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5.0 von 5 Sternen
Yin & Yang? Nein, Mezmerize & Hypnotize!, 19. März 2006
Ein halbes Jahr ist verstrichen, da fegte ein Orkan Namens „Mezmerize“ über die Welt. Nicht ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Und dann, ein halbes Jahr später, zieht der noch bösere Zwillingsbruder „Hypnotize“ aus, die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern.So in etwa könnte ein Buch beginnen, welches die Geschichte der ähnlichen, doch auch ungleichen, Zwillinge beschreibt, die, gezeugt von der Mutter SoAD, das Licht der Welt erblickten... Bereits auf dem ersten Teil des Doppelschlages Mezmerize / Hypnotize wurde die neue Richtung der Band ersichtlich: John Dalmayans Drumtechnik wurde durch das Doppelbassspiel erweitert, da er normalerweise eher durch seine versierte Armtechnik auf sich aufmerksam macht. Zusätzlich trat der eindeutig auffälligste Wandel zu Tage – Gitarrist Daron Malakian übernimmt mehr und mehr die Führungsrolle in der Band: Lyrics, Musicarrangements, Produktion sowie einen großen Teil am Lead-Vocal. Dies führte bereits bei „Mezmerize“ unter den Fans zu heftigen Kontroversen, da die Band bereits mit Serj Tankian einen Sänger in ihren Reihen beherbergt, der 98% der Sänger im Musikbusiness in den Schatten stellt – und zwar sehr weit ins Dunkle hinein. Anders als viele Anhänger des alten Stils, als Serj das Lead-Vocal fest in den Händen hielt, begrüße ich jedoch diese Entscheidung. Hierzu habe ich meine Meinung bereits in meiner Rezension zu „Mezmerize“ kund getan. Aber dennoch zitiere ich mich hier nochmals zum Verständnis: Der Grund ist schwierig zu erklären & dennoch ziemlich einfach: Serj ist ohne Zweifel ein herausragender Sänger, der Verrücktheit & fast alle Arten von Gefühlen dermaßen genial rüber bringt, dass es schier unglaublich ist. Allerdings eben nur fast... denn es gibt manche, von Daron gesungene Textpassagen, die durch ihn perfekt wiedergegeben werden können. Sicher besitzt Daron nicht die variable Bandbreite von Serj, er besitzt nicht die teils poetische Lyrikdarstellung des Frontmanns und auch hat er nicht solch ein Timbre aber er besitzt eine solche Intensität in seiner Stimme, die tiefste Trauer, Verrücktheit & Überdrehtheit darstellen kann, dass es einen schon ins Mark treffen kann. Außerdem besitzt er eine sehr markante (recht hohe) Stimme, welche nicht sehr oft im Musikbusiness anzutreffen ist. Ungewöhnlich & gewöhnungsbedürftig, aber ich finde sie mittlerweile einfach nur toll. Serj ist und bleibt jedoch die wichtige & insgesamt definitiv bessere Stimme der Band. Meiner Meinung nach, beschneidet die Anwesenheit Darons' Stimme jedoch in keiner Weise die Präsenz & Ausdrucksstärke von Serj Tankian. Im Gegenteil, die Zwei erreichen eine Harmonie, wie sie auf keiner vorherigen Platte der Band je zu hören war. Das Resultat stellt die eindruckvollste Vocal-Performance der Band zum jetzigen Zeitpunkt dar. Keine Frage, „Mezmerize“ war & ist ein Hammeralbum, jedoch hätte das geniale Meilensteinalbum „Toxicity“ einen Erben zu bestimmen, dann wäre es der große Bruder „Hypnotize“... Die versammelten Songs auf dieser Platte stellen einen wirklichen musikalischen Reifeprozeß dar. Die Band knüpft, von der Intensität, an „Toxicity“ an, arbeitet die Stärken der Band heraus & setzt diese auch ein. Der erste Track „Attack“ hämmert dermaßen gewaltig & kontrolliert zugleich drauf los, dass man nicht viel mehr machen kann, als erstmal tief durch zu atmen. „Dreaming“ steckt kein bißchen zurück, setzt jedoch mit dem kanonartigen (gegen Ende des Liedes nicht mehr nur aus Serj & Daron bestehenden) Refrain noch einen drauf & bietet ein dermaßen genialen ruhigen Mittelteil, eingeleitet von einer fallenden Daron-Tonleiter, der einen bis ins Mark erschüttert. Eindeutig einer der stärksten Tracks die SoAD bisher veröffentlicht haben. „Stealing Society“ bietet erstklassigen Rock, mit eingehendem Text und endet mit einem Daronlastigen schnellen Gesang, der in dieser Form in der Bandgeschichte noch nicht oft vorkam. „Tentative“ haucht einem ein mulmiges Gefühl ein, denn der Text bietet nicht gerade erfreuliches. Das Lied stellt in etwa einen Tatsachenbericht unserer verrückten Welt dar – unangenehm & sehr intensiv. „U-Fig“ stellt einen, textlich einfach gehaltenen, harten Song dar, mit Serj in Schrei-Höchstform. Im Mittelteil wird es für zwei kurze armenische Klanggewebe unglaublich ruhig, immer wieder zerfetzt von den brachial einsetzenden Kräften der Band – der m.E. beste Teil des Liedes. Unglaubliches Brett, das mit zu den besten Liedern des Albums zählt „Holy Mountains“ stellt musikalisch einen würdigen Nachfolger von „Aerials“ dar – ruhig, sehr eingängig & bewegend. „Vicinity of Obscenity“ ist der verrückteste Track des Albums: eine Art Sprechgesang gepaart mit sich überschlagenden Stimmen, zu Kinderstimme verstellter Stimme Darons, hartem & ruhigen Refrain, hämmernden Drums, wabbender Gitarre, absolut sinnlos erscheinendem Text – jede andere Band würde an dieser Aufgabenstellung gnadenlos scheitern - SoAD hingegen machen daraus ein absolut überzeugendes Lied. „Lonely Day“ stellt das Pendant zu „Lost in Hollywood“ auf „Mezmerize“ dar. Daron singt bis auf wenige Einsätze Serjs komplett alleine, der Text ist traurig-schaurig, ein schönes Gitarrensolo ergänzt diesen Song prächtig. Ein intensives Lied, das einen hart ins Gesicht trifft. Das letzte Lied der Platte „Soldier Side“ ist einiges in vielerlei Hinsicht. Es ist eine der balladenartigsten Lieder der Band. Es ist einer der heftigsten, markerschütternsten Texte der Bandgeschichte. Es ist eine Verurteilung der Kriegsmaschinerie. Es stellt die Verbindung zu „Mezmerize“ her, denn dort ist das Intro ein Teil dieses Liedes. Textlich gesehen, unterlegt mit dieser traurigen Musikuntermalung & dem Vortrag der beiden Sänger, der wohl niederschmetternste Song & doch, oder gerade deshalb, einer der besten Songs ever. Leute, die meinen, dass dieses Album zu wenig System of A Down von früher ist, sollten aufhören sich daran fest zu klammern. Die Band hat sich persönlich & als Band selbst weiterentwickelt, sind gewachsen, sind gereift – und dafür bin ich mehr als dankbar. Wären sie so geblieben wie es manche gerne hätten, dann würde es System of A Down in dieser Form nicht mehr geben – sie wären mit all den anderen „Nu Metal“ Bands in der Versenkung verschwunden. Ich kann mit den Änderungen der Band gut leben – sehr gut sogar. Lieber immer wieder neue, auf ihre Art einzigartige Platten einer Band, als dass diese immer wieder die gleiche Schiene fährt, bis keiner mehr auf diesem Zug mitfahren möchte. Überleben ist eine Kunst – und diese beherrschen System of A Down bisher hervorragend!
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