Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Schwierig - und grandios!, 4. September 2008
Hermann Burger ist ganz gewiss nicht einfach zu lesen. Seine Sprache fordert viel vom Leser, sie braucht Musse und Konzentration, verlangt Genauigkeit und Sprachgefühl, ist also vielleicht nicht unbedingt das, was der heutige Zeitgeist-Leser gerne hätte. Hier muss man wirklich lesen, Sätze auseinandernehmen, nachvollziehen. Das geht halt nicht ohne Eigenleistung, am liebsten noch mit den Knöpfen im Ohr, vor dem TV oder in einer zweieinhalbseitigen Zusammenfassung für gestresste Manager, die noch Themen fürs Cüpli-Gespräch suchen.
Wenn man sich auf Burger einlässt, wird man in sprachlicher Hinsicht reich belohnt. Er war ein Wortkünstler, gleichermassen innovativ wie präzise im Ausdruck, was immer wieder zu überraschenden Momenten führt und dabei von einem hintergründigen, manchmal auch schwarzen Humor ist.
Burger war vor allem aber ein überaus scharfsinniger Beobachter des Zwischenmenschlichen, des typisch Schweizerischen, des Alltags. Seine Figuren zeigen in ihrer ganzen fast schon sarkastischen Absurdität auf, wie es um sie im zwischenmenschlichen Bereich bestellt ist. Die Beschreibung des staubtrockenen Schulbetriebes in Schilten, einem Kaff am Ende der schweizerischen Welt, ist ein Bild, das für ein in Konformitäten, Regeln und Konventionen ersticktes Land steht, eine Schweiz, wie sie verknöcherter und gleichzeitig vertrauter nicht sein könnte. Burgers Verdienst ist es, hinter der Fassade des Normalen und Gewohnten die Abgründe aufzuzeigen, die Orte, an denen ein bisschen Bewegung und Schwung dringend nötig wäre.
Fazit: Ein wunderbarer, absurder, sprachlich brillanter Abgesang auf die Bünzligkeit, auf die typisch schweizerische Enge im Kopf, auf das Lebendig-Begrabensein. Lesen. Es lohnt sich.
|
|
|
3 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Neurotischer geht´s nicht mehr, 15. Juli 2008
Zu Beginn sei gleich gesagt, dass ich es trotz größter Anstrengung nicht über mich brachte, dieses Buch zu Ende zu lesen. Es handelt davon, dass ein völlig neurotischer Lehrer einen Bericht an die Inspektorenkonferenz schreibt, um auf die unhaltbaren Zustände in seiner kleinen Gemeinde hinzuweisen (zu denen die Bevorzugung des Friedhofes zum Nachteil des Schulbetriebes gehört, und die außer in der Fantasie des Lehrers nicht wirklich nennenswert sind). Zugegeben, es ist dem Autor stilistisch gelungen, ein fast vollkommenes Bild eines Menschen zu zeichnen, der sich in seiner Einsamkeit und Verzweiflung in etwas verrennt und die Realität dabei nicht mehr wahrnimmt - ein Kunststück, das mich zu immerhin zwei Sternen bewegt hat. Aber ich war von der ersten Seite an genervt von dieser Jammerei und diesem inhaltlichen Unsinn, quälte mich immer weiter in der Hoffnung auf Besserung und war schließlich so übellaunig, dass ich das Buch weglegen musste. Von mehreren Seiten hatte ich sehr gute Kritiken gehört, aber ich kann nach reiflicher Überlegung nur sagen, entweder ich habe nicht verstanden, worum es geht, oder die Kritiker sind dem Hurz-Effekt zum Opfer gefallen.
|
|
|
4.0 von 5 Sternen
Schweizer Schiltbürger - Didaktik vor leeren Schulbänken, 18. März 2009
»Schilten« ist das Romandebüt von Hermann Burger aus dem Jahr 1976 - ein Roman mit sehr grotesken Zügen. Ort der Handlung seines ersten Romans ist das abgelegene Schilttal, ein Sacktal im Kanton Aargau, in dem alles aufhört. Der abgelegene Ort wird zum Sinnbild für die Handlung. Schilten wird zu einem Ort, an dem sich Groteskes abspielt - eine Art schweizer Schilda - und seine Bewohner allmählich zu "Schiltbürgern". Der Ortsteil "Aberschilten", in dem sich das alles zuträgt, entpricht dem Aberwitz.
Die Handlung des Romans entwickelt sich aus dem Verfassen eines Schulberichtes zuhanden einer Inspektorenkonferenz. »Schilten« handelt davon, dass der völlig neurotische Lehrer Schildknecht / ein völlig neurotischer Lehrer einen Bericht an die Inspektorenkonferenz schreibt, um auf die unhaltbaren Zustände in seiner kleinen Gemeinde hinzuweisen.
Da die Personen nicht vorhanden sind, besteht die Handlung einzig und allein aus Sprache. Langsam wird klar, daß die Schulstunden, von denen Schildknecht spricht, die ganzen Einheiten, in denen Scheintotte überführt und Verschollene erkannt werden, wie sie im dichten Winternebel in die Todeszone eingetreten sind - dass die gesamten Szenarien der ausschweifenden Schildknechtschen Didaktik vor leeren Bänken stattfinden. Er ist schon länge vom Dienst suspendiert worden und näher sich dem Idealzustand des Lehrers an, nämlich ohne Schüler zu unterrichten.
Burgers Verdienst ist es, hinter der Fassade des Normalen und Gewohnten die Abgründe aufzuzeigen. Langsam kann der Leser bei dem Lehrer Schildknecht die Entwicklung eines Wahnssystems verfolgen, das aus in sich schlüssigen Einzelteilen besteht. Die Schulstunden, von denen Schildknecht spricht, finden vor leeren Bänken statt.
Ein lesenswerter, aber auch sprachlich fordernder Roman, der hinter die Fassade blickt und zum Nachdenken nicht über die Zustände in der schweizer Gesellschaft anregt.
|
|
|
|