Aus der Amazon.de-Redaktion
"Äh, ich hätte gern ein weiches Modell in gelbbraun."
"Also so, wie die von gestern", seufzt die Verkäuferin.
"Nein, die hatten eine zu harte Sohle."
So geht das schon seit Wochen. Die Schuhverkäuferin des Kaufhauses weiß sich nicht mehr zu helfen. Dieser ältere, unscheinbare Herr, der sie mit täglich neuen Sonderpantoffelwünschen eindeckt und sie dabei unverwandt anschmachtet, beginnt zu nerven. Eines schönen Tages nun löst sich das Problem des lästigen Pantoffelhelden ganz von selbst. Mitten im ewig gleichen Ritual, dem Anprobieren neuer Puschen, sackt der Mann in seinem Stuhl zusammen! Herzinfarkt? Schwächeanfall? Nein, das Blut auf seiner Hemdbrust ist eindeutig: Irgendjemand hat den stillen Genießer einfach erschossen! Jetzt muss der kleine Doktor ran.
Die Geschichten um den kleinen Doktor, der der tumben Polizei vormacht, wie sie ihre Fälle zu lösen hat, waren für Simenon frühe Fingerübungen auf dem Weg zu seiner späteren, weltberühmten Figur, des großen Kommissars Maigret.
Recht bald entdeckt der Hobbykriminologe, dass der Pantoffelmann früher Polizeibeamter war, ehe er eine rätselhafte Erbschaft gemacht hatte. Heute beobachtet er nur noch gerne Leute -- und musste dafür sterben. Während der Doktor seine Ermittlungsfäden immer enger zieht, offenbart sich, wie so oft bei Simenon, ein Kleinbürgerschicksal, hinter dessen Kulissen wahre menschliche Abgründe gähnen. Knisternd-spannende Kleinstory, tolle Charaktere, das Ganze exzellent vorgetragen von dem bekannten Theater-und Fernsehschauspieler Edgar M. Böhlke. Spieldauer: ca. 90 min., 1 MC. --Ravi Unger
Amazon.de-Hörbuchrezension
Das Leben als Landarzt in der französischen Provinz ist beschaulich und nicht gerade von besonderen Aufregungen geprägt -- es sei denn, man arbeitet wie der Mediziner Jean Dollent zusätzlich teilzeitmäßig als Kriminalist. So kann denn der
kleine Doktor auch nicht lange widerstehen, als eines Tages die junge Martine Vauqelin-Radot in seiner Praxis auftaucht und ihn um Hilfe bittet (nicht daß er angesichts der energisch auftretenden Frau und der angebotenen 2000 Francs eine sonderliche Wahl gehabt hätte). Ihre Geschichte eines unbekannten Toten klingt mysteriös und führt Dollent von seinem eigenen verschlafenen Heimatort in den nahegelegenen Weiler Dion.
Dort fand man sechs Tage zuvor eine Leiche in den Gemüserabatten des Schlosses von Martines Adoptivvater Robert -- nicht gerade der übliche Platz für ein Mordopfer. Die Leiche eines Mannes, den keiner kennt, den keiner hat kommen sehen, und von dem zunächst keiner etwas zu berichten weiß. Einzig ein Zettel mit einer Verabredung, die zugleich den Zeitpunkt seines Ablebens markiert, fand sich bei dem Toten. Als Martine ihm ihre Vermutungen offenbart, beginnt Dollent -- inzwischen vollends vom Mediziner zum Detektiv gewandelt --, die Hintergründe des Verbrechens offenzulegen. Doch gegen den zurückhaltend-arroganten Schloßherren zu ermitteln, erweist sich als schwieriges Unterfangen.
Edgar M. Böhlke liest hier eine spannende Kriminalerzählung Simenons aus dem Jahre 1943, die durch liebevolle Beschreibungen des Landlebens und der Menschen dort besticht. Die ganz unterschiedlichen Typen in und um Dion machen viel vom Reiz dieser Geschichte aus und ergänzen den eigentlichen Kriminalfall -- für den Dollent eine ungewöhnliche Erklärung parat hat. --Joachim Hohwieler
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.