Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
"Nur für Verrückte" (Tractat vom Steppenwolf), 18. Oktober 2009
Diesen 1927 erschienenen Roman kann man mit gutem Gewissen als das Werk bezeichnen, das den Weltruf des Autors begründete. Er ist nicht nur die originellste, sondern auch die autobiographischste von Hesses vielen Erzählungen. Der Protagonist Harry Haller teilt mit Hermann Hesse fast alles, seine Physiognomie, Gewohnheiten und Erfahrungen, sein Verhältnis zu Frauen, zu Musik, Literatur und Politik, auch seine Krisen und Phantasien entsprechen sämtlich denen des Autors. Äusserlich ist er wie Hesse etwas nachlässig gekleidet, trägt kurzgeschnittenes Haar und ist von höflicher Zurückhaltung. Er steht spät auf, leidet an Migräne, schlechter Verdauung, verschlingt Bücher, raucht Zigarren und ist dem Alkohol ergeben.
Haller ist ein vereinsamter Mann von fünfzig Jahren, der Schwierigkeiten hat, enge Beziehungen zu knüpfen. Die Isolierung und Unabhängigkeit, die Haller schätzt, werden allmählich zum Gefängnis, und er fürchtet die Konfrontation mit seinem Ich, die noch weiter einschüchternde Entfremdung, welche eine neue Lebenskrise mit sich bringen würde. Zwar ist er ernstlich versucht Selbstmord zu begehen - ja kokettiert sogar mit diesem Gedanken - aber entschliesst sich, diese Hölle nochmals zu durchschreiten.
Der Schauplatz ist eine namenlose Stadt, lässt sich aber unschwer mit Hesses Basel identifizieren, das jedoch, je weiter der Roman fortschreitet von Zürich überlagert wird. Haller nimmt Tanzstunden und sucht menchlichen Umgang auf einer einfachen, physischen Ebene. Hermine, die rätselhafteste von Hallers neuen Bekannten, veranschaulicht die Doppelbödigkeit des Romans. Sie ist eine attraktive und gepflegte Prostituierte, führt Haller in die Genüsse der Großstadt-Halbwelt ein und macht ihn mit ihren Freunden Pablo und Maria bekannt. Aber obgleich Haller mit der sinnlichen Maria eine beglückende erotische Beziehung erfährt, gelingt ihm keine wirkliche Überwindung seines Intellektualismus, seiner Lebensuntüchtigkeit und seiner dualistisch-neurotischen Selbstinterpretation.
Ein alljährlich stattfindender Maskenball, den Haller zum ersten Mal besucht, führt zum Höhepunkt des Romans. Zuerst ist Haller mürrisch und niedergeschlagen, taut jedoch auf als Hermine erscheint. Sie tanzen leidenschaftlich und geniessen Umarmungen und Küsse bis in die frühen Morgenstunden. Pablo lädt die beiden in seine Wohnung zu einer Drogen-Party ein. Als Haller aus seinen Phantasien wieder erwacht, findet er Hermine und Pablo nackt nebeneinander schlafen, vom Geschlechtsverkehr erschöpft. Nun folgt eine philosophische Betrachtung über Idee und Erscheinung und die Notwendigkeit, über das scheinbar Reale lachen zu lernen und nur des Idealen eingedenk zu sein.
Aus Hallers Geschichte geht deutlich hervor, dass auch Hesse genug über einige halluzinogene Drogen wusste, um ihre bewusstseinserweiternde Wirkung beschreiben zu können. Haller geniesst jedoch auch ohne Drogeneinfluss Augenblicke der Erleuchtung, die Hesse bereits 1922 in"Siddharta" beschrieb.
In den zwanziger Jahren war der "Steppenwolf" zweifellos neuartige literarische Kost, überraschte das Publikum und verwirrte Bekannte und Freunde. Hesse beschrieb seinen Roman in einem Brief an Georg Reinhardt so: "Es ist die Geschichte eines Menschen, welcher komischerweise darunter leidet, dass er zur Hälfte ein Mensch, zur Hälfte ein Wolf ist. Die eine Hälfte will fressen, saufen, morden und dergleichen einfache Dinge, die andere will denken, Mozart hören und so weiter, dadurch entstehen Störungen, und es geht dem Mann nicht gut, bis er entdeckt, dass es zwei Auswege aus seiner Lage gibt, entweder sich aufzuhängen oder aber, sich zum Humor zu bekehren."
|
|
|
11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Bibel der Individualität, 16. November 2008
Ein Freigeist in der Sinnkrise: Harry Haller hält sich selbst für einen »Steppenwolf« und steckt in einer tiefen Depression. Er führt eine Hassliebe zur normalbürgerlichen Welt und hat den rechten Bezug zu ihr verloren. Nichts bereitet ihm mehr Freude. Stattdessen hat Harry nur noch die Kunst und seinen Idealismus im Sinn. Er verurteil jeden, der nicht auch von seinem hohen Wissensstand ist. Niemand versteht ihn dabei.
Den einzigsten Ausweg für ein Geschöpf, wie Harry sich für ein Solches hält, sieht er im Suizid. Doch dann hat er eine schicksalhaft Begegnung mit eine Frau namens Hermine, die auf mysteriöse Weise mit Harry verbunden scheint. Sie macht mit Harry einen Pakt: Sie will ihm wieder die Freude am Leben beibringen. Wenn ihr dies gelingt, soll er sie dafür töten.
Die Probleme, mit denen Haller in seiner Depression zu kämpfen hat, sind nicht aus der Luft gegriffen. Jeder halbwegs individualisierte Mensch und besonders solche, die bereits an einer Depression gelitten haben, verstehen Harrys Leiden. Die Nähe des literarischen Alter Egos zu seinem Erschaffer machen die Gefühle, die im »Steppenwolf« zum Ausdruck kommen, noch greifbarer.
Mit Hochspannung verfolgt der Leser den abenteuerlichen Läuterungsprozess, den Hermine Harry durchlaufen lässt. Dabei hat Harry zahlreiche surreale Erlebnisse mit großen Künstlern, Frauen, Drogen, Gewalt und der Bestie in seinem Innern. Auch die starke Tiersymbolik beeindruckt den Leser. Harrys Steppenwolftum wird so zum Sinnbild der scheinbaren Unvereinbarkeit von künstlerischer Individualität und Bürgerlichkeit.
Man kann bei »Der Steppenwolf« wohl von Hesses wichtigstem Werk sprechen. Hätte er dieses Werk nicht geschrieben, er hätte wohl nie seinen heutigen Stellenwert erlangt.
Ich kann den »Steppenwolf« nur uneingeschränkt weiterempfehlen. Es handelt sich dabei um mein Lieblinsbuch von meinem Lieblingsautoren. Mittlerweile habe Ich den »Steppenwolf« schon als Theateraufführung genossen und zweimal gelesen und bekomme einfach nicht genug davon. Es handelt sich um eines jener Bücher, welche man immer wieder lesen kann, und an welchen man immer wieder etwas neues entdeckt.
|
|
|
5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Nicht nur für ältere Semester, 18. Dezember 2008
Harry Haller oder der Steppenwolf, wie er sich selbst bezeichnet, hat besonders ein Problem: zwei Seelen wohnen, Ach!, in seiner Brust - eine menschliche und die eines Wolfs. Aber damit wäre noch lange nicht alles gesagt, im Gegenteil: Um den Menschen Harry H. überhaupt verstehen zu können, müssen wir viel tiefer gehen, viel weiter ins Herz seines Lebens vorstoßen.
Als annähernd 50-Jähriger bezieht Harry eine Mansarde im Dachstock einer bürgerlichen Familie. Die Frau des Hauses, eine ältere Dame, schließt den Fremden sofort in ihr Herz, ihr Neffe jedoch ist anfangs etwas skeptisch gegenüber dem neuen Mieter. Schließlich führt der Fremde alles andere als ein geregeltes Leben. Er arbeitet nicht, bleibt oft nächtelang fort und betrinkt sich regelmäßig. Erst nach der plötzlichen Abreise des Harry H. erfährt der Neffe seine ganze Geschichte, denn im Nachlass des Mieters befindet sich ein Manuskript, das Harry während seines Aufenthalts geschrieben hatte. Die Erzählung beginnt hier aber erst richtig, denn man erfährt nach und nach was der Steppenwolf während seiner Zeit bei der Bürgersfamilie getrieben hat, wie er gehadert hat mich sich und dem Leben. Kurz bevor er sich das Leben nehmen will, trifft er Hermine. Sie bringt ihm nicht nur das Tanzen bei, nein sie macht ihn auch mit Pablo und Maria bekannt und führt ihn so zurück ins Leben. Im Magischen Theater lernt er nicht nur sich und seine verschiedenen Persönlichkeiten kennen, er nähert sich auch den Unsterblichen, seinen Ikonen, vor allem Mozart, der ihn sogar mit dem Jazz versöhnt. Am Schluss wird er von ihnen zum Leben verurteilt und er begreift alles.
"Oh, ich begriff alles, begriff Pablo, begriff Mozart ...,ahnte erschütternd den Sinn, war gewillt das Spiel nochmals zu beginnen, seine Qualen nochmals zu kosten, vor seinem Unsinn nochmals zu schaudern, die Hölle meines Innern nochmals zu durchwandern."
Hermann Hesse wurde mit diesem Roman zum Wegweiser für eine ganze Generation, obwohl nicht unumstritten, denn es wird Hesse eine alkohol- und drogenverherrlichende Position vorgeworfen, die aber meiner Meinung nach deutlich übertrieben ist, da Hesse in keinster Weise den Leser dazu verleitet selbst in dieser Richtung tätig zu werden. Vielmehr möchte er, wie auch im Siddharta, die Selbstsuche, die Persönlichkeitsbildung und den Wert des Lebens in den Vordergrund stellen. Aber er stellt sich auch gegen das Bürgerliche und den Krieg, die er beide sehr verabscheut.
Für mich ist der Steppenwolf in vielerlei Hinsicht ein großer Roman. Seine psychoanalytischen Aspekte, die wohl auf Hesses Kontakt zu Carl Gustav Jung zurückzuführen sind und die anti-kriegerische Tendenz machen ihn sowohl für Ältere als auch für die Jugend der heutigen Zeit interessant.
|
|
|
Die neuesten Kundenrezensionen
|