Kurzbeschreibung
Der utopische Roman WALDEN TWO von B. F. Skinner, Psychologie-Professor an der berühmten Harvard University, Vater der Verhaltenspsychologie, der Methode der Verhaltensverstärkung und des Programmierten Lernens, ist eine allgemein verständliche Zusammenfassung von Skinners Forschungen über die Möglichkeiten des menschlichen Zusammenlebens. Anknüpfend an Sozial-Utopien wie Platons POLITEIA oder Mores UTOPIA beschreibt Skinner eine Gemeinschaft von etwa 1000 Personen, die ihr Leben nach den Erkenntnissen der modernen Verhaltenspsychologie ausrichten. Von besseren Methoden der Kinder-Erziehung bis zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen schildert Skinner die Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Dasein, die sowohl einer Gemeinde als auch der ganzen Menschheit das Überleben sichern.
Der Erzähler des in Ich-Form geschriebenen Romans ist der Psychologie-Professor Burris. Kurz vor den Semesterferien besucht ihn der Student Rogers; er hat in einer Zeitschrift gelesen, dass ein Psychologe namens T. E. Frazier etwa 100 Meilen entfernt eine Gemeinde namens WALDEN TWO gegründet habe, die nach eigenen Regeln und Gesetzen lebt. Burris, der Frazier flüchtig von früher kennt, ist neugierig geworden und schreibt Frazier an die in der Zeitschrift angegebene Adresse. Er erhält prompt die Antwort, dass er und ein paar seiner Bekannten gern für ein paar Tage nach WALDEN TWO kommen könnten, um sich ein Bild von der Gemeinde zu machen. Burris reist daraufhin nach WALDEN TWO, wobei ihn fünf Personen begleiten: Rogers, dessen Verlobte Barbara, ein Freund von Rogers namens Steve, dessen Verlobte Mary und der Philosophie-Professor Augustin Castle, der sich im Verlauf des Romans zu einem scharfen Kritiker Fraziers entwickelt. Die Besucher erfahren von Frazier, dass die Gründer von WALDEN TWO einige Pleite gegangene Farmen aufgekauft und auf dem Grundstück mehrere Gebäude aus gepresstem Lehm errichtet haben. Dort leben etwa 1000 Menschen weitgehend unabhängig von der Außenwelt nach ihren eigenen Regeln und Gesetzen. Den Gemeinde-Mitgliedern gehört alles gemeinsam. Statt Geld erhalten die Mitglieder von WALDEN TWO Arbeitspunkte, wobei schwere und unattraktive Arbeiten mehr Punkte bringen als leichte und attraktive Arbeiten. Die Kinder der Gemeinde werden von allen gemeinsam erzogen, so dass auch Menschen, die keine leiblichen Kinder haben, trotzdem die Rolle von Vater oder Mutter ausüben können. Erziehungsmittel ist die von Skinner experimentell erforschte Positive Verhaltensverstärkung, während auf Strafe und Straf-Androhung bewusst verzichtet wird.
Die deutsche Übersetzung des Psychologen und Roman-Autors Harry Theodor Master (HOLYFORT-Trilogie) enthält einen Kommentar Skinners über die Bedeutung seines Romans 28 Jahre nach der Erstveröffentlichung und ein Nachwort von Prof. Werner Correll (Universität Gießen), der eng mit Skinner zusammenarbeitete.
Der Verlag über das Buch
Eines der wichtigsten Bücher des 20. JahrhundertsAls ich im Alter von 19 Jahren mein Psychologie-Studium begann, erfuhr ich zum ersten Mal etwas von B. F. Skinner, dem Mitbegründer und wichtigsten Vertreter der Verhaltenspsychologie. In den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts hatte Skinner seine ersten bedeutenden Experimente zur Verstärkung von Verhalten gemacht und dadurch die Psychologie und Pädagogik in eine neue Richtung gelenkt. Viele heute an Schulen angewandte Techniken des Lehrens und Lernens gehen auf Skinners Forschungen zurück.
Dann - kurz vor Weihnachten in meinem ersten Semester an der Universität - erzählte uns ein junger Dozent, dass Skinner neben zahlreichen wissenschaftlichen Fachbüchern auch einen Roman geschrieben hatte: eine Sozial-Utopie namens WALDEN TWO - die Vision einer besseren Gesellschaftsform. Interessanter Weise erschien Skinners Roman im selben Jahr, in dem George Orwell seine berühmte Utopie »1984« schrieb, im Jahr 1948, also kurz nach dem 2. Weltkrieg. Doch während Orwell in seinem Roman einen grausamen, diktatorischen Staat beschreibt, entwirft Skinner in WALDEN TWO das positive Gegenstück dazu: eine Gemeinde von etwa 1000 Personen, die weitgehend autonom von der Außenwelt leben - nach den von Skinner erforschten Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Verhaltens.
Der Name WALDEN TWO ist abgeleitet von dem Buch WALDEN des amerikanischen Philosophen Henry David Thoreau (1817 - 1862), der zwei Jahre am Walden-See bei Boston allein und unabhängig von der übrigen Welt in einer selbst gebauten Holzhütte lebte, sich dort selbst versorgte, die Natur beobachtete, sich Gedanken über Gott und die Welt machte und diese später in einem Buch niederschrieb. Skinner erklärte, Thoreaus WALDEN sei ein Experiment mit EINER Person gewesen, WALDEN TWO sei ein Experiment mit MEHREREN Personen, die wie Thoreau ein freies und unabhängiges Leben führen wollen.
Gleich nachdem der junge Dozent uns WALDEN TWO als Buchtipp zu Weihnachten empfohlen hatte, holte ich mir das Buch aus der Bibliothek und konnte es danach nicht mehr aus der Hand legen - so fasziniert war ich von Skinners Gedanken. Seither habe ich die Gedanken aus Skinners Roman in vielen Projekten mit Kindern und Jugendlichen in die Tat umgesetzt. So ergab es sich zwangsläufig, dass etliche Gedanken aus WALDEN TWO in meine großenteils autobiographische HOLYFORT-Trilogie eingeflossen sind, besonders in den 3. Teil »HOLYFORT - Die Gemeinde auf Sedu-Pio«.
Selbstverständlich habe ich am Inhalt von Skinners Romans nichts geändert, auch wenn ich nicht in allen Punkten mit Skinners Ansichten übereinstimme, z. B. was die Bedeutung der Religion betrifft: Skinner hat die Religion, die in real existierenden Gemeinden in den USA (z.B. Amish, Mormonen etc.) eine entscheidende Rolle spielt, aus WALDEN TWO weitgehend herausgehalten, ich habe sie in HOLYFORT wieder hereingeholt. Jeder Leser mag selbst entscheiden, welcher Ansatz ihm persönlich besser gefällt. Zum Thema »Religion« sollte noch erwähnt werden, dass Skinner Jude war und somit naturgemäß eine andere Einstellung zu Jesus Christus hatte als strenggläubige Christen, wobei ich als Christ und Psychologe sagen kann, dass mir die von Frazier, dem Gründer von WALDEN TWO, in dem Roman geäußerte Meinung, Jesus sei einer der genialsten Psychologen der Weltgeschichte gewesen, sehr sympathisch ist - unabhängig davon, was Jesus darüber hinaus noch war oder ist.
Mit meiner deutschen Übersetzung von WALDEN TWO möchte ich allen an der Verbesserung unserer derzeitigen Gesellschaftsform interessierten Lesern die Möglichkeit geben, sich ein Bild von Skinners Vorstellung einer auf den Erkenntnissen der experimentellen Verhaltenspsychologie aufgebauten Gesellschaft zu machen, Skinners Gedanken weiterzuentwickeln und vielleicht auch in die Tat umzusetzen, wie ich es getan habe - wobei die von mir geleiteten »Waldens« nicht aus tausend Personen, sondern nur aus jeweils zwanzig bis fünfzig jungen Menschen bestanden.
Dass die Gedanken, die Skinner in der Mitte des 20. Jahrhunderts in seinem Roman niederschrieb, permanent weiterentwickelt werden können, dass stets neue Erkenntnisse hinzukommen, die dazu beitragen, unsere Gesellschaft immer weiter zu verbessern, war Skinner durchaus bewusst, was sich in dem Vorwort des Autors und in der »Nachbetrachtung«, die ursprünglich das Vorwort der 1976 erschienenen Neu-Auflage von WALDEN TWO war, zeigt. Skinner selbst hat es so ausgedrückt: »Es gibt keine Formen, die unwandelbar sind. Veränderungen können wiederum verändert werden. Akzeptieren Sie keine ewige Wahrheit, experimentieren Sie!«
Harry Theodor Master, Übersetzer von WALDEN TWO