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Sie erscheinen in den frühen Morgenstunden. Ihr Auftritt findet im Freien statt. Spektakulär und von bizarrer Schönheit. Doch der wahre Charakter von Harry, Priscilla oder Mike ist heimtückisch, bösartig und todbringend. Denn was sich hinter den harmlosen Namen verbirgt, sind Atomexplosionen. Durchgeführt im Rahmen oberirdischer Atomtests. In den Jahren 1945 bis 1962. Von Menschen für Menschen. 216 Mal in Amerika. 217 Mal in der Sowjetunion.
Michael Lights Bildband 100 Sonnen dokumentiert hundert der amerikanischen Atomexplosionen. Die Bilder stammen großteils von Abzügen aus den U.S. National Archives. Sie halten den Moment der Explosion oder den unmittelbar darauf folgenden Moment fest.
Der Atompilz -- trauriges Zeichen unfassbarer menschlicher Barbarei. Abwehr -- instinktive Reaktion jedes klar denkenden Wesens. Und dennoch ist es wichtig, sich dieser Ungeheuerlichkeit zu stellen. Lights klare und präzise Kommentare zu Hintergründen amerikanischer Atomtests sowie seine ebenso sorgfältigen wie ausführlichen Legenden zu den einzelnen Explosionen erlauben eine Annäherung an das Unbegreifliche. Eine Zeittafel belegt den Irrsinn des Rüstungswettlaufs.
Die zum Teil doppelseitigen Schwarz-Weiß- und Farbfotos in diesem herausragenden Bildband im Format von ca. 35 x 28 cm sind in zwei große Kapitel ("Wüste" und "Ozean") eingeteilt. Präsentiert auf schwarzem Grund, nur begleitet von Angaben zu Name, Sprengkraft, Ort und Zeit der Explosion. Lapidarer Minimalismus, der die Unfassbarkeit dieser Ereignisse vorzüglich herausarbeitet. Glühende Feuerbälle, magentafarbene Schleier, Wolkenkaskaden am heraufblauenden Morgenhimmel -- das Widernatürliche bietet ein faszinierendes Naturschauspiel.
Am bedrückendsten wohl die Aufnahmen von Soldaten, Schaulustigen, Unwissenden, die -- oftmals in viel zu geringer Entfernung -- den Explosionen beiwohnen. In Gräben geduckt, kniend im Wüstensand oder in bequemen Sesseln zurückgelehnt -- Zeugen und potenzielle Opfer gleichermaßen. 100 Sonnen -- ein außerordentlich gelungener und notwendiger Bildband. --Anne Hauschild
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 15.10.2003
Dirk Knipphals lässt sich vom gruseligen Thema dieses Bildbandes nicht abschrecken. Für ihn sind die Fotos, die überirdische amerikanische Atomtests aus der Nachkriegszeit dokumentieren, voller Erhabenheit - deshalb zitiert er gleich eine Rilke-Sentenz, die den Schrecken und den schönen Schein zum Thema hat. Dank dieses starken Eindrucks ficht ihn auch der Begleit-Text des Fotografen nicht an, der "einem ein schlechtes Gewissen einreden" will. Eher freut er sich, dass "uns der reale Anblick dieser Explosion im Zuge des Ost-West-Konflikts erspart geblieben ist" und konzentriert sich auf eine ästhetische Betrachtung der Fotos. Denn wenn dieser Band eines zeigt, dann nach Knipphals Meinung "die eindrückliche Erfahrung, wie stark Schönheit und Moral auseinander zu fallen vermögen."
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