Aus der Amazon.de-Redaktion
Anja Plaschg alias Soap&Skin hätte sich fügen und in einem steirischen Dorf mit den Eltern Schweine mästen, den verhassten Klavierunterricht lustlos weiterführen können. Nie hätten wir ihre unglaubliche Stimme und die digital angereicherten, fesselnden Piano-Balladen ihres umwerfenden, bemerkenswert reifen Debüts
Lovetune For Vacuum zu hören bekommen. Zum Glück entschied sie sich schon in jungen Teenagerjahren und für ein anderes Leben, getrieben vom Wissen, was sie nicht will und dem wissen, was sie will. Nicht aber vertrieben von den Eltern, zu denen sie ein herzliches Verhältnis pflegt. Mal gerade 18 Jahre ist die Österreicherin zum Veröffentlichungszeitpunkt dieses jede Sekunde fesselnden Albums alt, da hat sie das Kunststudium in Wien bei Daniel Richter schon abgebrochen und das einst ungeliebte Piano ist Teil des Lebens geworden. Damit, ein wenig Elektronika und ihrer Stimme erzielt sie auf
Lovetune For Vacuum und vor allem live eine Wirkung, der man sich kaum entziehen kann. Der Stil ihrer sich keinem Pop-Schema unterwerfenden Stücke ist jetzt schon an diesem frühen Punkt so einzigartig und unverkennbar wie bei Antony & The Johnsons, Kate Bush oder einst Nico. Wenn sie ihren Scherz herausschreit, einem Sehnsüchte entgegenschleudert, die Seele herauskotzt, einen mit Ängsten konfrontiert oder Hilferufe aussendet, dann bleibt sie doch immer unnahbar, unerreichbar. Völlig verwirrt und berauscht von diesen kristallklaren Liedern - von denen „Spiracle“ alle anderen noch übertrifft - stellt sich immer wieder die Frage: Ist Anja Plaschg Soap&Skin, vereinen sich hier zwei Personen, überlappen sich zumindest oder handelt es sich um ein Kunstprodukt, ein divenartiges Rollenspiel? Sie weiß es selber nicht. Wer so betörende, verstörende und beklemmenden Stücke komponiert, von beinahe erschreckender Offenheit ist, hinterlässt eher den Eindruck, aufrichtig die eigenen Dämonen vertreiben zu wollen. Ein Geschenk, diese Platte. -
Sven Niechziol
Tragik, die fesselt: Soap&Skin erzählt in dreizehn Elektronika-Klavierstücken von Weltschmerz und Sehnsucht.
Bereits das Cover von „Lovetune For Vacuum“ offenbart eine düstere geheimnisvolle Anja Plaschg alias Soap&Skin. Ihre Songtexte sind –nicht gleich augenscheinlich– auf der Innenseite der Papphülle verborgen. Als wolle die österreichische Songwriterin ihren Seelenzustand, den sie zwar offenherzig vertont, dennoch verstecken.
Sanft tragen Klaviermelodien den Hörer in den ersten Song der Platte. Eine zarte Frauenstimme flüstert zerbrechlich „I Lay On The Floor“. Langsam nähert man sich ihr. Mit plötzlicher Wucht verrät sie, wonach sie sucht - dem Mond, der Nacht, der Welt des Traumes. Eben noch düster, wird der Stimme gleich im nächsten Lied „Cry Wolf“ eine andere Facette verliehen. Untermalt von E-Piano, Akkordeon und leichtem Hintergrundklingeln singt sie in Höhen, die einem Gänsehaut verschaffen.
Immer wählt Soap&Skin das richtige Instrumentenkostüm für ihre Zeilen: Schnelles Wippen der Finger auf den Tasten des Klaviers und dunkle Schläge in “Thanatos“ oder Kontrabass mit Cello und der Forderung „Extinguish me“, die einem das Herz in der Brust schnüren. In ihrem imposanten Stück „Marche Funébre“ bedient sie sich sogar einer der berühmtesten Klaviersonaten Frédéric Chopins', dem Trauermarsch.
Es folgen Zeilen übers Vergraben und Ersticken - dieses junge Mädchen liefert sich aus. Sie entblößt sich dem Hörer mit jedem Wort, was sie haucht. Es entsteht Nähe, die von Minute zu Minute wächst. Selbst die Instrumentalpassagen und der plötzliche Einbruch wellenartigen Elektrogefrickels schildern ihre verborgene Sehnsucht. Die Melodien sprechen Bände, es braucht nicht viel mehr. In “Spiracle” schreit sie „I still beg please help me“. Wie gern möchte man ihr helfen. Und zugleich nicht. Weil in ihrem Leiden gleichzeitig ihr größtes Potential liegt. Woher dieser Unmut zum Leben rührt, mag man sich fragen. Erschreckend authentisch klingen die Bitterkeit, das Elend und die Gedanken an den Tod.
Neben dem noch immer zerbrechlichen Kind liegt auch eine selbstbewusste Frau in dieser melancholischen Stimme. Eine 18-Jährige, die von Liebe, Körperlichkeit und ihrem inneren Verlangen erzählt. Soap&Skin klingt als wäre sie ein ganzes Orchester, wenn sie inbrünstig eigens verfasste Zeilen vom Wahnsinn singt. Manchmal erinnert ihre klare Stimme in Kombination mit dem Piano an Cat Power. Doch ihre Musik ist experimenteller, wirrer, lauter. Immer tiefer verstrickt sie sich in ihrem Geräuschkonstrukt. Die obskuren Tonsequenzen winden sich ineinander, die minimalistische Elektronik umspinnt den Hörer und lässt sein Kopfkino arbeiten. Wie eine vertonte Traumsequenz wirkt der finale Track “Brother Of Sleep“ durch Rauschen und Vogelgezwitscher.
Von der Klavieruntermalung zu Beginn bis zu den finalen elektronischen Spinnenweben fesseln die 13 Stücke auf „Lovetune For Vacuum“. Sie steigern die Hoffnungslosigkeit, in die man versetzt wird. Es scheint, als laufe diese junge Frau nicht weg, sondern als wachse sie an ihrem Schmerz und dem Zweifel, der an ihr nagt. Erst der Paukenschlag zum Schluss erinnert daran, dass die Nacht und eine dreiviertel Stunde exzessive Traurigkeit zu Ende sind.
Jasmin Hollatz