Ein s/w Klassiker der einmal mehr zeigt, wie das Kunstprodukt Marlene Dietrich vervollständigt wurde.
Vergleicht man diesen Film mit der ersten Zusammenarbeit der beiden Filmgrößen, "Der blaue Engel", sieht man die Verwandlung von Marlene Dietrich von einer hübschen Schauspielerin (die, zugebenermassen, bereits in ihren frühen Filmen mehr durch ihren Stil, ihre Gesten und natürlich auch durch diese Lässigkeit, mit der sie ihre Szenen spielt, auffällt, als durch Ausdruck, Mimik und Schauspielkunst) zur Ikone deutlich.
Sind die Haare im 'Blauen Engel' noch dunkler und natürlich, die berühmten Augenbrauen (mehr oder weniger) echt, zeigt "Scarlett Empress" in jeder Einstellung das künstliche Wesen 'Marlene Dietrich'. Blonder als blond, in jeder Einstellung kunstvoll frisiert und die Augenbrauen einen Zentimeter höher, quasi knapp unter dem Haaransatz und die Kostüme phantasievoll und künstlich. Tragekomfort? Fehlanzeige. Historische Genauigkeit? Irrelevant. Das Spiel der Schauspielerin ist hier nebensächlich, wichtiger ist ihre perfekte Erscheinung, das überdimensionale Kinobild.
Das, was Kritiker damals wie heute bemängeln, der mangelnde Ausdruck, das fehlende Schauspiel von Marlene Dietrich, wäre in diesem Film ohnehin überflüssiger Ballast. Der Film ist eben ausschliesslich Form und kein Inhalt. Die Geschichte die erzählt wird, ist wirklich absolut banal und lohnt die Wiedergabe nicht. Lose auf historischen Begebenheiten basierend, wobei alles herausgelassen, kaschiert und angepasst wurde, was das Aneinanderreihen von perfekten Bildern stören würde. Wer allerdings davon ausgeht, dass man sich die Zarenzeit damals eben so vorgestellt hat, der irrt. Von Sternberg wollte hier weder seine Vorstellung der Zarenzeit aufzeigen, noch den damaligen Vorstellungen der Zuschauern über diese Epoche entsprechen. Er wollte ausschliesslich einen perfekten Marlene Dietrich Film drehen. Die Bilder, die Kostüme, der Dekor sind allerdings sehr beeindruckend.
Dies ist allerdings auch das große Manko des Films. Er ist einfach allzu perfekt. Auch wenn von Sternberg, sozusagen als Imitation des wahren Lebens, die Verwandlung der kleinen preussischen Prinzessin in die große russische Zarin, und damit indirekt auch die Entstehung von Marlene Dietrich aufzeigt, sind doch auch die Bilder der jungen, 'unverdorbenen' Prinzessin (als Sinnbild für Marlene Dietrich in der Zeit vor von Sternberg) viel zu künstlich, die Locken zu perfekt, das Gesicht trotz aller scheinbaren Natürlichkeit eben auch DAS Marlene-Gesicht ohne jede echte Natürlichkeit. Und auch wenn hier Marlene Dietrich versucht, einen unschuldigen Ausdruck in ihr Spiel zu legen (flatternde Hände, Hüpfen im Garten, Beinebaumeln auf der Schaukel) und ihr in diesen Szenen eben jene Schauspielkunst abverlangt wird, dessen Fehlen viele bemängelt haben und bemängeln, kann sie hier doch nur scheitern an der künstlichen Natürlichkeit. Eine Rückverwandlung in eine Marlene Dietrich in die "Vor-von Sternberg-Zeit" ist, zumindest mit von Sternberg, nicht möglich und auch nicht gewollt.
Nicht unerwähnt bleiben sollten an dieser Stelle die Szenen, in der die kindliche Prinzessin von Marlene Dietrichs eigener Tochter Maria gespielt wird und diese, als perfekte "Kind-Marlene", sich nahtlos in die Szenen des Films einfügt und, aufgrund der grossen Ähnlichkeit mit der Mutter, die Illusion der Imitation des wahren Lebens vervollständigt wird. Ein Glückgriff für den Regisseur, der so im Nachhinein auch noch zeigen konnte, wie Marlene Dietrich als Kind seiner Meinung hätte sein sollen.
Es gibt keine hässlichen Menschen in diesem Film, mit Ausnahme des Zaren selbst, der aber so grotesk überzeichnet wird, dass auch diese Hässlichkeit eben perfekt inszeniert ist.
Andererseits ist es gerade das Unechte, Stilisierte, was diesen Film so anziehend macht. Der Zarenhof mit seinen riesigen Türen, die überdimensionierten Kerzenleuchter, die unheimlichen Fratzen. Phantastisch insbesondere die Hochzeitszeremonie. Die Bilder zeigen hier so viele Details, dass der riesige Kathedralensaal aus seinen Nähten zu platzen droht. Ein Rausch an visuellen Eindrücken. Ebenso die surrealistisch anmutenden Filmszenen, die die Qual der Bevölkerung zeigen sollen: Wunderschöne, barbrüstige Frauen auf dem Scheiterhaufen. Dazwischen, in Überblendungen eingefügt, die Häscher des Zaren auf edlen Pferden. Phantastische Filmbilder, die darüber hinaus zeigen, wie sehr der Regisseur im Stummfilm verankert ist, einer Zeit, in der eben oft das Visuelle über den Inhalt gestellt wurde und im deutschen Expressionismus seinen künstlichen und künstlerischen Höhepunkt erreichte. Solche Faszination ausschliesslich durch Bilder ist in heutigen Zeiten, trotz der enormen Möglicheiten der Spezialeffekte eher selten zu finden, allenfalls Tim Burton oder Terry Gilliam erreichen noch diese Kraft.
Fazit:
Ein Film als Augenschmaus. Wer stilisierte Bilder liebt und wem die Geschichte die erzählt wird, nicht allzu wichtig ist, wird mit diesem Film perfekt unterhalten. Für Marlene Dietrich Fans sicherlich ein 'Muss' und für alle anderen einfach ein Fest fürs Auge.