Aus der Amazon.de-Redaktion
Das Werk von Johann Sebastian Bach stand im Mittelpunkt des Schaffens von Günther Ramin: Als Orgelvirtuose galt er bereits lange vor seiner Übernahme des Thomaskantorats als hervorragender Interpret Bachscher Werke; 1950 äußerte er in einer Gedenkschrift, dass die Alte Musik den Menschen nicht bloß um der Musik Willen, sondern vor allem wegen ihres trostspendenden religiösen Gehalts nahezubringen sei. Dieses tiefe Empfinden für Bachs Musik hat Ramins Interpretationen ebenso geprägt wie das virtuose, improvisatorische Element in seinem Musizieren, dessen mitreißendes Charisma von vielen beschrieben wird, die ihn erlebt haben.
Seine musikantische Ader wird ihm vor allem bei den Kantatenaufführungen, die der Rundfunk in Form von Life-Mitschnitten dokumentiert hat, zu Gute gekommen sein: Auf Grund der fast nicht vorhandenen Probemöglichkeit mit dem gesamten Ensemble war mit allerlei Eventualitäten zu rechnen. Da gehörte es wohl zu den kleineren Problemen, wenn sich die Altsolistin der Kantate "Nimm, was dein ist, und gehe hin" BWV 144 gleich in ihrer ersten Phrase verspricht. Ebenso erfordert die Arbeit mit den ebenfalls vorkommenden Knabensolisten, so gut sie auch ausgebildet sein mögen, viel Flexibilität. Ramin besetzte Solopartien oft mit mehreren Knaben, möglicherweise um den Klang zu verstärken. Diese Praxis gibt der Arie "Mit allem, was ich hab und bin" aus BWV 72 einen ganz ungewohnten Charakter. Das vorausgehende Alt-Rezitativ, wiederum solistisch besetzt, ist von den Mikrophonen sehr direkt und unmittelbar eingefangen. Obwohl die Stimme des Knabensolisten nicht frei von Registerdiviergenzen und anderen Problemen ist, beeindruckt der Vortrag doch durch seine Ruhe und Beherztheit.
Wenn auch die Qualität einer Interpretation sicher nicht immer eine Frage des Tempos sein muss, so ist es dennoch bezeichnend, wenn Ton Koopman in seiner Aufnahme von BWV 144 den Eingangschor in weniger als der halben Zeit spielt. Hier zeigt sich, wie sehr sich der Zugang zu dieser Musik in vier Jahrzehnten geändert hat, ähnlich wie auch die Gestaltung der Rezitative mit ihren starr liegenden Orgelakkorden und der endlos langsamen Vortragsgeschwindigkeit bei Ramin von einem völlig anderem Empfinden zeugt. (Die romantische Registrierung der Orgel beispielsweise in dem Rezitativ "Wir wollen uns nicht länger zagen" aus BWV 92 gibt, nebenbei bemerkt, interessanten Aufschluss über das Vorbild ähnlicher "Misterioso"-Registrierungen in den Kantatenaufnahmen des Ramin-Schülers Karl Richter.)
Dass auch die erwachsenen Sänger in Life-Situationen nicht vor Problemen gefeit sind, zeigt neben dem Versprecher der Altistin auch der Kräfteschwund des Tenors Gert Lutze in der furiosen Arie "Seht! Seht" aus BWV 92: Nach sehr energischem Beginn mit ausgesprochen präziser Bewältigung der schnellen Läufe verliert er im zweiten Teil die stimmliche Fassung und gerät ins unfreiwillig komische Forcieren. Vielleicht ist es gerade die Lebensnähe dieser ganz ungekünstelten Life-Mitschnitte, die ihren Wert ausmacht: Sie vermitteln einen direkten, unbeschönigten Eindruck von der Arbeit Ramins mit seinem Ensemble. Was an Qualität und Perfektion fehlt, das ersetzt zumindest die spürbare Begeisterung und Einsatzbereitschaft der Mitwirkenden. --Michael Wersin