Das dreizehnte Axiom
Euklids zwölftes Axiom lautet bekanntlich: Wenn eine
Gerade zwei andere Geraden so trifft, daß die Innenwinkel,
die auf derselben Seite liegen, zusammen kleiner sind
als zwei rechte, dann sollen diese beiden Geraden, wenn
sie ins Unendliche verlängert werden, auf der Seite zusammentreffen,
auf der diese Winkel liegen, die zusammen
kleiner sind als zwei rechte.
Wenn dies ein selbstverständlicher Satz ist, der weder
bewiesen werden kann noch muß, um wieviel klarer ist da
nicht das Axiom von der Existenz Gottes?
Wer ein Axiom zu beweisen versucht, gerät in Unsinnigkeiten,
deshalb sollen wir nie versuchen, die Existenz
Gottes zu beweisen.
Und wer das Selbstverständliche in einem Axiom nicht
begreifen kann, der gehört zu den Menschenkindern, denen
das Begreifen schwerfällt, und diese Benachteiligten soll
man bedauern, aber nicht bestrafen.
Will man nun eine Definition von Gott geben, sagt man
zuerst, daß er allmächtig ist; daraus folgt als Korollar,
daß er die Gesetze, die er gegeben hat, aufheben kann; da
wir aber nicht all seine Gesetze kennen, wissen wir nicht,
wann er ein uns unbekanntes Gesetz anwendet oder ein
uns bekanntes aufhebt. Was wirWunder nennen,kann also
nach strengen Gesetzen zustande kommen, die wir nicht
kennen, und wir müssen deshalb angesichts ungewöhnlicher
und unerklärlicher Ereignisse darauf achten, daß wir
keine Fehlschlüsse ziehen, durch die wir uns das Gelächter
und die Verachtung von Mitmenschen einhandeln, denen
das Begreifen leichtfällt.
Der Wiedehopf auf Siarö
oder
Ein ungewöhnlicher Fall
Johannes befand sich einmal auf einer Wanderung und
kam an einen Wald. In einem alten Baum fand er ein
Vogelnest mit sieben Eiern, die denen des Mauerseglers
glichen; doch dieser Vogel legt nur drei Eier, also war es
nicht sein Nest. Da Johannes ein großer Eierkenner war,
sah er bald, daß es das Ei des Wiedehopfes war; und er
sagte sich: Der Wiedehopf muß hier in der Nähe sein, obwohl
die Bücher behaupten, daß er hier nicht vorkomme.
Nach einer Weile hörte er wie erwartet die berühmten upp,
upp, upp des Vogels, und da wußte er, daß Upupa da war.
Er versteckte sich hinter einem Stein, und bald sah er den
gesprenkelten Vogel mit seinem gelben Kamm.
Als er nach drei Tagen nach Hause kam, erzählte er
seinem Lehrer, daß er auf Siarö den Wiedehopf gesehen
habe. Der Lehrer glaubte es nicht, sondern forderte Beweise.
- Beweise? Meinst du zwei Zeugen? - Ja! - Gut,
ich habe zweimal zwei Zeugen, und die stimmen überein:
Meine zwei Ohren haben ihn gehört, und meine zwei Augen
haben ihn gesehen. - Mag sein, aber ich habe ihn nicht
gesehen, erwiderte der Lehrer.
Johannes bekam den Namen Meisterlügner, weil er nicht
beweisen konnte, daß er da und da den Wiedehopf gesehen
hatte. Aber es war gleichwohl eine Tatsache, daß der
Wiedehopf dort vorkam, wenn es auch ein ungewöhnlicher
Fall war, für diese Gegend.
Schlechte Verdauung
Wenn man mehrere große Zahlen addiert, hat man die
Schuldigkeit, die Richtigkeit der Rechnung anzuzweifeln.
Um die Probe zu machen, addiert man gewöhnlich noch
einmal, aber von unten nach oben. Das ist gesunder Zweifel.
Es gibt einen ungesunden Zweifel, der darin besteht,
daß man alles leugnet, was man nicht selbst gesehen und
gehört hat. Seine Mitmenschen auf diese Weise als Lügner
zu behandeln ist inhuman und vermindert bedenklich das
eigene Wissen.
Es gibt aber einen krankhaften Zweifel, der an einen
schlechten Magen erinnert; alles wird verschlungen, aber
nichts bei sich behalten, alles aufgenommen, aber nichts
verarbeitet. Daraus folgen Abmagerung, Marasmus senilis,
Schwindsucht und vorzeitiger Tod.
Johannes Damascenus hatte mehrere Perioden gesunden
Zweifels, in denen er durch systematisches Leugnen die
Glaubenswahrheiten überprüfte. Als er durch Gegenrechnung,
die kleinste Quadratwurzel und das Erfüllen der
Gleichung durch die richtigen Werte sicher geworden war,
da glaubte er. Und seitdem konnten ihn weder Menschenfurcht,
Eigennutz, Gelächter oder Drohungen dazu bewegen,
seinen teuer erworbenen Glauben zu verleugnen.
Darin hatte er nur recht.