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25 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Kritische Darstellung, 25. August 2008
Da ich mich den Rezensionsinhalten meiner Vorgänger nicht anschließen kann, möchte ich, nach eingehender Beschäftigung mit Sacher-Masochs "Venus im Pelz", eine so hoffe ich vollständige, differenzierte und kritische Darstellung des Werkes bieten.
Um das Buch verstehen zu können, ist es meines Erachtens unerlässlich, sich mit dem Autor zu befassen. Daher zunächst ein paar Worte über den Autor und seine Literaturproduktion:
Leopold von Sacher-Masoch lebte im 19. Jahrhundert in Lemberg (Ukraine). Bevor er Schriftsteller wurde, war er Professor für Geschichte an der Universität Lemberg. Sacher-Masoch plante einen Zyklus von mehreren Büchern zu schreiben, welchen er das "Vermächtnis des Kains" nannte. Aus diesem Zyklus heraus verfasste er die "Venus im Pelz" (1870) zum Thema "Liebe". Es handelt sich hierbei um eine Novelle, das heißt, um eine kürzere Erzählung in Prosaform und nicht um einen "Entwicklungsroman", wie es einer meiner Vorrezensenten bezeichnete. (Der Ausdruck "Entwicklungsroman" bezeichnet einen Romantypus, in dem die Lebensentwicklung einer einzelnen Zentralfigur beschrieben wird. Die "Venus im Pelz" mag sich tendenziell auf einen Entwicklungsroman hinbewegen, ist aber im Rahmen einer Novelle nicht mit einem typischen "Entwicklungsroman", wie zum Beispiel "Wilhelm Meisters Lehrjahre" von Goethe, zu vergleichen. Dieses Werk umfasst immerhin acht Bücher.)
Leopold von Sacher-Masoch hat unter den Pseudonymen "Charlotte Arand" und "Zoë von Rodenbach" geschrieben. Diese Tatsache erstaunt und mögliche Ursachen, warum er Frauennamen gewählt hat, könnten zum Beispiel sein, dass er einen höheren Anklang bei seinen Lesern finden wollte. Ich habe seine Werke noch nicht alle selbst gelesen, aber es ist für den typischen Leser wahrscheinlich ein Unterschied, ob der Autor männlich oder weiblich ist. Man denkt anders über das Buch, speziell wenn es um erotische Themen geht. Sacher-Masoch könnte auch den Stellenwert und die Akzeptanz von weiblichen Schriftstellern in der Gesellschaft erhöhen haben wollen, oder aber er wollte sein Privatleben und seine höchst persönliche, intime, sexuelle Neigung nicht zu sehr bloßstellen. Diese Überlegungen lüften das Geheimnis, warum er gerade Frauennamen gewählt hat, zwar nicht zur Gänze, bringen aber doch den einen oder anderen Gedankenanstoß mit sich.
Nun zur "Venus im Pelz". Die Protagonisten heißen da sehr klangvoll und kryptisch "Wanda von Dunajew" und "Severin von Kusiemski". Wieder dürfte einer meiner Vorrezensenten einen Fehler gemacht haben, denn wer Latein gelernt hat und Substantive deklinieren kann, weiß, dass "Severin" nichts mit "Servus", zu Deutsch "Diener", zu tun hat, sondern "streng, ernsthaft, gewissenhaft" bedeutet, daher "der Strenge" gemeint ist. Und hier gibt uns Sacher-Masoch wieder ein Rätsel auf, denn "streng" ist der Protagonist nur zu Beginn der Handlung, wobei dieser "Beginn" auch gleichzeitig das Ende der Handlung markiert, da Severin seine Erfahrungen einem unbenannten Freund in Form eines Manuskripts zu lesen gibt. Es handelt sich in der Erzählform dieser Novelle also um eine Art "Rückblende", in welcher dem Leser die Erlebnisse des jungen Severin geschildert werden, der zu Beginn der Handlung als reifer (und strenger) Mann auftritt. Dieser Freund träumt von der römischen Venus im Norden, welche auf einem Gemälde abgebildet ist. Das Gemälde hängt in Severins Zimmer und stellt ihn in jungen Jahren in demütiger Haltung zu Füßen einer Venus im Pelz dar. So wird Severin veranlasst, seinem Freund das Manuskript zu lesen zu geben, und da beginnt die eigentliche Handlung.
Severin unterwirft sich als junger Mann Wanda von Dunajew, einer zwar lebenslustigen, aber doch ganz normalen Frau. Er erhebt sie in seinen Phantasien zu etwas Göttlichem, aber sie möchte eigentlich selbst einfach Frau sein. Dabei erscheint Wanda als die vernünftigere Severin lebt in einer Phantasiewelt und ist, wie er selbst sagt, "übersinnlich". Wanda ist zuerst sexuell aufgeschlossen und findet ein "Herrin-Sklave-Spiel" interessant und reizvoll, aber versucht immer wieder vernünftig zu sein und Severin die ganze Geschichte auszureden.
Im Buch gibt es einzelne Bezüge zur christlichen und griechischen Mythologie: Venus = Aphrodite wird bei Sacher-Masoch christlich verklärt und wie ein Versatzstück in den "Norden" gesetzt. Meine Interpretation ist, dass wir Menschen laut Sacher-Masoch eigentlich lebensfroh und glücklich geboren werden, dann aber in eine künstliche Welt mit christlichen Werten "versetzt werden", wo Familie, Ehe, Monogamie, Beichten/Büßen usw. vorherrschend sind, was eigentlich zu unserer ursprünglichen Natur, bzw. zu Severins Natur, nicht passt und die meisten von uns unglücklich macht. Wenn Venus in den "kalten Norden" versetzt wird, symbolisiert das genau dieses Geschehen: Ein lebensfroher Mensch wird in die christliche Welt versetzt, wo es für ihn kalt und unheimlich ist.
Eine wichtige Nebenfigur in der Novelle ist "der Grieche". Es erhebt sich die Frage, wenn Wanda "Venus" gleichgestellt ist und Severin ihr Sklave ist, wem dann, laut griechischer Mythologie, der "Grieche", welcher unablässig mit den Eigenschaften eines Löwen/Tigers in Verbindung gebracht wird, entspricht. Im Buch entspricht der Grieche Apollon (Seite 113, 135-136). Ich würde eigentlich zu Dionysos neigen, und es hat mich sehr gestört, da Apollon und Dionysos ja gegensätzliche Eigenschaften besitzen. Aber im Buch ist es sehr eindeutig: Der Grieche ist Apollon, Wanda ist Venus. Im letzten Drittel des Buches kommt es zu einer Schlüsselszene: Severin bedroht Wanda, sie beschwichtigt und belügt ihn. Es erscheint nun sinnvoll, zu skizzieren, warum es dazu kam: Wanda ist in den sogenannten "Griechen" verliebt und Severin merkt, dass er dabei ist, Wanda zu verlieren. In der Diskussion wird er immer mehr besitzergreifend und zum Schluss reißt er sie mit Gewalt zum Boden. Wanda fürchtet sich sogar, aber sie kennt Severin und manipuliert ihn einfach, um ihn dann später hart zu bestrafen. Deutlich wird, auf welchem Grad echter Verachtung sie sich schon befindet: Und nein, es ist nicht Wanda, die ihren "Sklaven" in einer folgerichtigen Herrin-Sklave-Konstellation als IHR Eigentum betrachtet, sondern genau umgekehrt: Severin betrachtet Wanda als SEIN "dominantes" Eigentum, ein Objekt, das zur Erfüllung seiner Fantasien beiträgt. Er kümmert sich nicht um ihre Gefühle. Sie wiederum liebt den Griechen, Severin behauptet jedoch, dass der Grieche sie nicht liebt, sie nie lieben kann aber woher kann er das zu diesem Zeitpunkt wissen? Er fängt auch an sie zu beschuldigen und ihr Vorwürfe zu machen, wobei sie sich immer an die vorab besprochenen "Spielregeln" gehalten hat. Er verliert seinen Charakter und benimmt sich komplett anders, als er zu sein behauptet. Er wird sogar gewalttätig. So einen Menschen kann sie nicht achten.
Und so verlässt und verstößt sie ihn in letzter Konsequenz. Die zwei "offiziellen" Ursachen, warum sie ihn verlässt, lauten anders. Erstens: Sie verlässt ihn wegen eigener, unbefriedigter Unterwerfungssehnsucht. Zweitens: Sie verlässt ihn, um ihn von seinem Masochismus zu heilen. Ich versuche diese Darstellung nicht unbedingt zu widerlegen, aber zu vervollständigen, weil es einen bestimmten Punkt in der Novelle gibt, an dem die Herrin-Sklave-Beziehung ihre Wende erfährt, nämlich dann, als Severin eine Negerin mit lüsternen Augen anschaut und Wanda dies bemerkt. Ab diesem Zeitpunkt ist es Wanda klar, dass sie nur eine Projektion von Severins Phantasien ist, und dass er sie als Mensch, als Frau, nie wirklich gesehen hat. Sie fühlt sich benutzt und ungeliebt und wendet sich immer mehr von ihm ab.
Aus BDSM-Sicht erhebt sich die Frage, in wieweit Severin und der Autor selbst Tendenzen zum "Cuckold" aufweisen. Ich glaube nicht, dass er (und ich spreche im Folgenden vom Protagonisten) ein "Schmerzerotiker" ist. Er empfindet nicht unbedingt sexuelle Lust, wenn er geschlagen wird. Viel mehr will er mental gedemütigt werden, sich unterwerfen und sich hingeben, jedoch leidet er gleichzeitig enorm darunter und braucht es unbedingt, sich auch geliebt zu fühlen. Er kämpft enorm mit/gegen diesen beiden Bedürfnissen. Da es eine enorme Demütigung für ihn ist, wenn Wanda sich mit anderen Männern trifft, es ihn aber auch enorm reizt, würde ich die Frage klar mit "Ja" beantworten. Severin reizt das "Cuckold-Thema" sehr.
Dennoch möchte ich betonen, dass der Unterhaltungswert des Buches zwar oberflächlich gegeben ist, nämlich oberflächlich-erotisch, der Erkenntniswert aber höher zu bewerten ist. So ist das Werk meiner Meinung nach keine "erotische" Novelle, wie zum Beispiel Anais Nin ihren Beitrag zu dem Genre geleistet hat. Und BDSM-Erotiker werden nicht unbedingt auf ihre Kosten kommen. Viel mehr geht es in diesem Buch um Severins geistige Besessenheit, wie sich diese in einer Beziehung bemerken lässt und wie eine reale, normale Frau damit umgeht bzw. nicht umgehen kann. Sacher-Masoch wirbt auch für die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann: Er meint, dass wir nur in harmonischen, liebevollen Beziehung leben können, wenn Frau und Mann vollkommen gleichberechtigt sind, auch durch Bildung und Arbeit.
Zum Begriff des Masochismus und seiner Entwicklung sei abschließend gesagt, dass Richard von Krafft-Ebing (19. Jahrhundert), ein deutsch-österreichischer Psychiater und Rechtsmediziner, in seinem bekanntesten Werk "Psychopathia sexualis" den vielzitierten Masochismus-Begriff definiert hat. Wer nach dieser Rezension sich zu einem Kauf des Buches entscheidet, dem sei die Inselverlag-Ausgabe empfohlen, da diese Ausgabe ein Essay zu Sacher-Masoch, de-Sade, und dem vorliegenden Text angehängt ist. Dieser Essay wurde von Gilles Deleuze, einem französischen Philosoph der jüngsten Gegenwart er starb 1995 , verfasst. Erst seine Arbeiten haben dazu beigetragen, dass das komplexere Modell des BDSM den Begriff Masochismus in vielen Bereichen ersetzt hat.
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Caveat emptor!, 29. Mai 2007
Das Buch ist fälschlich auf der Website angezeigt. Es handelt sich hier um eine bearbeitete Ausgabe ("Neu bearbeitet von Anja und Rolf Bergenson"). Eine werktreue Ausgabe findet sich bei Suhrkamp.
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15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte-SM für die Sinne., 26. Mai 2004
Von Ein Kunde
"Venus im Pelz",ein Roman,der Menschen,die in sich selbst "echte" Neigungen verspüren,faszinieren wird.Das Buch ist nichts für"Möchtegerndoms und-subs".Wer heiße Sex-und SMszenen erwartet,wird total enttäuscht sein.Dieses Buch wird nur verstehen,wer mit dem Herzen bei der Sache ist.Liebe und SM schließen einander nicht aus,im Gegenteil... Sacher-Masoch versteht es,uns die Dualität der Gefühle nahezubringen.Zerissenheit,gepaart mit Leidenschaftlichkeit und Faszination,die Lust am Leiden,Demut aus Liebe,Schmerz und Zärtlichkeit... Dem Romanhelden gelingt es diese Neigungen bei der schönen Wanda zu wecken..Er bringt ihre Fantasie zum Vibrieren...und die des Lesers gleich mit... In meinen Augen ein einzigartiges,wirklich bewegendes Buch,das in die Tiefe geht...
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