Aus der Amazon.de-Redaktion
Mit einem hat Werner Fuld sicherlich Recht: Wissen allein genügt nicht. Man muss auch Zusammenhänge verstehen und Bezüge herstellen können. An unseren Schulen kommt die Sorte von Lehre, die eben dazu befähigte, in der Tat entschieden zu kurz! Und deshalb nützt später denn auch vielen, zumal den Studenten, ihr ganzes Wissen nichts. Punktum.
Mit einem aber hat Werner Fuld sicher nicht Recht -- dass wir nämlich durch die Bank (wirklich) zu viel wüssten. Beispiel dafür, dass der Autor (auch zweier Lexika zu einigermaßen abseitigen Themen!) manchem Missverständnis aufsitzt, ist seine Forderung nach der weit gehenden Abschaffung des Geschichtsunterrichts in den Schulen: "Nur noch die deutsche Geschichte seit 1945 sollte eigenständiger Lerninhalt bleiben." Dazu bedarf es wohl keines Kommentars. Und ebenso unkommentiert kann man Fulds Ratschlag lassen, man solle keine Bücher lesen, zumindest keine Klassiker ("Die Kanon-Debatte: Warum die Lektüre von Klassikern dumm macht").
Zwar kommt der Büchermacher und Literaturkritiker durchaus zu manch richtiger Erkenntnis, die Überspitzung jedoch (Klappentext: "Bildung macht dumm!"), mit der der Autor um die Aufmerksamkeit all derer buhlt, die immer noch -- welch eine Zeitverschwendung -- Bücher lesen, wirkt vielfach doch arg aufgesetzt. Trotz allem: Die Auseinandersetzung mit Fulds Thesen, ob wir ihnen nun zustimmen oder nicht, ist keine schlechte Vorbereitung auf die anstehenden Bildungsdebatten, die wir so vielleicht besser verstehen. Ob es darauf tatsächlich ankommt? Vermutlich nicht. Aber wirklich schaden tut's sicher nicht, wenn man weiß, was von dem einen oder anderen Argument eigentlich zu halten ist. --Hasso Greb
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
changeX
Deutschlands Schulen leben noch im 19. Jahrhundert, so Fulds Argument. Unnützes, veraltetes Wissen vernebelt den Schülern die Sinne. Sie werden immer dümmer, weil ihnen das notwendige Wissen für Gegenwart und Zukunft vorenthalten wird. Schluss mit Goethe, Sinuskurven und Ablativ! Er rät zur Abschaffung von Mathematik & Co. in ihrer bisherigen Form.
Das Erstaunliche war, dass nach dem miserablen Abschneiden der deutschen Schüler in der PISA-Studie die Folgerung war, unsere Schüler müssten wieder mehr lernen, merkt Fuld an. Anstatt zu erkennen, dass sie etwas anderes lernen müssen. Sie lernen nur Daten und Fakten, aber was PISA abgefragt hat, waren Zusammenhänge. Dass Schule Allgemeinbildung vermitteln will, hält er für veraltet. Die Schule versuche immer, einen tradierten Kanon zu vermitteln. Vollkommen unabhängig davon, ob Bestandteile dieses Kanons nun veraltet sind oder nicht. Sein Argument: Wir brauchen heute nicht mehr nur ein anderes Wissen, sondern auch ein anderes Menschenbild. Eines, das von der Aufklärung verschüttet worden ist. Es geht in der Bildung zunächst um Anschauung, um Ästhetik, um die Wahrnehmung von Dingen. Aus Wahrnehmung, aus Ästhetik und Ethik entsteht eine andere Sicht auf die Welt als die, die wir durch die klassische Schulbildung erhalten. Weil die Schule selbst nicht auf der Höhe der Zeit ist.
Die kontroversesten Stellen seines bewusst provokanten sind sicher die, in denen Fuld leicht zynisch einen Urlaub von Auschwitz fordert. Wir haben ganz dringende Probleme in unserer Gesellschaft zu lösen. Wir lösen sie nicht, wenn wir uns ständig mit der Vergangenheit beschäftigen, argumentiert er und kritisiert, dass wir heute außerordentlich genau informiert sind über die Täter, die ganze Nazi-Bürokratie bis hin zu Hitlers Leibkoch und Chauffeur. Diese ganze Kenntnis setzt uns nicht in die Lage, Auschwitz zu verstehen. Ein Besuch des Jüdischen Museums macht diese Faktenansammlung vollkommen überflüssig. Der Terror wird durch die Anschauung des Grauens präsent.
Es ist zu hoffen, dass sich Fulds Kritiker nicht an diesen Passagen festbeißen, sondern der eine oder andere seiner Denkanstöße ins Schulsystem einsickert.
(c)changeX Online-Magazin für Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.