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47 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Passable DVD-Umsetzung einer schlechten Romanverfilmung, 4. Juli 2005
Zunächst einmal muss gesagt werden, dass de Sades Roman "Justine" kein x-beliebiger Schmuddelroman ist, sondern eine brisante philosophische und gesellschaftskritische Satire. Die hochaktuelle Gesellschaftskritik wird in den Mund einer großartigen Frauenfigur, der Diebin Dubois gelegt: das bürgerliche Tugendideal (an das sich Justine zu ihrem eigenen Unglück hält, während ihre Schwester Juliette klug genug ist, das nicht zu tun) bietet in Wahrheit keinerlei Lebenshilfe, sondern ist nur das Instrument, mit dem die Reichen und Besitzenden ihren eigenen Status sichern. Der Besitzlose, der sich daran zu halten versucht, gerät zwangsläufig unter die Räder des Systems. Erst in späteren Langfassungen seines Romans rechtfertigte de Sade Justines Leiden und die Verbrechen ihrer Peiniger aufgrund eines auf Gewalt, Schmerz und der Macht des Stärkeren beruhenden Lustprinzips. Aber schon bei der filmischen Umsetzung der Dubois fällt dem (völlig zu Recht) berühmten Trash-Regisseur Jess Franco nicht mehr ein, als ihre schlechten Zähne zu zeigen; und es zeigt sich leider allerorten, dass Franco die Finessen der Story nicht verstanden hat. Der charmante, homosexuelle Marquis de Bressac plant hier nicht den Mord an seiner Mutter, sondern man hat sie - um des größeren Schauwerts willen - mit einer frei erfundenen Ehefrau ersetzt. Das bietet uns zwar die Gelegenheit, Sylvia Koscina in der Badewanne zu sehen, und das ist immer ein lohnender Anblick. Es zeigt aber auch, dass Jess Franco keinerlei Sinn für gutes Storytelling besitzt: nicht nur, dass Gattinnenmord (anders als Muttermord) in fast jedem Krimi vorkommt und ziemlich abgegriffen ist. Justine hat nun auch keinerlei Gelegenheit mehr, sich in den ledigen, gefährlich charmanten Marquis zu verlieben. Das nimmt der Bressac-Story so ziemlich alles, was sie interessant machte. Und dabei spielt Horst Frank den Marquis einfach hinreißend! Dummerweise belässt es Jess Franco hier aber auch nicht bei einfachen Schauwerten. (In dieser Hinsicht sind sowohl Francos frühe, wackelige Handkamera-Events als auch seine von dem großartigen Peter Baumgartner aufgenommenen Schweizer Filme sehr viel gelungener.) Stattdessen muss er beweisen, dass er sich bei dem ganzen Müll etwas „gedacht" hat: deshalb, in dem vollkommen misslungenen Versuch eine traumartige Atmosphäre zu erreichen, tanzen hier und da aus dem Nichts Frauen auf und nieder; Klaus Kinskis Szenen als de Sade in der Bastille sind aus dem gleichen Grund unscharf und mit sinnlosen Zooms und Schwenks durchsetzt, die uns keinen einzigen klaren Blick auf die von Leidenschaft und Weltschmerz entstellten Züge Kinskis erlauben, die wir an dieser Stelle so gerne gesehen hätten. (Ganz ehrlich: Kinskis an einem einzigen Drehtag aus dem Stehgreif improvisierten Renfield-Szenen in Francos "Nachts wenn Dracula erwacht" sind hundertmal so gut gelungen.) Jack Palances Darbietung als Bruder Antonin kann man vergessen, misslungen ist das frei erfundene Happyend, das wir Klaus Kinski als Marquis des Sade schließlich selber wieder durchstreichen sehen. Das Bild ist aus der amerikanischen DVD-Fassung eingekauft worden und dementsprechend gut. Die deutsche Synchro enthält die originalen Stimmen von Horst Frank und Harald Leipnitz, aber man merkt dem Label die vergebliche Mühe an, die amerikanische Fassung mit der völlig hirnrissig geschnitten deutschen Kinoversion in lippensynchrone Übereinstimmung zu bringen. Bruno Nicolais ehrwürdiger Versuch, dem Film durch die Musik noch einen Funken Leben zu verleihen, ist leider nur in den ca. 20 Minuten englischsprachiger Extra-Szenen halbwegs zu rekonstruieren. Da die deutsche Version nicht Gewalt- oder Sexszenen, sondern wahllos irgendwelche Szenen geschnitten hat, ist leider kaum ein Filmmusikstück wirklich vollständig zu hören. Zur Zusatzausstattung gehört des weiteren ein Interview, in dem Franco zugibt, in seinen Filmen Fehler gemacht zu haben. Selbst Franco-Fans dürften indessen Schwierigkeiten haben, diesen Film zu mögen.
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