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Neuerscheinungen zu Johann Sebastian Bach
Von Thomas Schacher
Die Literatur zum 250. Todestag Johann Sebastian Bachs füllt Regale. Wissenschafter, Musiker und Literaten suchen Leben und Werk des Komponisten zu ergründen. Die Ergebnisse lassen nicht nur die Persönlichkeit Bachs immer klarer hervortreten, sondern sagen auch etwas über das Bach-Bild der Autoren und somit unserer Zeit aus.
Die Literatur über Leben und Werk Johann Sebastian Bachs ist schon seit langem kaum mehr zu überblicken, und allein in diesem Jubiläumsjahr ist sie wieder um einige Laufmeter angewachsen. Das kann uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die biographischen Primärquellen eigentlich sehr wenig hergeben. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um die drei Bände der von Werner Neumann und Hans-Joachim Schulze vorgelegten «Bach-Dokumente». Sie umfassen die von Bach verfassten Schriftstücke, die handschriftlichen und gedruckten Zeugnisse von Bachs Zeitgenossen sowie die Dokumente zur Bach-Rezeption zwischen 1750 und 1800. Doch sie und die inzwischen neu entdeckten Quellen reichen bei weitem nicht aus, um eine zusammenhängende und einigermassen spannende Biographie zu schreiben. Schon Johann Nikolaus Forkel, der erste Bach-Biograph, hat deshalb die Lebensgeschichte des von ihm verehrten Meisters mit zahlreichen Anekdoten angereichert, die seither immer wieder weitergegeben wurden. Martin Geck, der es gewagt hat, aus der Sicht von heute ein Buch über Leben und Werk Bachs zu verfassen, schreibt vom Verlangen unserer Zeit nach einem «Gesamtmythos», in dem Leben und Werk eines Komponisten nahtlos ineinander übergehen. Dahinter ortet er die Sehnsucht nach Identifikation, der sich Bach eben versage. Dennoch ist es bei den meisten Autoren gerade diese Identifikation, die nach dem Ausfüllen der bestehenden Lücken beziehungsweise nach der Interpretation der bestehenden Quellen ruft.
BACH ALS AHNHERR DER MODERNE
Dadurch entsteht das Bach-Bild jenes der Autoren und, über sie vermittelt, jenes der Leserschaft, kurz: das Bach-Bild unserer Zeit. Oder vielleicht sollte man besser von den Bach-Bildern (im Plural) sprechen. Denn überblickt man die Literatur zum Bach-Jahr, so wird schnell deutlich, dass darin höchst unterschiedliche, teilweise sich widersprechende Bilder vom Komponisten entworfen werden. Nicht einmal innerhalb der wissenschaftlichen Literatur im engeren Sinn besteht ein Konsens über Bach, und bezieht man auch die populärwissenschaftliche und die nichtwissenschaftliche Literatur ein, klaffen die Deutungen noch weiter auseinander.
Eine beliebte Vorstellung über einen Komponisten der Vergangenheit besteht darin, dass er ein Moderner oder mindestens ein Ahnherr der Moderne gewesen sei. Dies erleichtert das Verständnis und ermöglicht die Identifikation. Hier zeigt sich nun eine Grundschwierigkeit der Bach-Rezeption. Denn nicht erst die heutigen Deuter bekunden oft grosse Mühe, Bach als einen modernen, vom Glanz der Aufklärung erleuchteten Komponisten zu reklamieren. Adorno hielt sich lieber an Beethoven, und Albert Schweitzer formulierte in seiner Bach-Monographie den lapidaren Satz: «Es geht nichts von ihm aus; alles führt nur auf ihn hin.» Bach als Vormoderne also, als letzter Ausläufer des Mittelalters.
Es mag erstaunen, dass Christoph Wolff, Harvard-Professor und einer der führenden Bach-Spezialisten unserer Tage, in seiner Biographie ein Bach-Bild vertritt, das gar nicht so weit von der Auffassung Schweitzers entfernt liegt. Der Autor erhebt mit Recht den Anspruch, durch breit gefächertes Aufarbeiten der musikalischen, archivalischen und literarischen Primärquellen das Wissen über Bach auf den neusten Stand der Forschung gebracht zu haben. Das amerikanische Original, das den Untertitel «The Learned Musician» trägt, weist auf die Perspektive Wolffs hin: Bach als ein «gelehrter» Musiker. Nicht dass Wolff Bach zum heimlichen Leipziger Universitätsprofessor machen möchte, aber er sieht in ihm einen Komponisten, der «Werke musikalischer Wissenschaft erstellte». Bach habe das Komponieren im Sinn der aristotelischen Nachahmungslehre als ein Abbilden der Natur verstanden, die ihm wiederum ein Abbild des Göttlichen war. In dieser Haltung sieht Wolff eine Wesensverwandtschaft zwischen Bach und dem um eine Generation älteren Newton. Beide seien «der traditionellen, für die Zeit vor der Aufklärung typischen Sichtweise verhaftet», welche die Beziehung zwischen Gott und der Natur zu begreifen suche. Wolff stellt Bach als einen Menschen dar, der, geschult in der Geisteswelt des 17. Jahrhunderts, die «Ars musica als Teil des Quadrivium der freien Künste» verstanden habe. Die Betrachtung der Musik im naturwissenschaftlichen Zusammenhang von Arithmetik, Geometrie und Astronomie ist eine Sicht, die bekanntlich im Mittelalter entstanden ist.
Hier urteilt Martin Geck anders. Der in Dortmund lehrende Musikwissenschafter, der sich mit zahlreichen Büchern, Aufsätzen und Lexikonartikeln über Bach einen Namen gemacht hat, kommt in seiner neuen Biographie zum Schluss, Bachs Denken stehe in der Mitte zwischen Alt und Neu: «Dieses ist universell, indem es die Mitte zwischen dem Ordnungsdenken des Mittelalters und dem am Subjekt orientierten Denken der Neuzeit darstellt und keine der beiden Seiten zu kurz kommen lässt.» Musik sei für Bach einerseits ein Abbild der göttlichen Harmonie; dafür stünden vor allem die Zyklen wie das «Wohltemperierte Klavier» oder die «Kunst der Fuge» ein. Ebenso sehr drücke Bachs Musik aber die Schöpferkraft des genialen Menschen aus; dafür stünden die Formen der Arie und des Konzertsatzes ein. Bach habe sich «an dem Kunstdiskurs des 17. und frühen 18. Jahrhunderts» beteiligt, «in dessen Verlauf die Musik ihren Platz im Kreis der sieben freien Künste wechselt, von Arithmetik, Geometrie und Astronomie weg- und an Grammatik, Rhetorik und Dialektik heranrückt». In Bachs Werken sieht Geck deshalb Ordnung und Ausdruck, Konstruktion und Kantabilität, kompositorische Unbedingtheit und gesellschaftliche Aufgeschlossenheit verwirklicht.
OST-WEST-POLARITÄT
Die These, Bach sei ein Moderner, ein Fortschrittlicher gewesen, war seit den fünfziger Jahren eine Lieblingsidee in der damaligen DDR, ermöglichte sie doch auch Wissenschaftern mit einem marxistisch-atheistischen Weltbild, Bach als einen Teil des kulturellen Erbes zu betrachten. Hans-Joachim Hinrichsen bietet in dem von Konrad Küster herausgegebenen Bach-Handbuch einen fundierten Überblick über die Rezeptionsgeschichte der letzten 250 Jahre. Er ortet im Deutschland der Nachkriegszeit zwei Lager, die am Leipziger Bach-Kongress im Jahr 1950 unversöhnlich aufeinander prallten: das westliche, das Bach vorwiegend als Kirchenmusiker sah, der aus religiöser Inspiration komponierte, und das östliche, das Bach als einen fortschrittlichen Musiker inmitten der frühbürgerlichen Emanzipation betrachtete. An jenem Kongress rühmte Wilhelm Pieck, der Staatspräsident der eben gegründeten DDR, Bach als einen Mann, der «die Musik aus den Fesseln mittelalterlicher Scholastik befreite», und als Komponisten, «der das Neue bedeutet, das vorwärts drängt und in die Zukunft weist».
Eine vor diesem Hintergrund der deutschen Ost-West-Polarität interessante, sonst aber sehr problematische Neuerscheinung zum Bach-Jahr ist die Biographie von Klaus Eidam. Der 1926 in Chemnitz geborene Dramaturg und Autor eines Spielfilms über Bach für das DDR-Fernsehen kritisiert nämlich nicht nur westliche Forscher wie Geck, Schleuning oder Wolff, die «das Lebenswerk Bachs aus dem protestantisch-theologischen Blickwinkel des 19. Jahrhunderts» betrachteten, sondern auch ostdeutsche Wissenschafter wie Walther Siegmund-Schultze, die «Bachs Musik als eine fortschrittliche Folgeerscheinung der deutschen Aufklärung darzustellen versuchten». Das Buch strotzt geradezu von Polemik gegenüber der Bach-Forschung und zeigt eine Arroganz und Selbstüberschätzung, die darin gipfelt, dass der Autor den Titel «Das wahre Leben des Johann Sebastian Bach» nicht einmal ironisch versteht. Dass der renommierte Piper-Verlag ein solches Machwerk in sein Programm aufgenommen hat, ist geradezu peinlich.
Da hatte der Laaber-Verlag mit Arno Forchert eine glücklichere Hand. Forcherts Biographie in der Serie «Grosse Komponisten und ihre Zeit» erschienen liefert den Beweis dafür, dass man auch das Bild des modernen, aufgeklärten Bach vermitteln kann, ohne von einer linken Ideologie geprägt zu sein. «Wenn es auch in den vergangenen Jahrzehnten an Versuchen nicht gefehlt hat», formuliert er mit Blick auf die Wirkungsgeschichte, «Beziehungen Bachs zur Frühaufklärung herzustellen, so dominiert doch weiterhin nach wie vor das Bild eines in der Geisteswelt der lutherischen Spätorthodoxie aufgewachsenen [. . .] Meisters.» Forchert versucht zu zeigen, «dass Bach schon seit seiner Schulzeit immer wieder auch mit moderner Lebensweise und modernem Denken konfrontiert wurde». Hinweise dafür findet er etwa in der Lüneburger Ritterakademie, in Bachs Begegnung mit der Kapelle des Celler Herzogs, in der Person des Weimarer Mitregenten Ernst August oder in den vermuteten Beziehungen Bachs zur Universitätsstadt Jena.
STUFEN DER IDENTIFIKATION
Spielen wissenschaftliche Autoren die Rolle ihrer Affinität zum Gegenstand gerne herunter, wohl aus Angst, das eingestandene Erkenntnisinteresse könnte der Glaubwürdigkeit ihrer Ergebnisse hinderlich sein, so streichen umgekehrt populärwissenschaftliche und literarische Autoren ihre Identifikation mit dem Gegenstand geradezu heraus. Christoph Rueger, ehemaliger Thomaner und Sohn eines lutherischen Pastors, sieht bei Bach innere Ordnung, Pflichterfüllung und Gemeinsinn verwirklicht. Er empfiehlt Bachs Leben deshalb als Vorbild und seine Musik als Kraftquelle für die heutige Zeit, die von Egoismus und Zerfall geprägt sei. Dass er dabei sämtliche Klischees der Bach-Literatur unbefragt übernimmt, stört ihn offenbar wenig. Eine Identifikation auf Grund künstlerischer Auseinandersetzung ist in der Studie von Günter Jena über Bachs Matthäus-Passion zu spüren. Der Autor, der über zwanzig Jahre lang Kirchenmusikdirektor an St. Michaelis in Hamburg war, stellt seine analytischen Betrachtungen in Anlehnung an eine Passage im Alt-Rezitativ Nr. 59 unter den Titel «Das gehet meiner Seele nah». Jena will den Leser nicht belehren, sondern berühren, ihm die Erfahrungen weitergeben, die er selbst als Dirigent gemacht hat. Und er meint explizit die heutigen Menschen. Dabei scheut er nicht den möglichen Vorwurf, auch modernes Gedankengut in die Betrachtung hineinzubringen: «Letztlich interessiert uns nicht, was die Passion dem Hörer vergangener Jahrhunderte, ja nicht einmal, was sie ihrem Schöpfer bedeutet hat. Uns interessiert, was die Matthäus-Passion uns bedeutet.» Was sagt uns also beispielsweise der Verrat des Judas? Jena zitiert verschiedene neuere Deutungen und zeigt sich am meisten beeindruckt von derjenigen Wolfgang Teicherts, der den Verrat als Normenkonflikt schildert. Solchen Konflikten sei gerade der Mensch von heute immer wieder ausgesetzt, «etwa wenn er sich fragt, ob er seinem Partner in einer gestorbenen Liebe oder sich selbst, seinen eigenen Empfindungen und seinem Lebensentwurf treu bleiben soll.»
Literarische Autoren unterscheiden sich von den wissenschaftlichen unter anderem durch grössere Subjektivität und assoziativeres Denken. Franz Rueb gliedert seine «Achtundvierzig Variationen über Bach» analog zu den Präludien und Fugen des «Wohltemperierten Klaviers» gerne in korrespondierende Paare wie «Vergessen» und «Erinnern» oder «Teufel» und «Glaube». Der niederländische Schriftsteller und Bach-Verehrer Maarten t'Hart nennt seine persönliche Annäherung an den Komponisten ganz unbescheiden «Bach und ich», aber seitdem Eckhard Henscheid einen Roman mit dem Titel «Ich, ich, ich» veröffentlicht hat, sind wir Derartiges gewohnt. Das Ichhafte des Buches zeigt sich nicht etwa in einem romanhaften Ausschmücken des Lebens von Bach der Autor wartet mit einer erstaunlichen Kenntnis an Quellen und Sekundärliteratur auf , sondern in einem Ansatz, der von der persönlichen Erfahrung und Betroffenheit ausgeht. Dass der Sohn eines Totengräbers Bachs Umgang mit dem Tod in den Kantaten und in der Matthäus-Passion vor dem Hintergrund des grossen Sterbens in dessen Familie zwischen den Jahren 1726 und 1733 deutet, verwundert nicht. Und dass der Hobbymusiker, der von sich schreibt, dass das «Wohltemperierte Klavier» sein «tägliches musikalisches Brot» sei, bei der Charakterisierung der Orgel- und Klavierwerke Bachs seine eigenen Entdeckungsreisen nachzeichnet, ist nur folgerichtig.
Einen wirklich romanhaften Ansatz präsentiert dagegen Andreas Liebert, notabene ein promovierter Musikwissenschafter, in seinem historischen Künstlerroman «Mein Vater, der Kantor Bach». Kernstück desselben bildet ein fiktives Tagebuch von Bachs ältester Tochter Catharina Dorothea, welches das öffentliche und das private Leben des Thomaskantors aus weiblicher Perspektive schildert. Das Buch ist spannend zu lesen, denn hier werden die Lücken der überlieferten Tatsachen mit der Phantasie des Autors ausgefüllt. Nicht nur lässt er keine Anekdote der Bach-Literatur aus, sondern er «enthüllt» darüber hinaus jede Menge an teilweise pikanten Ereignissen aus der Familie Bach. Themen wie Frauenemanzipation, ödipale Vater-Tochter-Beziehung oder Konflikte mit gesellschaftlichen Normen schaffen reichlich Identifikationsmöglichkeiten für die Leserschaft der heutigen Zeit.
Was bleibt als Schlussfolgerung? Das «Ausfüllen der Lücken» hat einen Doppelsinn. Nur scheinbar ist es so, dass die wissenschaftlichen Autoren nur im Sinn der Wissensvermehrung Lücken ausfüllen, während die nichtwissenschaftlichen es im Sinn des spekulativen Ergänzens tun. Gerade die unterschiedlichen Haltungen zum «modernen» Bach haben dies gezeigt. Auch wissenschaftliche Autoren kombinieren, ergänzen und deuten die Fakten, nur tun sie es in einer «objektiveren» Art als jene. Die Triebkraft für das Füllen der Lücken ist das Erkenntnisinteresse, die persönliche Anteilnahme oder eben die Identifikation mit dem Gegenstand. Sie ist auch da, wenn ein Autor nicht «ich» schreibt. Das Erkenntnisinteresse verkörpert jedoch über das Persönliche hinaus auch etwas vom Zeitgeist. «Ich» meint auch «wir». Das war früher nicht anders als heute. Dass es heute so viele divergierende Bach-Bilder gibt, sagt etwas über den Pluralismus unserer Zeit aus. Weit davon entfernt, den wahren Bach gefunden zu haben, können wir heute unsern Bach entdecken, jeder kann sogar seinen eigenen Bach entdecken. Dieser Vorgang der Aneignung wird nie abgeschlossen sein. Künftige Generationen werden unserem Bach aus ihrem Erlebens- und Wissenshorizont heraus neue Gesichtspunkte hinzufügen.
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