Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 24.05.2003
Ausführlich erläutert Georges Güntert in seiner Besprechung die Entstehungsgeschichte dieser Neufassung des "Buches der Unruhe", das eine lose Sammlung von Fragmenten aus Fernando Pessoas literarischem Nachlass vereinigt und die 1985 erschienene Ausgabe um weitere identifizierte Texte erweitert. Für Güntert hat sich die jahrzehntelange Arbeit der Entzifferung definitiv gelohnt, erleichtere sie dem Leser doch erheblich den Zugang zu diesem "Zufallsbuch seines Nachsinnens", wie Pessoa seine erste Fassung genannt hatte. Das Bild, das sich in dieser "Autobiografie ohne Fakten" von Pessoa (in Gestalt des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares) auftut, hat Güntert dabei tief beeindruckt. Fasziniert schildert er Pessoas Weltbild aus Wolken, Nebelschwaden und Meeresgeruch - "ein sich in nichts auflösendes Traumgebilde". Dabei können sich durchaus Abgründe auftun, "wenn dieser Träumer die Welt bewusst betrachtet", versichert der Rezensent: Denn dann werden wir alle zu Buchhaltern, schließen die Bilanz, "und der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns".
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Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 31.05.2003
Vor zwanzig Jahren erschien Pessoas Hauptwerk - das, wie Joachim Sartorius einen vielleicht ein wenig übertreibenden Freund zitiert, "lebensprägend für eine Generation" wurde - erstmals in deutscher Sprache. Nun eine Neuausgabe, um 260 Seiten ergänzt, die nichts entscheidend Neues hinzufügen, aber Ergänzungen liefern, die der Rezensent nicht mehr missen möchte. Eine Dramaturgie hat die ganz nach innen gewendete Geschichte des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares ohnehin nicht, die Eintragungen des Protagonisten in sein "Buch der Unruhe" verbinden sich, so Sartorius, nach Art der "Kacheln eines portugiesischen Innenhofes", messen, nach und nach, den "inneren Raum" des Weltverhältnisses von Soares aus. Und dieses Verhältnis ist geprägt von einem düsteren Gefühl der Nichtzugehörigkeit, es geht um ein Leben, das tot scheint, einen Tod im Leben, um "nichtige Wirklichkeit". Diese Notate, zu sich selbst gesprochen, fügen sich nichtsdestoweniger, befindet Sartorius, zu einem "bewegenden, niederziehenden, großartigen Buch". In seiner neuen Form hat es nichts verloren und nur gewonnen, die alte "Magie", der "schimmernde Magnetismus", den der Rezensent erinnerte, ist geblieben und um Eintragungen gleicher Güte ergänzt.
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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2003
Für Rezensent Richard Kämmerlings rückt Portugal mit diesem, 1982 zuerst aus Pessoas Nachlass herausgegebenem Buch, vom Rand ins Zentrum der europäischen Moderne. Pessoas Lissabon sieht er "in der fiktiven Topografie" seitdem "neben dem Dublin des James Joyce, dem Prag Kafkas, dem Wien Musils, dem Triest Svevos" liegen. Der Herausgeber und Übersetzer der deutschen Erstausgabe von 1985 sei freilich mit dem Textkorpus wenig zimperlich umgegangen und habe weniger als die Hälfte des Textes darin aufgenommen, die dem Rezensenten deshalb eher als "Handorakel der Weltverachtung für die Manteltasche" erschien. Angesichts der Neuedition reibt er sich nun ungläubig die Augen und sieht den (auch durch weitere Zuordnung von Nachlassfragmenten) Pessoa-Kontinent in seiner Ausdehnung "schlichtweg verdoppelt". Es handelt sich seinem Eindruck zufolge um ein "völlig neues, umfangreiches Werk", dessen "Längen- und Breitengrade, dessen Höhenkämme und Küstenzüge" er allererstens zu vermessen findet. Als "Steinbruch, als Fundgrube von Beobachtungsfragmenten, Gedankensplittern und Aphorismen" findet der begeisterte Rezensent das Buch so unerschöpflich wie das Leben selbst.
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