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In Verteidigung der Gesellschaft: Vorlesungen am College de France (1975 - 1976)
 
 

In Verteidigung der Gesellschaft: Vorlesungen am College de France (1975 - 1976) (Taschenbuch)

von Michel Foucault (Autor), Michaela Ott (Übersetzer)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp; Auflage: 3 (4. November 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518291858
  • ISBN-13: 978-3518291856
  • Größe und/oder Gewicht: 17,8 x 10,9 x 1,7 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 158.624 in Bücher (Die Bestseller Bücher)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Als auf die Körperpolitik des 17. und 18. Jahrhunderts -- sprich: die Disziplinierung des Individuums -- schließlich im 19. Jahrhundert die Biopolitik folgte -- die Beobachtung der Bevölkerung, ihre demographische Erfassung und statistische Messung --, kam es zu einer paradoxen Fragestellung. Wie kann eine Macht töten und Kriege führen, wenn sie doch durch ihre Intervention zugunsten des Lebens definiert ist? Und zwar nicht nur zugunsten des Lebens Einzelner, sondern ganzer Personengruppen, etwa indem der Staat sich dem Problem der sogenannten Volkskrankheiten, oder dem Problem des Alters zuwendet?

Es ist, wie Michel Foucault in der elften und letzten seiner Vorlesungen am Collège de France feststellte, der Rassismus, auf den der moderne Staat das alte Recht des Souveräns, sterben oder leben zu lassen, überträgt. Der Rassismus erlaubt es, die alte Beziehung kriegerischen Typs ("wenn du leben willst, muß der andere sterben") in eine Beziehung biologischen Typs umzustrukturieren. Der Tod des Anderen bedeutet dann nicht nur mein Überleben, weil er meine persönliche Sicherheit erhöht; nein, der Tod des Anderen, der Tod der bösen, degenerierten, niederen Rasse wird mein Leben und das meines Volkes sogar gesünder machen und reiner.

Vor allem dank des Rassismus', so muß man mit Foucault folgern, ist im modernen Staat Kriegsführung noch möglich, und so verwundert es dann sehr viel weniger, daß der Völkermord, sei es in Ruanda, Bosnien oder jetzt Tschetschenien, auch nach Auschwitz noch regelmäßig stattfindet.

Nicht ohne Grund firmieren die nun auf Deutsch herausgebenen Vorlesungen, in denen Foucault vor inzwischen mehr als 20 Jahren über die Entstehung des modernen Geschichtsbewußtseins, die Herausbildung der Begriffe Nation, Klasse und Rasse, oder das Verhältnis zwischen Disziplin und Dialektik räsonierte, unter dem Titel In Verteidigung der Gesellschaft. Komplex und bruchstückhaft angelegt, wie von Foucaults anderen Schriften her bekannt, sind sie heute aktueller denn je. --Brigitte Werneburg -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .



Neue Zürcher Zeitung

Kriegsdiskurs

Michel Foucaults Genealogie der modernen Historie

Politik ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Mitnichten gründet der Staat auf einer Übereinkunft der Bürger. Das Gesetz stützt sich weder auf einen ursprünglichen Vertrag, noch entspringt es dem Quell der Natur. Frieden und Recht erstehen vielmehr aus Ruinen, verwüsteten Landschaften, zerstörten Gesellschaften. Herrschaft geht aus Siegen und Eroberungen hervor. Auch wenn der Lärm der Waffen verstummt ist, geht der Krieg weiter. Er zerspaltet die zivile Ordnung, seine Frontlinien durchkreuzen die Institutionen. Jedes Recht ist nichts als ein Vorrecht, das Parlament kaum mehr als eine vorläufige Befriedung des Bürgerkrieges. Denn unterhalb des Gesetzes schwelt das Feuer weiter. Macht ist Aktion und fortwährender Konflikt, kein sicherer Besitz. Und die Geschichte? Sie ist nichts anderes als eine Geschichte endloser Kämpfe – zwischen Stämmen, Klassen, Völkern, Staaten, Nationen.

Für die offizielle Doktrin heutiger Demokratien dürften derartige Thesen kaum weniger provokativ wirken als für die alten Heilslehren der Despotien. Dass jedes Recht lediglich ein gesellschaftliches Kräfteverhältnis kodifiziert, dass die Institutionen historische Kriegsentscheidungen zementieren und ihre Geltung zuletzt auf Gewalt beruht, diese Denkfiguren des polemischen Diskurses untergraben die gängigen Vorstellungen von Legitimität und Kompromiss. Das Wissen um vergangene Schlachten und Niederlagen ist eine Waffe der Revolte. Es entlarvt die Rechtfertigungen der Sieger, die Ideologie des Konsenses und des versöhnlichen Pluralismus. Indem es sich auf die Seite der Unterlegenen schlägt und an die alten Demütigungen und Prophezeiungen erinnert, entfaltet es subversive Energien – gegen alle überkommenen Formen politischer Herrschaft, auch gegen die «demokratische» Eliteherrschaft.

Michel Foucaults Vorlesungen fehlte es nicht am Pathos der Anarchie. Die allwöchentlichen Vorträge am Collège de France galten seinerzeit als gesellschaftliche Ereignisse. Obwohl wegen Überfüllung auf den frühen Vormittag angesetzt, war der Andrang enorm. Über Lautsprecher wurden die Vorlesungen in die angeschlossenen Räume übertragen. Pünktlich zum Ende stürzten die Studierenden nach vorn, um die Tonbandgeräte abzuschalten. Eine Diskussion fand nicht statt. Später zirkulierten Abschriften auf dem Schwarzmarkt oder im Buchhandel. Die hier anzuzeigende Übersetzung stützt sich jedoch auf die reguläre, mittlerweile auf vier voluminöse Bände angewachsene Gesamtedition, umfasst indes nur die elf Vorlesungen von Januar bis März 1976. Sie resümieren Foucaults Studien zur Disziplinarmacht und «Biopolitik», vor allem aber dehnen sie die Diskursanalyse auf ein neues Feld aus, auf die moderne Historiographie.

Die Rede vom immerwährenden Krieg beginnt nicht bei Machiavelli oder Hobbes. Mit furiosem Gestus verweist Foucault den Naturzustand der Wölfe ins Reich des Imaginären, der Vorstellungen, Bekundungen und Repräsentationen. Nicht blutige Schlachten realer Körper beendet der Leviathan, sondern einen Zustand der Angst und Bedrohung. Nicht der Verfechter staatlicher Souveränität erfand den polemischen Diskurs, sondern dessen Gegenspieler, die radikalen Puritaner und Parlamentarier des 17. Jahrhunderts, die das Regime der Stuarts kurzerhand zur Fortsetzung der normannischen Invasion erklärten und dagegen ein ursprüngliches, angelsächsisches Recht verkündeten. Gegen die Macht der Okkupatoren muss man den Bürgerkrieg weiterführen, lautete die historisierende Propaganda. Obwohl Jahrhunderte vergangen sind, ist das Land noch geteilt nach Sprache, Herkunft, Sitte und Tradition. Es waren die englischen Antiroyalisten, welche zum erstenmal mit der Geschichte im Rücken rebellierten und die Vergangenheit realer und fiktiver Kriege als Waffe für die Zukunft nutzten.

Ähnliche Denkfiguren finden sich bei einem Vordenker der Fronde, dem Aristokraten Henri de Boulainvilliers. Er erinnerte seine adligen Kampfgenossen an ihre fränkische Herkunft, an das vergossene Blut für den König, an die alten Verpflichtungen der Ehre und Treue. Hinter den Texten der königlichen Juristen und Kanzleibeamten ging er zurück auf eine Gegengeschichte des Stolzes und der wilden Freiheit, auf die Geschichte der blonden Barbaren, des Kriegeradels vor seiner Domestizierung bei Hofe. Will man Foucaults genealogischem Rekurs glauben, so zählt zu den Erfindern der modernen Historie nicht zuletzt die französische Aristokratie. In Opposition zum absoluten Fürsten verteidigte sie «die Gesellschaft», den Zusammenschluss von Individuen mit gleichem Status, eigenen Bräuchen und Gesetzen. Im Vokabular der Epoche war es bereits eine «Nation», die nunmehr im Namen der Geschichte das Wort ergriff.

Entgegen einem verbreiteten Vorurteil dachte das aufstrebende Bürgertum konsequent ahistorisch. Es hatte gar keine Vorläufer, auf die es sich hätte berufen können. Erst nach der Revolution, als sich der dritte Stand zur universalen Nation ernannt hatte, richtete sich eine liberale Historie im neuen Staat ein. Sie erklärte die Revolution zur letzten Episode der Kriegsgeschichte und lieferte die gezähmte Zivilgesellschaft ein ins Gehege des Staates – für Foucault zweifellos ein Akt des Verrats an der polemischen Wahrheit der Geschichte.

Der Rest ist bekannt. Der Kriegsdiskurs spaltete sich in die Extreme. Für die Linke wurde die Geschichte zur Geschichte der Klassenkämpfe, eine Vorstellung, die Foucault bei seinen damaligen Zuhörern als geläufig voraussetzen konnte. Der «Staatsrassismus» der Rechten dagegen erklärte die Nation zu einer Frage der Rasse und die Rasse zu einer Angelegenheit der Erhaltung der biologischen Art. Der moderne Rassismus spaltet die Bevölkerung in jene, die leben dürfen, und jene, die sterben müssen. Seinen Praktikern ist der Tod des anderen nicht eine Notwendigkeit des Überlebens, sondern der kollektiven «Volksgesundheit».

Doch der biologische Rassismus ist nur die radikalste Version jener modernen Machttechnologie, die Foucault als «Bio-Macht» bezeichnet hat. Sie widmet sich nicht dem Körper, sondern dem Leben, sie bringt keine disziplinierten Subjekte hervor, sondern reguliert die Fruchtbarkeit der Bevölkerung, steuert die Geburten- und Sterberate, bekämpft Krankheiten, ökologische Verunreinigung und soziale Verunsicherung. Seltsame Verwandtschaften bringt diese Macht hervor, sie führt Bundesgenossen zueinander, welche nicht einmal ahnen, was alles sie verbindet. Um das Leben sorgen sich Reaktionäre und Fortschrittliche gleichermassen, Gentechnologen und Hygieniker, Prediger der Askese wie des Umweltschutzes. Sie zehren von demselben Machtwissen, und sie bedienen sich im Zweifelsfall nur zu gern der alten Macht staatlicher Souveränität. An der Entlarvung solch unheiliger Allianzen und ihrer untergründigen Herkunft mag es liegen, dass man auch nach über zwanzig Jahren die historischen Ausfälle Foucaults, dieses Partisanen am Katheder, nicht ohne Sympathie und Gewinn liest.

Wolfgang Sofsky -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .


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5.0 von 5 Sternen Ein Krieg es zu lesen..., 30. Juli 2009
ein sehr interessantes buch! ich frage mich nur, ob michel foucault auch diese vorlesungen meint, wenn er sagt, dass er sich "früher" zu sehr auf macht konzentriert hätte. gleichwohl ist es ein lehrreiches werk, welches mit dem starren muster von macht bricht, dass man wohl noch heute in den wissenschaften findet. es ist insofern noch nicht überholt, denn foucault wird eher zurückgewiesen oder verschwiegen von der menge, anstatt auseinadergerissen und diskutiert zu werden. zum auseinanderreissen ist dieses werk allerdings ein wahnsinnsinstrument.
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