Aus der Amazon.de-Redaktion
In der ersten Hälfte der 80er-Jahre sorgte Henry Rollins als Sänger der Hardcore-Legende Black Flag für Furore, bevor er sich auch als Spoken-Word-Künstler, Schriftsteller und Schauspieler etablieren konnte. Heute liefert er mit seiner Rollins Band ein erstklassiges Album nach dem anderen ab, spielt in Hollywood-Filmen neben Keanu Reeves oder Jeff Bridges, tourt als bissiger Stand-up-Comedian um die Welt und verfasst mindestens ein Buch pro Jahr.
Pissing In The Gene Pool, die erste Übersetzung eines seiner Werke ins Deutsche, stammt im Original aus dem Jahr 1987. Anhand von überarbeiteten Tagebuch-Einträgen lässt der drogenfreie Muskelpoet den Leser beängstigend tief in die Rollins'sche Seele hinabschauen. Gewaltfantasien, Beziehungsstörungen, schwere Depressionen und düsterer Weltfrust werden dem Publikum mal in lyrischer Form oder als kurze Gedankennotizen, mal als ausufernde Anekdoten präsentiert, immer aber in schonungsloser Offenheit. Rollins weiß lebendig zu erzählen, nimmt kein Blatt vor den Mund, formuliert drastisch und kompakt, erweist sich aber trotz aller Kraftausdrücke als feinfühliger, melancholischer Stilist, der den fatalistischen Zeitgeist der Reagan-Ära eindrucksvoll ins neue Jahrtausend transportiert. Ob es um Liebesfrust, die Stupidität mieser Gelegenheitsjobs oder um selbstmitleidige Endzeitstimmung geht -- Rollins besitzt die seltene Gabe, persönliche Gefühlslagen mit seinem einzigartigen Sinn für Sarkasmus zu versüßen. Und ehe man es sich versieht, hat man Pissing In The Gene Pool in einem Rutsch verschlungen -- so mitreißend ist das Ganze.
Dass Rollins' einzigartiger Stil auch im Deutschen funktioniert, ist dem Übersetzer Gunter Blank zu verdanken, der sich nicht gescheut hat, die vulgäre Sprache und den teils stakkatohaften Satzbau des Originals in ebenso drastischer Weise im Deutschen wiederzugeben. Rollins wütet, flüstert, träumt, schreit, pöbelt und leidet mit einer Intensität, der sich nun auch das deutschsprachige Publikum nicht mehr entziehen können wird. --Michael Rensen