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64 von 69 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
"Irgendeiner wartet immer", 12. März 2004
~ "Erfahrungsbericht der Erstbesichtigung" von einem, der seit langem in diesen Film verliebt ist, bislang aber nur die deutsche Fassung kannte.Inhaltlich sei auf die zahlreichen Rezensionen verwiesen, falls es derer bei diesem Werk überhaupt bedarf. Lange hat es bis zur Veröffentlichung gedauert, auch die Ankündigung wurde mehrere Male nach hinten revidiert, viele Rezensionen mussten sich immer wieder mit Vermutungen abgeben oder Wünsche formulieren. Jetzt ist die DVD da und viele Befürchtungen sind glücklicherweise nicht bestätigt worden. Das gute Stück ist klasse. Schon gestalterisch ein Genuss. Zwar wurde nicht das altbekannte Kinoplakat verwendet, aber das Motiv ist eine würdige Variante. Doppel DVD, zentral aufklappbares Digipack im Pappschuber und links noch eine Klappe mit einem üppigen Booklet zur Entstehungsgeschichte des Films. Alles in einem matten Papier, das nicht so leicht Fingerabdrücke zeigt (vgl "Pate" oder "Es war einmal in Amerika"), mindestens genauso edel wirkt wie glanzlackiertes und hier auch hervorragend zur sandigen Kulisse passt. Eine DVD enthält im wesentlichen den Film, die andere zahlreiche Zusätze, wie praktisch! Der Film hat vier Sprachfassungen - Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch - und unzählige Untertitel. Deutsch ist obligatorisch, Englisch eigentlich auch, Spanisch ist sehr lustig, ohne eigene Bedeutung allerdings und Französisch ist noch lustiger, hat allerdings den Charme, dass der Film in Frankreich zumindest lange Zeit bei weitem am erfolgreichsten war. Schade ist natürlich, dass Italienisch nicht enthalten ist, immerhin sind die wichtigsten Personen hinter der Kamera und die göttliche Claudia aus Italien, dem Land, in dem der Film, mit etwa einem Jahr Vorlauf, uraufgeführt wurde. Klanglich sind die drei Synchronfassungen vergleichbar und ziemlich mäßig. Mono und recht undynamisch. Erheblich besser ist da der Originalton, der sowas ähnliches wie einen Raumklang produziert. Richtig Stereo klingt das nicht, aber deutlich besser als mono. Mehr Dynamik wäre auch hier noch möglich und schön, vor allem würden die musikalischen Effekte dann drei Tage Gänsehaut bescheren, aber so muss halt jeder für sich ein eigenes Soundnachdesign vornehmen. Schwamm drüber, das wird alles seine Gründe im Rohmaterial haben und wir wollen uns ja endlich freuen. Völlig überraschend sind die Differenzen in der deutschen Synchronisierung. Eigentlich ein anderer Film! Die Originalfassung, die ich jetzt endlich zum ersten Mal genießen durfte, ist viel gradliniger, ja fast emotionsloser. Gerade einige der markigsten Sprüche scheinen der Feder des Synchronteams entsprungen zu sein: Ende der Anfangsszene, Mundharmonika trifft auf die drei Langmäntel und fragt nach einem Pferd. Die Antwort nach einem süffisanten Blick nach hinten lautet: "Seems that two have to share one", stattdessen: "Sieht aus als hätten wir eins zu wenig". Schlüssiger zum Deutschen daher die Antwort: "No, you have two too much" die auch sehr direkt übersetzt wurde. Cheyenne wird in der Absteige von seinen Leuten abgeholt und antwortet auf die Provokation von Mundharmonika, drei Langmäntel seien tot: "My men don't get killed!", anders: "Meine Männer begehen keine Massaker!" Abgesehen vom höheren Sympathiewert der deutschen Version, ist diese dramaturgisch zumindest bedenklich, wenn nicht sogar falsch. Denn woher weiß Cheyenne vom Massaker, das seine Leute ja in der Tat nicht begangen haben? Und abgesehen davon sprach Mundharmonika von einer ganz anderen Szene, die vieles, aber jedenfalls kein Massaker war. In der Liebesszene spricht Frank deutlich aus, dass es schade ist "to kill you" und deutet dies im Deutschen nur ganz unterschwellig an. So wird Frank zwar charmanter, aber gleichzeitig auch fieser. Gegen Schluss, als Mundharmonika seine Sachen holt, kund tut, gehen zu müssen und beim kurzen Innehalten Sweetwater noch eine gute Zukunft prognostiziert, fragt sie: "When do you visit Sweetwater?" und er antwortet indem er losgeht und nur murmelt: "Sometimes". Im Deutschen dagegen suggeriert sie: "Sweetwater wartet auf Dich" woraufhin er beim Losgehen feststellt: "Irgendeiner wartet immer!" - Das muss man erst mal sacken lassen. Das hat mal Gewicht. So eine Aussage bekommt man nicht alle Tage geboten. Das meine ich völlig ernst. Zwar ist das ganz erstklassige Lagerfeuerromantik oder besser heutzutage Stammtischromantik wie: "Manchmal muss ein Mann tun, was ein Mann tun muss!", aber das kommt ja nicht von ungefähr, diese Qualität zur Verwendung unter richtigen Männern. Fast scheint es, dass der ganze Film nur auf diese Aussage hinleitet und dass dieses Ergebnis ebenso nüchtern wie war ist. Aber nach Kenntnis der Originalfassung bleibt von alledem wenig. Noch ein letztes, das entscheidende Beispiel, die Schlüsselszene, in der Mundharmonika Franks Fragerei nach seinem Namen beendet, indem er ihm die Mundharmonika zwischen die Zähne und die letzten Atemzüge drückt und endlich sagt: "Spiel mir das Lied vom Tod!" - In der Originalfassung: Nichts. Er sagt nichts! - Sprachlosigkeit! - Ein Mythos wankt. Hier geht es ja nicht nur um einen sehr freien deutschen Titel, der damals schon sehr reißerisch anmutete und so vermutlich viele zarte Gemüter vom Kino fern hielt, wie er echte Helden anzog und bei Kindern wie mir eine enorme Faszination des Gefährlichen und Morbiden auslöste. Wohl kalkuliert vom deutschen Verleih, was sich im Verkauf des Soundtracks, dem "Lied von Tod" auch heute immer noch zeigt. Wer hat nicht in irgendeiner Form das "Lied vom Tod" zu Hause und spielt es regelmäßig am Schluss der Party, um dem letzten, auf der Couch eingeschlafenen auch noch einen dramatischen Abgang zu verschaffen? Nein, hier geht es um mehr, die deutsche Präsentation macht Rache zu "dem" Motiv des Films. Nicht wie im Original nur ein kurzes Aufflackern von einem Sinn, bevor der Protagonist weiterzieht, auf der Suche nach dem wahren Ziel und dem Motiv dahinter, schwer beladen mit der Vermutung es nicht zu finden. Aber wer noch kann, sollte wenigstens suchen. Aufgeben muss schließlich nur der, der stirbt. Den wirklich Suchenden vermag auch keine Frau davon abzuhalten. Diese Rache wird begleitet vom wahrlich nervenaufreibenden Jammern der Mundharmonika, noch verstärkt vom markerschütternden Klang der E-Gitarre. Ennio Morricone quält den Zuschauer regelrecht zu diesem Höhepunkt der Handlung hin und welche Erlösung bringt uns schließlich der Tod von Frank. In Deutschland bekam das Motiv noch eine Höhere Ebene, indem das Lied vom Tod es war, das Unheil, aber auch die Erlösung brachte. All das soll keinerlei Entsprechung im Original haben? So oder so ist das Motiv "Rache" wesentlicher Bestandteil des Films, aber nicht in dieser Überspitzung. Das Lied vom Tod kennt das Original nicht und der Titel legt auch den Fokus anders. "Once upon a time" legt den Schwerpunkt auf die Suche und die Rache als Bestandteil davon verliert sich just im Moment des Verhalls der quälenden Klänge. Der einzelne hat nichts gewonnen, auch der Tod hat nur kurz gewonnen, denn es geht immer irgendwie weiter - Sweetwater entsteht. Der deutsche Titel ist somit sehr übersteigert und erfüllt noch nicht einmal die Qualifikation eines Zitats. Ich bin ratlos. Warum sagt mir das keiner und lässt mich so ins offene Messer oder besser ins Leere rennen? Ob das Original Drehbuch italienisch war und davon sämtliche Fassungen abgeleitet wurden, könnte eine Erklärung dafür sein, dass der Unterschied zwischen Deutsch und Englisch gar so groß ausfiel. Es ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass der Film englisch gedreht wurde; Zweifel beseitigt ein Vergleich der Lippenbewegungen. Also sollte für alle damals Beteiligten diese Fassung die Referenz bedeutet haben, womit eine echte Erklärung sich gerade nicht aus der Sache selbst heraus ergibt. Eine Erklärung wird vielleicht das Zusatzmaterial liefern, dem ich mich noch nicht widmen konnte und das ich daher hier auch nicht rezensieren kann, aber für mich gibt es jetzt zwei Filme. Jeder hat eine eigenständige Bedeutung. Nächste Maßnahme meinerseits wird sein, den Film durchgehend auf englisch anzusehen, ohne ständig zwischen den Sprachen zu springen. Vielleicht ergibt sich so eine andere Aussage. Dass zumindest die Stimmung der deutschen Fassung erheblich abweicht, sollte hier deutlich geworden sein. Dass das keinerlei Kritik darstellt, möchte ich noch einmal ausdrücklich herausstellen. Keiner kann uns die Fassung nehmen, mit der wir groß geworden sind und die wir lieben. Umso spannender und wichtiger ist aber auch diese DVD Veröffentlichung. Und eins weiß ich schon jetzt, sie wird mir noch viel Freude bereiten, so oder so. "Die DVD wartet auf Dich, wann wirst Du sie wieder ansehen?" - "Sometimes" ... "Nein, immer öfter" - "Warten war früher!"
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