Aus der Amazon.de-Redaktion
Die vorliegende CD enthält drei Kantaten aus dem Weihnachtsfestkreis, aufgenommen in der Leipziger Thomaskirche in den Jahren 1951 und 1952. Entstanden sind die Aufnahmen ursprünglich als Rundfunkmitschnitte, haben also Life-Atmosphäre. Im Mittelpunkt der CD steht die Kantate "Selig ist der Mann" BWV 57 für Bass- und Sopransolo, einer der typischen Dialoge zwischen Jesus und der Seele, wie sie in der Barockzeit verbreitet waren. Während der Bassist Johannes Oettel hier streckenweise etwas überfordert klingt, ist der Gesang von Agnes Giebel von außerordentlicher Qualität. Ihre unprätentiöse, vergleichsweise schlichte Art der Darbietung war zukunftsweisend; auf dem Weg zur historischen Aufführungspraxis war sie schon damals ein großes Stück weiter als beispielsweise Edith Mathis unter Karl Richter in den Siebziger Jahren.
Im Eingangschor der Kantate BWV 36 "Schwingt freudig euch empor" kommt der Thomanerchor zur Geltung, um dessen Wiederaufbau Ramin sich nach den Wirren des Krieges verdient gemacht hat. Die Knabenstimmen sind kräftig, aber nicht sehr flexibel, und insgesamt leidet der Chorklang unter einer für den heutigen Geschmack allzu offenen, grellen Stimmführung, die der Darbietung einen etwas groben Charakter gibt. (Im Fall von BWV 36 wird dieser Eindruck dadurch verstärkt, dass beim Remastering der Aufnahme das Band zu schnell gelaufen ist, wie die zu hohe Tonlage verrät.) Diese Art des Singens ist damals allerdings wohl nicht als unangenehm empfunden worden: Der Ramin-Schüler Karl Richter erzog seinen Münchner Bach-Chor zu einem sehr ähnlichen Klang.
Interessant ist der Vergleich von Ramins Interpretation der Kantate "Sie werden aus Saba alle kommen" BWV 65, mit derjenigen von Karl Richter: Letzterer nimmt alle Tempi deutlich rascher, aber grundsätzlich ist die Spiel- und Singpraxis sehr ähnlich. Neben dem bereits beschriebenen Chorklang ist vor allem auffällig, das es keine Flexibilität in puncto Artikulation gibt. Beginnt ein Stück im Non-Legato, dann wird es stur beibehalten, und die einzelnen Zählzeiten eines Taktes werden nicht unterschiedlich gewichtet, ebensowenig wie die Sänger ihre Kantilenen nach dem natürlichen Wechsel von "schwer" und "leicht" in der Sprachbetonung gestalten. Barocke Rhetorik wird durch diese Art der Wiedergabe fast vollkommen verschleiert. Erst die historische Aufführungspraxis ermöglicht eine ganz andere Art der Interpretation: Ein Vergleich mit Ton Koopmans Einspielung der Kantate im Rahmen seiner 1994 begonnen Gesamtaufnahme zeigt in frappierender Weise die Fortschritte, die mittlerweile gemacht worden sind: Dieses Ensemble erweckt die Musik durch differenzierte, sprachnahe Gestaltung jeder einzelnen Stimme wirklich zum Leben. Auch die Besonderheit der Instrumentalbesetzung, die beiden Hörner, kommt erst mit Originalinstrumenten zur Geltung. Bei Ramin und Richter hören wir einfach den gewohnten Klang eines modernen Orchesters mit Hörnern, während bei Koopman die ventillosen barocken Instrumente, ohne etwa unangenehm zu klingen, etwas überraschend "Fremdes" und gleichzeitig Überwältigendes haben, ein Effekt, den Bach sicher bewusst eingesetzt hat, um das Erscheinen der drei Könige aus dem Morgenland im Stall zu Bethlehem musikalisch zu charakterisieren. --Michael Wersin