Polarkreis überlassen anscheinend nichts dem Zufall. Auf ihrem zweiten Album
The Colour Of Snow präsentiert sich die vielköpfige Gruppe aus Dresden von Klangästhetik bis zum Outfit als durchgestyltes Gesamtkunstobjekt. Die Entwicklung zu einem internationalen und damit nie nach Deutschland einordbaren Sound vollzog sich rasant. Bevor sich Polarkreis 18 im Jahre 2004 gründeten, entdeckten die beiden Blur-Fans Sänger Felix Räuber und Keyboarder Bernhard Wenzel Indie-Künstler wie Tortoise, Aphex Twin, Radiohead oder Sigur Rós für sich. Doch mehr als Garagenpunk - plus Schreigesang - konnten die beiden 1997 mit ihren Instrumenten noch nicht spielen. Dann begann die Tüftele, sie legten Spur auf Spur, bis der PC-generierten Musik das Leben ausging. Erst weitere Mitglieder ließen Polarkreis 18 zu einer richtigen Gruppe werden, auch weil die Songs nun eine neue Dynamik bekamen. Der Weg zum Erfolg war frei, vorbei die Zeiten mit 25 Besuchern bei Konzerten. War dass selbstbetitelte Debüt
Polarkreis 18 schon eine gereifte Mischung aus Pop-Melodien, integrierten Break-Beats, elegisch-wehmütigen Klang-Epen, Streicherarrangements und Gitarren-Ausbrüchen, so schwenkt der Nachfolger direkt und mit Hochgeschwindigkeit Richtung Mainstream. Der Albumtitel
The Colour Of Snow, der Bandname und die Hives-mäßige weiße Klamottenoptik suggerieren Kühle und stehen trotz des kristallklaren, krispen Sounds doch in Kontrast zu der eher warmen und emotionalen Musik. Bohrt man nun aber tiefer, tauchen Probleme auf. Ein Track wie die potentielle Hitsingle
Allein Allein mit seinen überbordenden Arrangements uns Eurodisco-Beats ist nicht unbewusst entstanden, der Song WILL einen anspringen, er giert nach Anerkennung und Radio-Airplay. Wo die immer wieder als Vergleich herangezogenen Sigur Rós mystisch, spinnert und unnahbar daherkommen, damit eine Nachhaltigkeit erreichten, da fehlt es dem Sextett aus Sachsen an Tiefe. Das von Mario Thaler (Notwist) und Jochen Naaf (PeterLicht) unter Mithilfe von Streichern produzierte Album klingt perfekt und international konkurrenzfähig, es macht einem den Zugang sogar außerordentlich leicht. Aber es will einfach nicht berühren, es nimmt einen nicht an unbekannte Orte mit. --
Sven Niechziol
"Selten wurde so heiß diskutiert in einer Motor-Redaktionssitzung. Selten ging solch ein tiefer Riss durch unser Team. Selten kam es zu solch bösen Verbalattacken. Der Grund? Das neue Album von Polarkreis 18 "The Colour Of Snow". Weil wir uns diesmal so gar nicht einig sind, gibts an dieser Stelle statt der gewöhnlichen Rezension ein PRO und CONTRA zu einer wirklich "heißen" Platte.
PRO
Na die trauen sich was! Statt in ihrer kleinen Indie-Ecke verkopft weiter vor sich hin zu frickeln, haben die Dresdener Jungs um Felix Räuber die große Geste entdeckt. Auf ihrem Zweitling „The Colour Of Snow“ wird nicht gekleckert sondern geklotzt: Wo auf dem Debüt noch vereinzelte Streicher fidelten, musiziert nun das komplette Filmorchester Babelsberg. Wo einst die unverkennbare Falstett-Stimme englische Texte so zart und darum auch kaum verständlich hauchte, traut sich Herr Räuber jetzt sogar zum Teil deutsch und lauthals zu tönen. Wo frickelige Beats sich in epischen Post-Rock auflösten, da schwingen sich jetzt hymnengleich Wahnsinns-Melodien in den Pophimmel, um sich in perfekten Arrangements selbst zu feiern - und passen so nicht nur in die Disko nebenan, sondern auch ins Mainstream-Radio…
Dank dem Händchen eines Mario Thalers und weil die Jungs wirklich wissen, was sie hier tun und wollen, ist ihnen eine Platte gelungen, die beim ersten Hören scheinbar haarscharf am Schmalz vorbeischrammt, sich jedoch sofort in den Gehörgang hakt und dort auf ewig nachhallt. Beim mehrmaligen Hören jedoch mit soviel Können aufwartet, mit liebevollen Details, mit einem wilden Mix an verschiedensten Zutaten aus Klassik, Electro und Post-Indie-Rock, dass einem schier die Worte fehlen.
Viele werden diesen Weg von Polarkreis 18 nicht mitgehen, werden der Band Kommerz vorwerfen, doch das kann den Jungs egal sein. Denn zu diesem Schritt in Richtung Pathos-Pop gehörte mehr Mut und Können als einfach eine Kopie ihres Debüts vorzulegen. Respekt, und „Weiter so!“.
Laura Anderson
CONTRA
Gerade ein reichliches Jahr ist es her, dass Felix Räuber und Konsorten einen Beitrag mit dem Titel „Zuviel“ auf ihrer Myspace-Seite bloggen. Fünf zarte Dresdner, übermannt von den Begeisterungsstürmen einschlägiger Musik-Kritiker, von einem Interview zum nächsten tingelnd, sich die Finger wund spielend – das waren Polarkreis 18. „Ihre Musik ist heftig, unglaublich breit, großkotzig und transzendent“, übte sich das Musikmagazin Intro in Superlativen. Das selbst betitelte 2007er Debütalbum des Anfang Zwanziger-Quintetts, Resultat fast vierjähriger ununterbrochener Studio-Tüftelei, war beinah unverschämt perfekt für einen Erstling. So exzentrisch und dennoch völlig unpeinlich wurden Radiohead und Muse in einen Pott geschmissen. Vollkommen hemmungslos und jenseits jeden Respekts vor der Last musikalischer Referenzen plärrte Sänger Felix Räuber ins Mikro und völlig überraschend kam heraus, was seit Sigur Rós lange niemand mehr zustande gebracht hatte. Abgesehen davon, dass diese fünf Grünschnäbel schon gemeinsam Musik machten, bevor ihnen die ersten Pickel auf der Nase sprossen, waren sie schlicht und ergreifend einfach in der Lage. So unheimlich durchdacht war jedes einzelne Arrangement. So klug die akkurat platzierten elektronischen Spielereien. So wissend, dass auch die trägste Vene pochen würde. So jenseits des irdischen Schmutzes.
Im Akkord hat das Dresdner Überflieger-Quintett nun die zweite Platte „The Colour Of Snow“ produziert. Und wieder hat man Tränchen in den Augen. Diesmal jedoch nicht aus Ergriffenheit. Und schon gar nicht vor Begeisterung. Vielmehr weil man lachen muss. Über den neuesten Treppenwitz namens Synthie-Pop, den Polarkreis 18 in zehn völlig blassen Songs auf die Spitze treiben.
Ein Zug fährt ein im Opener „Tourist“. Kraftlos tuckert er durch den watteweißen Winterwald. Endstelle: Das musikalische Nirgendwo. „I travel and travel / I never come home“, atmet Felix Räuber (wenigstens das klingt vertraut) ins Mikro, als müsse er für die ganze Welt leiden. Und das Schlimmste ist: Er hat ja so Recht. Vom vormals perfektionierten Eklektizismus sind nur die Schreie in Gläser zerschmetternden Tonlagen geblieben. Die erste Singleauskopplung „Allein Allein“ sollte wohl der Versuch einer Pop-Hymne werden. Wahllos treffen mittelmäßige Depeche Mode 80s-Electropop-Kopien auf Chorgesänge, die das instrumentale Wirr Warr nicht einen Deut dichter machen. Die Bläserarmee in „Prisoner“ setzt dem glatt geleckten Pop-Desaster noch die Krone auf. Kein Orchester-Instrument, das in der Peter und der Wolf-Variation nicht zum Zuge kommt. Keine Höhepunkte. Keine Ausreißer, in welche Richtung auch immer. Während die Streicher auf dem Debüt präzise platziert daherkamen, flirren sie jetzt zu gewollt. Zu opulent ist auch das Paukenschlag-Finale, das maximal einem Disney-Märchenfilm gut stehen würde.
Die Nymphengesänge in „River Loves The Ocean“ markieren den Tiefpunkt einer Platte, die Polarkreis-Fans mit jedem Ton mehr im Herzen wehtun wird. Hoffnung verspricht allein die Nummer Sieben namens „Rainhouse“, auf der wenigstens in Ansätzen der vorantreibend-pulsierende Sound der Erstlings-Scheibe hinüber gerettet wurde. Hier blitzen sie kurz durch, die Zehen-Zuck-Beats, die geschickt platzierten Breaks eines „Crystal Lake“. Wer jedoch nach der Wimpernschlagpause ein ohrenbetäubendes Feuerwerk erwartet, muss sich einmal mehr mit einer Leuchtrakete statt einem Dutzend zufrieden geben.
Wo bitte ist das kompromisslos treibende Schlagzeug eines „Dreamdancer“, das sich in jede Falte der Ohrmuschel mogelt? Kein leises Herangeschleiche, um dann lautstark zuzuschnappen. Wo ist die nervös zuckende Stille? Zu oft versteckt sie sich hinter dem pompösen Aufgebot an instrumentaler Reizüberflutung. Nur in „130/70“ wandelt das Piano im Alleingang und berührt in seiner Einfachheit tausend Mal tiefer.
Das englischsprachige 2007er Debüt wäre ohne Frage ein Kandidat für den internationalen Durchbruch einer brillanten Dresdner Nachwuchsband gewesen. Auf „The Colour Of Snow“ changiert man nun äußerst heikel zwischen den Sprachen ohne Rot zu werden. Deutsch für die Bundesrepublik, Englisch für den Rest der Welt? Wenn’s doch nur so einfach wäre.
Jennifer Beck