Der Thomaskantor Günther Ramin (1898-1956) gehört zusammen mit seinem Vorgänger und Lehrer Karl Straube zu den großen Pionieren der Bachinterpretation im 20. Jahrhundert. Schon bevor Ramin zum Thomaskantor avancierte und seine pädagogisch-musikalische Tätigkeit beim Thomanerchor entfaltete, deren Früchte auf diesen CDs dokumentiert sind, war er ein gefeierter Orgelvirtuose. Sein Name ist eng verbunden mit der Orgelbewegung der Zwanziger Jahre, die das Ziel verfolgte, das barocke Klangbild wieder herzustellen. In diesem Zusammenhang setzte er sich für die Reparatur der damals völlig vergessenen historischen Orgel in der Hamburger Jacobikirche ein und gab an dem renovierten Instrument zahlreiche Konzerte mit Bachscher Orgelmusik.
Wer nun allerdings erwartet, auf den vorliegenden CDs etwas zu hören, was auch nur entfernt mit dem Klangbild der heutigen historischen Aufführungspraxis gemeinsam hat, der wird eine Enttäuschung erleben: Viel weiter war der Weg von den monumentalen Bearbeitungen Bachscher Musik für Wagner-Orchester am Anfang des 20. Jahrhunderts und dem anfänglichen Unvermögen, wenigstens den Notentext umzusetzen, bis hin zum "Originalklang" der heutigen Ensembles. In diesen großen Zusammenhang gilt es die Leistung Ramins einzuordnen, wenn man verstehen will, warum dieser Künstler seinerzeit das Publikum und die Musiker fasziniert hat.
Die Box enthält außer Orgelmusik und einer Gesamtaufnahme der Johannespassion vor allem Kantaten. Diese Tondokumente entstanden, wie Ramins Sohn im Booklettext erklärt, ausnahmslos als Rundfunkmitschnitte und sind bezüglich ihrer äußeren Bedingungen unter für heutige Begriffe geradezu abenteuerlichen Umständen zu Wege gebracht worden: Meistens gab es z. B. nicht einmal eine Orchesterprobe, und die liturgische Aufführung der Werke am Vorabend in der Thomaskirche diente der wenigstens elementaren Verständigung. Dadurch erklärt sich die sehr unterschiedliche Qualität der Aufnahmen: Teilweise mangelt es einfach an ganz grundsätzlichen Dingen, wenn etwa das Orchester erst nach einigen Takten wirklich im selben Tempo zusammen spielt; manches andere wiederum gelingt erstaunlich gut, aber meist lässt der nächste "Unfall" nicht sehr lange auf sich warten.
Die Solisten pflegen zum großen Teil den breit geführten, pathetischen Oratoriengesang jener Tage, aber es befinden sich auch Ausnahmen darunter: Von guter Qualität ist beispielsweise der Gesang des Tenors Hans-Joachim Rotzsch, der viele Jahre später selbst Thomaskantor werden sollte. Auch seiner Tätigkeit in diesem Amt hat "Edel" eine Box gewidmet. Bemerkenswert ist vor allem jedoch die Sopranistin Agnes Giebel, die mit ihrer schlanken, natürlich und ruhig geführten Stimme in jenen Tagen eine Besonderheit gewesen ist. Ihre Leistung in der Kantate BWV 57 "Selig ist der Mann" lässt vorausahnen, dass sich hier etwas Neues ankündigt: Agnes Giebel nahm fast fünfzehn Jahre später eine Solo-CD mit Gustav Leonhardt und seinem Consort auf und spielte dadurch noch in der interpretatorischen Revolution dieser Jahre eine Rolle.
Angesichts der Mängel, die Ramins Aufnahmen haben, empfiehlt es sich, sie als historische Dokumente zu werten und nicht als zeitlos mustergültige Interpretation, als die das Label sie vermarkten möchte: Wenn sie als "Bach - Made in Germany" gegen zeitgenössische Aufnahmen antreten müssen, dann werden sie zwangsläufig weit abgeschlagen. --Michael Wersin