Indiebereich mehr als überschaubar. Da kommt nun das Duo Dear Reader und präsentiert mit
Replace Why With Funny ein derart hinreißendes Debüt, dass man ohne Hintergrundswissen denkt, die müssen doch aus den Hochburgen von Kanada, England oder den USA stammen. Sängerin Cherilyn McNeil und der Grammy-Preisträger Darryl Torr gehören als Weiße zu einer ethnischen Minderheit im eigenen Land, zu dem sie eine Hass-Liebe hegen und dessen musikalische Kultur komplett ausgegrenzt wird. Nicht einmal das hymnische, von Chören getragene „The Same“, das so viele unbeantwortete Fragen an die Heimat stellt, bildet da eine Ausnahme. Dear Reader aus Johannisburg machen unterstützt von Brent Knopf (Menomena) Pop-Musik wie so viele schlaue junge Menschen zwischen London und New York, zwischen Toronto und Reykjavik. Dabei nimmt einen
Replace Why With Funny nicht im Galopp mit oder überrennt einen, es hat mehr etwas von einer Schnitzeljagd. Gerade die prägnante Stimme von McNeil drängt sich derart in den Vordergrund, dass die kleinen Eskapaden und großen Gesten, die verschwurbelten Klangspielerein, die ewigen Tempowechsel, das Wogen zwischen Euphorie und Melodramatik mit all ihren Details überhört werden. Was nun wirklich unerhört wäre.
--Sven Niechziol
Kurzbeschreibung
Dear Reader bestehen aus Cherilyn McNeil und Darryl Torr (live stößt noch Schlagzeuger Michael Wright dazu), die in Johannesburg leben - wie der Großteil dort, hinter enorm hohen Mauern und Stacheldraht, in der ständigen Gefahr, Opfer von Gewalttaten und Raubüberfällen zu werden.
„We live in constant fear“ ist in Südafrika kein einfach so dahin gesagter Satz, sondern eine Tatsache. Seit das Land mit der höchsten Kriminalitätsrate der Welt in den letzten Jahren flutartig unter vielen Millionen von Flüchtlingen aus Botswana, Mosambik und anderen Nachbarstaaten ächzt, ist es mit der ständigen Gewalt nur noch schlimmer geworden.
Zusammen mit Menomena's Brent Knopf verschanzten sich Dear Reader hinter den meterdicken Mauern der South African Broadcasting Company (SABC), einem staatlichen Radiosender, um ihr Debuet "Replace Why With Funny" aufzunehmen. Ein Album, das mit seiner Reichhaltigkeit und Vielschichtigkeit entschieden in die Kategorie der „Grower“ gehört. Oberflächliches Hören führt zu gefährlicher Vorverurteilung, denn die Produktion ist enorm glatt, und die junge Dame hat eine mächtige Stimme. Jedoch tun sich in Sachen Songstruktur und Arrangements schnell tiefe Abgründe auf, die bei genauerem Studieren hinein in eines der schönsten und emotionalsten Alben führen, das je auf City Slang veröffentlicht wurde.
Songs wie "Dearheart" oder "Great White Bear" fangen durchweg sehr “light“ an, um sich im weiteren Verlauf in mächtige und dramatische orchestrale Anordnungen zu steigern. Da türmen sich geschichtete Chöre neben Waldhörnern und enorm dicken Geigen. Jeder einzelne Song auf diesem Album ist eine Skulptur für sich, in liebevoller Feinarbeit von den drei Musikern im Studio zurecht gefeilt, aufeinander getürmt und angeordnet worden. Eine Meisterleistung in Sachen euphorisierter Arrangeurskunst.
Wie schreibt die Band auf ihrer Myspace Seite in der Rubrik sounds like: „...when you feel so much that you think you might explode and then laugh at yourself for being such a melodramatic douchebag!“. Genauso klingt das.