Lesezeichen Ein seltsamer Vater mit Namen Jurek - «Ihr Unvergleichlichen»: Jurek Beckers Briefe 19691996 Als Schüler in der DDR hatte Jurek Becker, 1937 im polnischen Lodz geboren, eine denkwürdige Begegnung. Da sass in der Schulaula, neben «mäusigen Lehrern», ein «Ausserirdischer»: der berühmte Schriftsteller Stephan Hermlin. «Ich glaube, es war der stärkste Eindruck, den je ein Mann auf mich gemacht hat. So einer, wie der da oben, wollte ich werden, so prächtig und anziehend war mir Schriftstellerei noch nie begegnet.» Das gesteht der Verehrer seinem Idol im Frühjahr 1995, zwei Jahre vor seinem Tod, in einem Brief zu Hermlins achtzigstem Geburtstag. Seit der frühen Begegnung wollte der kleine Jurek Schriftsteller werden und er ist es geworden. Er hat ein grossartiges Buch geschrieben, «Jakob der Lügner», vielleicht das heiterste Werk über existenzielle Not und menschlichen Erfindungsgeist, das sich denken lässt, und viele weitere achtbare Romane und Geschichten, die dem grossen Wurf nicht nacheiferten die Themen variierten und doch im Schatten des Mythos verblassten. Er kämpfte um sein Bild von sich selbst, das Bild eines anerkannten Schriftstellers; er war erfolgreich und gewiss ganz «unvergleichlich», aber war er «prächtig und anziehend» genug, um den eigenen Erwartungen zu genügen? Von solchen Skrupeln, auch davon, handeln verdeckt die werbenden, lockenden, zornigen, genervten, (selten) deprimierten und fröhlichen Briefe an etliche Adressaten, die man nun nachlesen kann. Kränkungen Jurek Becker war ein eitler Mensch, «prächtig und anziehend» wollte auch er selber sein, als Mann und als Autor. Und er war ein charmanter Briefschreiber. Die nicht wenigen Depeschen, die in die Frankfurter Lindenstrasse, in den Suhrkamp-Verlag, geschickt wurden, zeugen beredt von Beckers stupender Fähigkeit, Süssholz zu raspeln. Mit der Lektorin und Kollegin Elisabeth Borchers wie auch mit Unselds Sekretärin Burgel Zeeh pflegt Becker galante Flirt-Beziehungen: «Liebe gute beste Burgel Zeeh, danke für den neuen Becker», oder: «Liebes Lieschen», oder kokett, noch vor der Anrede placiert: «Na schön, dann schreibe ich Dir eben wieder», oder im Postskriptum: «Das ist ein Liebesbrief, dem man es nur schwer ansieht.» Wiederholt fühlt Jurek Becker sich jedoch genötigt, seinen Status als Suhrkamp-Autor zu behaupten und zurechtzurücken. Bei einer Werbekampagne für eine Taschenbuchreihe sieht er seinen Roman «Der Boxer» «sorgsam ausgespart» und deutet diesen Vorgang, in einem Brief an Siegfried Unseld vom 22. Mai 1979, als «ein deutliches Zeichen der Minderschätzung» seiner Person gegenüber anderen Autoren, «den immer wieder genannten». Der Ton verschärft sich noch, als die Programmvorschau vom Herbst 1982 auf ihrer Frontseite Fotos von zwölf Autoren zeigt, darunter aber nicht die von Jurek Becker, dessen Roman «Aller Welt Freund» anzukündigen ist. «Ich will Dir dazu mitteilen», schreibt der Übergangene wiederum an Unseld, «dass ich eine solche Demütigung nicht stillschweigend einstecken werde.» Und er verlangt nicht nur «eine Erklärung», sondern in der Manier eines Verhandlungsvirtuosen, der Schaden in Nutzen verwandeln will, «aussergewöhnliche Werbemassnahmen für mein kommendes Buch [. . .], die erheblich über das hinausgehen, was normalerweise dafür getan worden wäre». Der hochempfindliche Ästhet in der Rolle des Geschäftsmanns das ist nur der äussere Aspekt der Angelegenheit. Darunter liegt ein heikles Selbstwertproblem, das nichts mit Attitüde zu tun hat, wie der herzzerreissende Schluss des Briefs verrät: «Ich will zuletzt nur noch anfügen, dass diese Prügel mich aus einer Richtung getroffen haben, aus der ich es niemals erwartet hätte, nach der hin ich also ungeschützt war», und die Unterschrift lautet: «Mit schönsten Grüssen» so ziemlich die kühlste Floskel, deren dieser heissblütige Schreiber wohl fähig war. Ein «Choleriker», so nennt er sich ja gelegentlich selbst, aber auch einer, der mitunter die Zweifel daran hervorplatzen sieht, dass andere ihn so «prächtig und anziehend», so Hermlin-mässig erleben, wie er es gern wäre. In seiner ersten Frankfurter Poetikvorlesung erzählt Becker, dass er erst mit acht Jahren, nach der Befreiung aus dem KZ Sachsenhausen, Deutsch gelernt habe (bis dahin sprach er ein rudimentäres Polnisch), und zwar mit dem starken Ehrgeiz nach absoluter Perfektion und Korrektheit; er sehe darin eine frühe Konditionierung, die er für einen Schriftsteller als schrecklichen Nachteil empfinde: «Ich liebe ja solche Autoren, die Regeln verletzen, die Sprache zerbrechen, wie um nachzusehen, was drin ist. Das liegt mir nicht, und wenn ich es doch versuche, habe ich das Empfinden, mich zu verstellen.» Hier offenbart sich freimütig die Sorge, dem eigenen Ideal der Sprachsouveränität nicht entsprechen zu können, gewissermassen nur ein Meister zu sein und kein Genie und dieser Komplex, um es einmal so zu nennen, könnte die Verletzlichkeit erklären, die der ja durchaus hoch geschätzte Jurek Becker hin und wieder an den Tag legt. Er kompensiert sie, an anderer Stelle, gegenüber seinem holländischen Freund Jaap Walvis, mit Stolz und Selbstironie: «Weltliteratur schreibt sich nicht von alleine, irgendeiner muss es schliesslich tun, und die meiste Arbeit bleibt an uns Juden hängen, wie üblich.» Selbstoffenbarung Anrührend und bewegend ist ein langer Brief, den Jurek Becker am 7. November 1983 an seinen neunzehnjährigen Sohn Leonard schreibt. Die Ehe, aus der der Sohn stammt, wurde einige Jahre zuvor geschieden; der besorgte Vater bedenkt die Skrupel, die ihn beschäftigen, wischt sie beiseite, möchte keine Ratschläge geben, tut es dann doch, indem er von sich selbst erzählt. «Ich bin überzeugt davon, dass die meisten Menschen nicht etwa deshalb unglücklich oder [. . .] unzufrieden sind, weil sie keinen Weg finden, um ihre Wünsche zu erfüllen, sondern weil sie ihre Wünsche nicht kennen.» Und er teilt dem unzufriedenen Sohn mit, «dass es nur eine einzige Art von lang anhaltender, zuverlässiger Zufriedenheit gibt: sich etwas abzuverlangen, Erwartungen an sich selbst zu stellen und diese zu erfüllen». Er bietet seine «Papahilfe» an und unterschreibt, nun wieder ganz kokett: «Ein seltsamer Vater mit Namen Jurek.» Ein einzigartiges Dokument der Liebe liegt hier vor und zugleich eine Selbstoffenbarung, ein Plädoyer für Stolz und Fleiss und Mühe als Mittel der Selbstfindung. Die Einsamkeit des Schriftstellers auf langen Lesereisen, auch sie darf in einem solchen schönen (und sorgfältig kommentierten) Briefband nicht fehlen. In Göttingen, der «Stadt der Kaffeehäuser und Konditoreien», will Jurek Becker kein einziges Café gefunden haben. «So sieht nämlich die Wahrheit über Göttingen aus!» Immerhin ist also, tröstlicher- und ökonomischerweise, die Reise in das Universitätsstädtchen keine Kaffeefahrt gewesen: «Das Hübscheste, was ich beim Spazieren in der Stadt gesehen habe, war ein Plakat für meine Lesung, über dem geschrieben stand: Ausverkauft.» Martin Krumbholz
Jurek Becker war ein wunderbarer, mit großem Humor gesegneter Briefeschreiber. Von 1969 bis 1996 reicht diese Sammlung von Briefen, in denen sich das Werden eines Schriftstellers, seine politische Haltung zwischen den Systemen, seine Bekanntschaften und Freundschaften, wachsender Erfolg und die unablässige Schärfung seines ironischen Talents ablesen lassen.
Die Briefpartner Jurek Beckers sind, abgesehen von den ihm Allernächsten, diejenigen, die ihm alle "sein" Verlag sind: Siegfried Unseld, Elisabeth Borchers und Burgel Zeeh. Er schreibt an Kollegen wie Max Frisch, Uwe Johnson, Günter Grass, Stephan Hermlin, Wolf Wondratschek, Bernhard Schlink und Stefan Heym, an Kritiker und Literaturwissenschaftler wie Marcel Reich-Ranicki, Fritz J. Raddatz, Heinz-Ludwig Arnold, Paul Michael Lützeler und Leslie Willson - aber auch an das Präsidium des Schriftstellerverbandes der DDR, die Polizei Delmenhorst sowie die Kundendienstabteilung eines Elektrogeräteherstellers.
Jurek Beckers Briefe, heraus gegeben von seiner Witwe und der Germanistin Joanna Obrusnik, sind phantastisch eigenwillige Dokumente eines Menschen, dem niemand und nichts gleichgültig und alles von Interesse war.