Über einen Mangel blutrünstiger Horrorfilme muss sich der Genrefan zurzeit wirklich nicht beschweren. Auch in Hollywood hat man wieder erkannt, dass nach Jahren weichgespülter PG-13-Produktionen die Sehgewohnheiten des Publikums wieder ein paar rüde Attacken verkraften können, um sie so richtig zu schocken. Was Rob Zombie mit "House of 1000 Corpses" und "The Devil`s Rejects" vormachte, wird nun von Filmen wie "The Hills Have Eyes" und natürlich "Hostel" standesgemäß fortgesetzt. So ganz ohne teure Stars und kostspielige Effektshows lässt dieser Markt noch länger auf sehr lukrative Abräumer hoffen. "Saw" und "Saw II" haben es mit ihren Minibudgets und den ungemein guten Einspielergebnissen ja auch beispielhaft vorgemacht.
"Hostel" befindet sich also in guter Gesellschaft und schlägt sich wacker gegen seine Verwandtschaft, ist nun aber wirklich kein intelligentes Event, das zeitgenössisch die amerikanische Jugendkultur an den Pranger stellt, sondern einfach nur wild viele Klischees bedient, auch wenn Quentin Tarantino darum bemüht ist, einen Kult um diesen Film zu forcieren, wo eigentlich gar keiner ist. Na ja, Überlegungen den günstig gebuchten Sommerurlaub in Osteuropa abzusagen, wird es hiernach trotzdem geben. Wer will einem das aber auch verübeln?
Denn "Hostel" ist so etwas wie die negierte Hardcore-Version von "Eurotrip", die das Bild, das der amerikanische Durchschnittskinobesucher sich hierdurch vermutlich in einigen Fällen von Europa macht, deutlich negativ prägt. Klischees wohin man sieht, keine Spannung, keine guten Schauspieler, aber Drogen und Sex.
Ficken ist hier ohnehin ganz wichtig, denn aus diesem Grund sind Paxton (Jay Hernandez, "Torque", "Carlito's Way: Rise to Power"), Josh (Derek Richardson, "Dumb and Dumberer: When Harry Met Lloyd", "Reeker") und der Isländer Oli (Eythor Gudjonsson) als Rucksacktouristen nach Amsterdam gereist. Die Nutten sind billig und ansehnlich, die Drogen günstig und erfreulicherweise legal, was kann es Schöneres geben?
Ich wüsste da schon etwas, aber der Horizont der drei ist nun mal etwas eingeschränkt. Ganz ehrlich, so stelle ich mir den durchschnittlichen, jugendlichen Ami auch vor, wenn er Abwechslung von der Spring Break braucht und deswegen mal unsere Kultur schnüffelt. Nennen wir sie die "American Pie" - Erben der mit wenig Hirnmasse ausgestatteten Nachfolgergeneration, deren Gags nicht zünden und deren Meinung über Europa wohl auch die der breiten Bevölkerung Amerikas widerspiegelt, wenn man diversen Umfragen trauen darf.
Bis das Trio dann aber endlich scheibchenweise im slowakischen Folterkeller landet und Gorehounds feucht zwischen den Beinen werden, gilt es aber einen ungeheuer belanglosen Mittelteil zu überbrücken, für den gar kein Drehbuch vorhanden gewesen zu sein scheint. Also geht es wieder ans Ficken, Alkohol trinken und die Bestätigung diverser Vorurteile.
Denn Paxton, Josh und Oli, ohnehin ganz entzückt von der europäischen Enthemmtheit, bekommen von einem Russen schon früh den Geheimtipp gesteckt, es mal in einer Herberge in der Nähe von Bratislava zu probieren, wo ganz besonders geile Schnecken campieren, die schon ganz fickerig darauf sind, in der nächsten Disco einen zu heben, um dann nachts gemeinsam die Lacken zu zerknüllen. Also nichts wie hin, sagen die Jungs sich und ab geht es.
Immerhin der Look bleibt gleich herb, europäisch düster, nennen wir ihn nicht unwirtlich, aber bestimmt abweisend und eben nicht den Vorlagen idyllischer Center-Parks entsprechend. Insofern sammelt Eli Roth schon ein paar atmosphärische Punkte. Die Locations sind eben noch nicht ganz so verbraucht und Osteuropa hat immer noch seinen negativen Ruf weg, das in jeder Diskothek auch gleich zig Drogendealer und Mafiosos abhängen, die dir flugs die Knochen neu richten können, wenn sie denn dazu Lust haben. Diese Zeitgenossen sollen hier allerdings noch die kleineren Probleme sein.
Davon hat das immer noch Schabernack treibende Touristentrio wohl noch nicht viel gehört. Die Jungs lassen sich die Laune jedenfalls selbst von einem eigenartigen Passagier im Zug nicht versauen. Schließlich warten nach der Ankunft schon an der Rezeption wohlgeformte Rundungen und irgendwie sind auch alle sehr zuvorkommend und freundlich. Ergo wird wieder getanzt, gesoffen und gepimpert und zwar bis zum Morgengrauen, weil die lokalen Weiblein das versprochene Bild abgeben. Nur geht am Ende die Rechnung nicht mehr auf. Einer fehlt nach der ersten Tittenschau. Angeblich hat er bereits am Morgen ausgecheckt. Nun, da verrate ich wohl auch nicht zu viel, dem ist nicht so.
Tja, da hat man sich als Zuschauer zusammen mit den Dreien durch diese ermüdende, wiederholende Partymacherei gekämpft und trotzdem juckt das mysteriöse Verschwinden einen herzlich wenig, was auch daran liegen kann, dass der Rest vom Fest sich zu wenig besorgt und zu naiv verhält.
Immerhin macht "Hostel" dann recht schnell Nägel mit Köpfen und schickt auch die anderen beiden in die Folterverliese, nachdem zumindest Paxton schon so langsam zu dämmern beginnt, was hier so vor sich geht. Die Kaugummi erpressenden Kindergartenbanden mit ihren schlagkräftigen Argumenten und die mal wieder ihre Augen schließende Polizei sind ihm nur keine Hilfe, weswegen er sich auf die völlig falsche Person stützt - seine Fickbekanntschaft. Aber wem soll man sich soweit von Zuhause auch anvertrauen?
Ja, das Verhalten der sich alsbald mächtig in der Bredouille befindlichen Jungs glänzt nicht gerade mit nachvollziehbaren Reaktionen, aber dafür gibt es dann endlich das groß durch geschicktes Internetmarketing angekündigte Gekröse im nicht gerade sterilen Folterkeller im großen Stil mit allerlei Instrumenten, die von herkömmlichen Scheren über Kettensägen bis hin zu Bunsenbrennern eine erlesene Auswahl für reiche Typen darstellen, die für viel Knete mal so richtig die Sau rauslassen wollen, indem sie unschuldige, angekettete Touristen foltern: Augapfel raus, Zehen abkneifen, Finger absägen, Achillessehnen durchschneiden und was weiß ich nicht noch alles.
Der heruntergekommene Komplex, wohl ein ehemaliger Schlachthof, liegt abgelegen, die Schreie hört keiner und während in den hübsch unhygienischen Räumlichkeiten ein jeder sein Opfer nach Herzenslust zu Tode foltert, gähnt man als Zuschauer entweder der dreckigen Gewalt, die so sehr nach Selbstzweck schreit, entgegen oder freut sich diebisch über das vermeintlich intensiv gefilmte Horror-Feeling. Mich persönlich hat die reichhaltige Schlachtplatte mit seinen schon recht rabiaten Momenten, allerdings kalt gelassen. Nicht, weil ich so ein superknallharter Horrorfilmgucker der abgehärtetesten Sorte bin (*hüstel*), sondern weil "Hostel" vergessen hat, seine Stereotypen in auch nur einer Szene dem Zuschauer sympathisch vorzustellen und zugänglich zu machen. Angesichts ihres vorangegangenen Treibens fällt es fast schwer da noch Mitleid zu zeigen. Gut, es wird einiges abgetrennt und man möchte auch schon mal weggucken, aber hinlaufen um zu helfen, will man nicht unbedingt.
Und doch bibbert man auf der Flucht mit ihnen. Der rettende Bahnhof ist weit weg und um vom Gelände herunterzukommen wird man trotz Verstümmelung selbst wenig glaubwürdig zum heldenhaften Mörder, aber schließlich hofft man doch noch, dass zumindest einer aus den labyrinthartigen Kellern kommt und sich rächen kann, was er auch postwendend tut, indem er Beteiligte überfährt, Hälse aufschlitzt, Finger abschneidet und Köpfe zerschlagen lässt, seine Peiniger also letztlich mit ihren eigenen Mitteln schlägt, weil die sich praktisch wie zufällig auf seiner Flucht aufreihen, um zu sterben. Erschöpft lässt er sich nachvollbrachter Tat, dem Zuschauer fern wie nie zuvor, in den Zug fallen, um für den zweiten Teil, der bestimmt kommt, gewappnet zu sein. Völlig überzogen und unglaubwürdig zwar, aber wenigstens kurzweilig.
Die Gewaltdarstellung ist die Essenz des Films, denn sonst würde sich kein Mensch "Hostel" ansehen wollen und was gezeigt werden darf, ist schon von sehr schmerzhafter Natur. Der hin und wieder sich zeigende, gar nicht mal so verkehrte schwarze Humor kann ein paar Szenen in ihrer Intensität abmildern, aber insgesamt überwiegt doch ein deutlicher Hang den blutigem Exzess zu frönen. Besonders zum Schluss wird der Ton auch immer rauer, werden Menschenleben auf der Flucht immer nebensächlicher und die ohnehin schwache Spannung leider immer stiefmütterlicher behandelt.
"Hostel" ist sicherlich ein sehr dummer Film, der einzig durch seine menschenverachtenden Foltereinlagen anfixt, der aber sicher etwas Besseres hätte werden können, wenn denn dieser dümmliche Plot nicht auf Klopapier geschrieben worden wäre und sich ein paar Figuren hätten finden lassen, mit denen man als Zuschauer auch etwas anfangen kann.
So wirkt das Szenario aber lieblos auf lediglich ein Ziel spannungs- und überraschungsfrei ohne eine wenigstens ansatzweise sinnvolle Story heruntergekurbelt, indem man sich ein paar typische Kulissen und Standardsituationen ausgesucht und sie mittels eines Alibidrehbuchs gekoppelt hat. Da fehlt der Kick und vor allem die bedrohliche Atmosphäre ab der ersten Szene, die schon mal vorbereitend wirkt und mit den Erwartungen spielt.
Fazit:
Handlungsarmer, belangloser Horrortrip in osteuropäische Folterkeller mit unzähligen Klischees und nervigen Figuren, dafür immerhin zumindest teilweise funktionierendem schwarzen Humor und unverbrauchten Kulissen. Roth ist nur leider nie dazu in der Lage einen spannenden, mitreißenden Thriller zu drehen, sondern baut lediglich auf das skandalöse Potential seiner Goreszenen, die dann in der zweiten Hälfte auch den Schwerpunkt bilden. Ein paar Momente hat "Hostel" ja tatsächlich noch, doch insgesamt überwiegt deutlich das Negative. Die Slowakei, ihre Bewohner und deren Tourismusgeschäft werden sich bei Eli Roth für "Hostel" jedenfalls bestimmt nicht bedanken...
--- André K. (Blade Runner)