Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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23 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Einseitiger Blick auf ein facettenreiches Land, 1. Februar 2006
Roger Willemsen, im Fernsehen trotz ernsthaftem Journalismus nicht sehr geliebt wegen seiner verzärtelten Art, kehrt zum Schreiben zurück, und hinterläßt mit "Deutschlandreise" ein zwiespältiges Buch. Die Idee ist spannend, jedoch nicht neu. Mit wachem Blick reist er durch das Land, zieht den Vorhang der Idylle beiseite und macht sich auf die Suche nach der Befindlichkeit der Menschen. Die Episoden sind kurz, zum Teil nur fragmenthaft - dazwischen eigene Beobachtungen und Betrachtungen des Autors. Aber es ist kein zärtlicher, kein versöhnlicher Blick, sondern ein ziemlich arroganter. Willemsen schaut auf die Menschen herab, die Nutten, Ausländer, Ehepaare und seziert gnadenlos. Das erste was einen gefangennimmt ist seine Sprache: präzise, ironisch, und überaus vergnüglich spielt er mit Worten, skizziert Szenen mit wenigen Strichen so genau, dass sie sofort vor einem lebendig werden. Im Alltäglichen findet er das Groteske, im Bürgerlichen findet er die Abgründe. Aber mit dem Lesen breitet sich ein ungutes Gefühl aus. Ohne Unterlass gießt er Häme und Zynismus über die Akteure seiner Episoden aus. Er behauptet von sich, mit den Menschen gewesen zu sein, aber die intellektuelle Kluft seiner erbarmungslosen Betrachtungen läßt ihn distanziert und kalt wirken. Keine der Begegnungen wirkt luftig oder erheiternd, seine Farben sind trist, seine Bilder deprimierend - er bleibt in seiner eigenen Reise ein fremder, sowie das Land über das er schreibt dem Leser fremd wird. Irgendwann entsteht die Frage, was Willemsen mit diesem Buch bezweckt. Für einen umfassenden Blick bleibt er zu einseitig, für eine Abrechnung wird er nicht böse genug, für einen Blick auf sein Heimatland ist sein Ton nicht versöhnlich genug. Man gewinnt den Eindruck, hier entsteht eher ein trauriges Portrait über die Befindlichkeit eines Autors als über das Portrait eines Landes. Mag es typisch deutsch sein, das eigene Land mit soviel beißender Häme zu überschütten?
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24 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Ohne Zusammenhang, 29. Juni 2004
Vorneweg: Ich mag Roger Willemsen. Ich mag ihn sogar sehr. Für "Willemsens Woche" habe ich manchesmal meinen Terminkalender an einem Freitagabend angepaßt.Aber die Sympathie hilft nicht. Das Buch ist gründlich mißlungen. Der Ansatz und die Idee erschienen mir so interessant, daß ich das Buch gekauft habe. Na ja, und wegen Roger Willemsen eben. Ich ärgere oder langweile mich nicht allzu oft während ich ein Buch lese. Dazu lese ich nicht wahllos genug. (Das letzte Mal bei Martin Walsers "Tod eines Kritikers", damals allerdings noch viel mehr als jetzt.) Gelangweilt habe ich mich bei der "Deutschlandreise". Zum Glück ist das Buch kurz genug, denn ich lese jedes Buch zu Ende. Wohl aus Anstand dem Autoren gegenüber, vielleicht auch, weil ich mir Besserung erhoffe. Letztere kam bei Willemsen nicht. Beispiel: "Im Stadtbild, in den Namen der Läden, den Kleidern der Menschen ist alles gleichzeitig anwesend, die Stile und die Zeiten verschränken sich. Die Harmonika und die lustige Fidel sind spezialisiert auf ein Heimweh ohne Heim." Verständlich? Nein, werden manche sagen, denn es ist aus dem Zusammenhang gerissen. Es gibt keinen Zusammenhang! Und das ist ein zufällig beim Aufschlagen gewähltes Beispiel. Es gäbe Hunderte davon. Intellekualität alleine macht noch kein gutes Buch. Es tut mir leid, Roger, wirklich. Mehr als ein zusätzlicher Sympathiestern ist nicht drin.
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Kommentiert um des Kommentierens willen mit dekonstruktivem Durcheinander, 8. Juli 2007
Elke Heidenreich hat recht, wenn sie auf der Buchrückseite das Werk zwischen Sachbuch und Belletristik einordnet, denn es ist von beidem ein bisschen. Aber ob sie auch darin richtig liegt, dass sie Willemsen als Dichter bezeichnet? Dichter an Deutschland dran als jeder Reiseführer? Das kann man wohl höchstens an seiner Art zu schreiben festmachen, denn seine Formulierungen sind raffiniert und elegant, zeigen Schönheit, Vielseitigkeit und Härte der deutschen Sprache und füllen viele Zeilenzwischenräume. Aber beschreibt er Menschen wirklich so, dass wir in ihr Herz sehen? Das macht für Frau Heidenreich den Dichter aus. Und vielleicht findet sich das wirklich irgendwo zwischen den Zeilen, wenn man gewillt ist, tief genug zu graben und all die schlichten Informationen über diese Menschen, all die Behauptungen und vielleicht gar Vorurteile beiseite zu räumen, die bei einem Großteil seiner Beobachtungen über den Zeilenrand hinaus schwappen. Vermutlich ist man aber dazu nur bereit, wenn man den Autor ohnehin gut kennt. Sowas verleiht bisweilen einen Röntgenblick, der einen zwischen den Zeilenzwischenräumen lesen lässt. Andere drohen allzu leicht, sich darin zu verirren ...
Deutschland elend Vaterland. Willemsen rezensiert sein Heimatland mit der intellektuellen Distanziertheit eines Ethnologen vom Mars, uns überlegen wie wir den Tieren, und Deutschland kommt dabei ziemlich schlecht weg. Das Land der Dichter und Denker findet er nicht, wirkt selber, als wäre er deren letzter. Er findet nur das Land der Konsumorientierten und derjenigen schlichten Gemüts, beklagt, etwas überspitzt ausgedrückt, in den Städten den (materialistischen) Fortschritt und auf dem Land die (intellektuelle) Rückständigkeit und irgendwie weiß man als Leser gar nicht, was er überhaupt will.
Und das ist es, er will nichts aussagen, will Meinung kund tun, aber nicht Meinung machen, und so liest sich das ganze Buch wie eine Abrechnung mit Deutschland. Nichts bleibt von seinem Sarkasmus verschont, nur sehr wenige Begegnungen nötigen ihm einen gewissen Respekt ab, und diese Passagen lesen sich dann, als winde er sich innerlich unter dieser Tatsache. Besonders hat er es auf Touristen abgesehen und auf dicke Kinder Willemsen ist vermutlich der einzige Autor, dem man diese Ehrlichkeit, die eigentlich Gehässigkeit ist, lobend durchgehen lässt. Und diese Gehässigkeit kann er auch wunderbar ausspielen, denn wer sich in Berlin im heruntergekommensten Hotel im schäbigsten Viertel einquartiert, der hat auch viel zu lästern.
Manche Passagen sind noch unverständlicher als andere. In Bonn besucht Willemsen ein Bordell, lässt seine Aufmerksamkeit dort vor allem von dem Fernseher gefangen nehmen, der im Arbeitszimmer der ihm zugeteilten Dame flimmert, und geht unverrichteter Dinge wieder, nur um festzustellen, dass besagte Dame im Arbeitsmodus ein anderes Gebaren an den Tag legt als zu Begrüßung und Abschied. Was soll uns das über diese spezielle Begegnung sagen? Nichts. Was sagt es uns über Bonn und Bonner, über Deutschland und Deutsche im Allgemeinen? Wieder nichts.
Andere Passagen wirken, als wäre der Besuch der betreffenden Stätte nur Vorwand, um bestimmte Äußerungen loszuwerden. Der Autor besucht Dresden, verliert aber über die Stadt und ihre Bewohner nur wenig Worte, seine langen Ausführungen zu den Themen Wende, Wiedervereinigung und Verwestlichung des Ostens wirken wie vorgeschrieben, wie nie abgeschickte Leserbriefe voller Meinung und Kritik.
Willemsen kommentiert um des Kommentierens willen, zwischen seinen Zeilen herrscht dekonstruktivistisches Durcheinander. Der Autor ist intellektuell und kulturell und hat sich für seine Deutschlandreise meistens jene Orte ausgesucht, in denen er damit seiner Umgebung überlegen ist. Letztenendes trifft das wohl auf ganz Deutschland zu. Wann liest man sein Buch? Besser nicht während einer Zugfahrt, sonst will man gleich umsteigen und Deutschland verlassen. Die kurzen Anekdoten kann man mal eben zwischendurch lesen, haben sich als Klolektüre gut bewährt. Wer liest das Buch? Die Patrioten werden es verteufeln, die Deutschlandfrustrierten es in biblische Höhen erheben Recht hat er, Endlich hat das mal einer gesagt. Die Kulturbegeisterten und Intellektuellen werden es gut finden, sei es wegen des scharfzüngigen Stils, der dem Buch den zweiten Stern rettet, oder weil sie eben jene scharfe Zunge fürchten. Die vielen Menschen zwischen diesen Extremen werden Willemsens Deutschlandreise wohl größtenteils nichts abgewinnen können, wofür man zum Glück kein Patriot sein muss, oder ihn schlicht und ergreifend nicht verstehen. Um des Autors Kritik an der Konsumorientiertheit entgegen zu kommen, bietet es sich als ersten Schritt an, dieses Buch nicht zu konsumieren.
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